Wann geht’s endlich los? Geduld ist gefragt bei der Rondellfeier des Maientags. Wenige hundert Meter weiter ist erst vor wenigen Minuten ein Mensch bei einem Unfall ums Leben gekommen; doch das wissen die wartenden Gäste nicht. Sie haben allenfalls den Hubschrauber gesehen, die Martinshörner gehört. Zäh tröpfeln die Gruppen ins Rondell. Endlich kühler Schatten, wird mancher denken. Die Fotografen sind eher verzweifelt. Das Wechselspiel des Lichts ist für sie ein Graus. Lieber ein bedeckter Himmel…
Der Musikverein Vaihingen hat neben der Ehrengasttribüne Stellung bezogen. „Dann halt noch eins“, brummt Bruno Gießer, der inzwischen nur noch sehr sparsam dirigiert. „Oh happy day“ erklingt zum x-ten Mal. Und „Ice Cream“ darf nicht fehlen. Jetzt sind auch die Kleinglattbacher Ratten und die Roßwager Esel da. Auf die Gefahr hin, sich wieder einen Leserbrief einzufangen, gibt Gießer das Signal für den Radetzky-Marsch.
Gudrun Breitinger kann um halb zwölf endlich mit ihrer Moderation beginnen, Neben den lieben Kindern heißt sie vor allem die Gäste aus Ungarn mit der Tanzgruppe „Morgenstern“ willkommen. Johanna Grözinger schreitet würdevoll zum Mikrofon unter der Platane. Die Schülerin der Klassenstufe 12 aus dem Stromberg-Gymnasium setzt sich mit dem Maientagsmotto auseinander: „Es sind Begegnungen mit den Menschen, die das Leben lebenswert machen.“ Ohne die Hilfe anderer Menschen könne man das Leben nicht meistern. Leider hätten in unserer Zeit die Begegnungen an Bedeutung verloren, es bleibe kaum mehr Zeit für ein ausführliches Gespräch. „Dabei verlieren wir oft das Wesentliche aus den Augen, die Tatsache, dass jede Begegnung eine Art Gewinn ist.“ Mit dem Leben verhalte es sich wie bei einem Hausbau: „Die Fertigstellung ist ein langer Prozess und erst mit den vielen unterschiedlich Beteiligten wird das Haus letztendlich ein ganzes.“ Kein Mensch sei zu dumm, als dass man nicht noch etwas von ihm lernen könne, habe ihre Großmutter gesagt. Aber auch fiktive Figuren könnten Vorbild sein. „Und letztlich sind es die kleinen Begegnungen, die uns berühren. Der nette, alte Mann auf der Straße muss kein Weltstar sein, dass er es wert ist, mit Respekt behandelt zu werden.“
Der Liedvortrag mit „D’Zit isch do“ ist etwas ungewohnt, doch dafür sind die anschließenden Verse des Gedichts von Josef Reinhardt und Gustav Wirsching genau das, was alle im Rondell hören wollen. Katja Danner, Lea Zackel, Jasmin Kühnert und Lukas Rüdiger schmettern die Reime frank und frei raus. Die Horrheimer Grundschüler beschäftigen sich mit „Unserem Tim“, die Gündelbacher Abteilung erträumt sich ein Land. Und bei der Waldorfschule präsentiert man sich im Kollektiv: 35 Kinder tragen August Lämmles „Schwabenland“ vor. Da muss niemand ausgewählt werden, der ein Gedicht vortragen darf.
Dann kommt Stimmung auf, der Lauf nach dem Maien steht an. Die Flößer markieren die Rundbahn, bei den Mädchen fliegen die Röcke, die Jungs liefern sich erbitterte Positionskämpfe. Und mit Laura und Harun stehen schnell auch zwei Sieger fest. Jetzt ist‘s schon viertel nach zwölf. Der Kleinglattbacher Realschulrektor Paul Rodach klopft die Markierungen für die Reifen der Flößer in den Boden. „Ihr Flößer all, herbei, herbei…“ Es ist geschafft. Noch einen schönen Maientag! Albert Arning



