Ensingen (elf) – Sie gilt als eines der Wahrzeichen in der sehenswerten Ortsmitte: die Ensinger Kelter. Nach Überlegungen der Stadtverwaltung sollen die Bürger dort künftig keine Feste mehr feiern, sondern Einkäufe tätigen. Eine Interessengemeinschaft hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, Widerstand gegen das Vorhaben zu leisten, einen Verbrauchermarkt in dem historischen Gebäude anzusiedeln.
„Das ist eine Angelegenheit, die hinter verschlossenen Türen geplant wurde und die Anwohner sollen dann damit leben“, sagt der Ensinger Rechtsanwalt Wolfgang Müller, der sich ebenso wie seine Mitstreiter Pfarrer Sieghard Blanc, Werner Winkler, Vorsitzender der Weingärtnergenossenschaft Ensingen, und Anwohnerin Barbara Strobel gegen das Vorhaben wehrt. Erfahren haben sie davon aus der VKZ, die am 22. März darüber berichtete. „Das hat bei uns ein Nachdenken ausgelöst“, erinnert sich Pfarrer Blanc, der das Thema im Kirchengemeinderat zur Sprache brachte. Der schickte am 7. April eine Stellungnahme an den Vaihinger Oberbürgermeister Gerd Maisch, in der gefordert wird, „dass Kelter und Kelterplatz öffentlicher Raum bleiben“. Die Nutzung der Kelter müsse für die Dorfgemeinschaft erhalten bleiben. Ebenso wie Kirche und Pfarrhaus hätte die Kelter einen historischen Ursprung und sei in der Nutzung zu erhalten.
Im Herbst, so formuliert es der Kirchengemeinderat, werde die Kelter zum Saftpressen genutzt. Außerdem werde das historische Gebäude beim Straßenfest, beim Weihnachtsmarkt und beim Frühlingsfest der Grundschule in Anspruch genommen. Bei Hochzeiten und Jubiläen gebe es dort immer wieder Ständerlinge, verschiedene örtliche Vereine würden den vorderen Teil der Kelter ebenfalls regelmäßig nutzen. „Der Einbau eines Einkaufsmarktes würde all diese die Dorfgemeinschaft fördernden Aktivitäten beeinträchtigen bzw. nicht mehr möglich machen“, heißt es in dem Schreiben an den OB.
Was folgte, war eine öffentliche Kirchengemeinderatssitzung am 24. April, zu der Pfarrer Blanc örtliche Gemeinderäte, Ortschaftsräte, die Interessengemeinschaft Nutzung Ensinger Kelter, Vertreter der Weingärtnergenossenschaft, Vereinsvertreter sowie Einzelhandelsbetreiber eingeladen hatte. 50 bis 60 Ensinger seien gekommen, um über das Thema zu diskutieren. Tenor: „Kein Verbrauchermarkt in der Kelter!“
Mit einem Flugblatt der Interessengemeinschaft wird derzeit die Ensinger Bevölkerung auf das Thema aufmerksam gemacht. Auf einer Unterschriftenliste können sich die Bürger gegen einen Verbrauchermarkt in der Kelter wehren. „Die gegenwärtigen Planungen der Stadtverwaltung gehen weitgehend an der Ensinger Bevölkerung und den Anliegern vorbei“, heißt es in dem Schreiben. Und weiter: „Wie es scheint, sollen auch hier Fakten geschaffen werden, bei denen es am Ende kein Zurück mehr gibt.“
Ein Verbrauchermarkt in der Kelter widerspreche unter anderem dem Entwicklungskonzept Ensingen 2005, das eine Aufwertung des Kelterplatzes vorsieht. Durch Kurzzeitparkplätze und Anlieferungsverkehr in der nächtlichen Ruhezeit sei ein Verbrauchermarkt mit Lärm, Abgasen und zusätzlichem Verkehr verbunden. Außerdem seien die Straßen rund um die Kelter für die Liefer-Lkw zu eng. Das Nutzungskonzept der Stadt für die Kelternutzung beinhalte keine Auf- sondern eher eine Abwertung des Ortskerns. Die Interessengemeinschaft ziehe für einen Standort eines Verbrauchermarkts die Ecke Herrenwiesen/Kleinglattbacher Straße der Kelter vor.
Auch Werner Winkler von der WG Ensingen ärgert sich. Zwei Drittel der Kelter würden von der WG als Flaschenlager für die Belieferung des Handels genutzt. Künftig soll dort nach dem Willen der Weingärtner ein „Weinpräsentationsraum“ entstehen. „Die Kelter ist für die Weingärtner gebaut worden“, sagt Winkler. Die WG hätte im Übrigen ein Nutzungsrecht für die Kelter, das nur einseitig von Seiten der WG gekündigt werden könne. Deshalb bezeichnet er die Vorgehensweise der Stadt als „schlechter Stil“. Es wäre angebracht gewesen, erst mit den Nutzern der Kelter zu reden, statt eine Planung voranzutreiben.
Stadtplaner Ernst Loos bezeichnet die Überlegung, einen Verbrauchermarkt in der Kelter unterzubringen, lediglich als „Idee“. Loos: „Wir wollen nicht unbedingt etwas durchsetzen, sondern den bestehenden Einzelhandel erhalten.“ Ein Netto-Markt in den Herrenwiesen dagegen „wäre der Tod für den Einzelhandel im Ortskern“. Für eine erforderliche Anzahl von sechs Parkplätzen sei vor der Kelter genügend Fläche vorhanden. Die Zulieferung könnte vom Kelterplatz aus erfolgen. Die WG nutze die Kelter lediglich als Lager. Ein Ersatz sei sicherlich schnell gefunden. Dass Kirche, WG und Anwohner ein Interesse daran hätten, den Status quo zu erhalten, könne er nachvollziehen. Doch er sei auch von Bürgern angesprochen worden, die sich über einen Verbrauchermarkt in der Kelter freuen würden.
Wenn durch gewisse Maßnahmen die Einzelhandelsstruktur gestärkt werden kann, müsste sich doch jeder freuen, so Loos. „Ich verstehe deshalb den Widerstand gar nicht.“ Investor und bestehender Einzelhandel könnten sich abstimmen, um sich nicht unnötig Konkurrenz zu machen. Die Backwaren könnten beispielsweise vom örtlichen Bäcker stammen. „Das verstehe ich unter Stärkung des Ortskerns“, sagt Ernst Loos.
Frühestens am 23. Juli werden die Ensinger wissen, wie es mit der Verbrauchermarktansiedlung am Ort weitergeht. Dann entscheidet der Gemeinderat über eine Aufhebung einer am 19. März verhängten Veränderungssperre, die ein Baugesuch von Netto auf den Herrenwiesen abwehrt. Dann wird sich wohl auch zeigen, wie die künftige Nahversorgung im Ort aussehen wird.
