Ludwigsburg (aa). Gute und schlechte Nachrichten von der Polizeidirektion Ludwigsburg. Im vergangenen Jahr wurde die Aufklärungsquote in der Kriminalstatistik weitergesteigert. Sorge bereitet den Ordnungshütern jedoch die zunehmen Gewaltkriminalität.
„Nicht nur die quantitative Steigerung, sondern vor allem die ‚Qualität’ der Straftaten muss uns mehr als nachdenklich stimmen“, sagt Frank Rebholz, Leiter der Polizeidirektion Ludwigsburg. Bei der schweren und gefährlichen Körperverletzung gibt es deutliche Steigerungen gegenüber 2008. Vor allem im Altersspektrum unter 21 Jahren entstehen immer mehr Problemfälle. Rebholz: „Das Freizeitverhalten verändert sich, es gibt zunehmend eine Verlagerung unter den freien Himmel. Dabei kommt es in Verbindung mit Alkohol fast zwangsläufig zu mehr Konfliktsituationen. Und dann soll die Polizei kommen und es richten.“ Der Leitende Polizeidirektor wirkt fast ein wenig gefrustet. Er fordert die Kommunen dazu auf, Treffpunkte mit „Betreuung“ zu schaffen. „Die Eindämmung der Gewaltspirale ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt Rebholz. Es müssten Grundwerte vermittelt werden: „Es darf halt nicht egal sein, zu schlagen oder zu stehlen.“ Dennoch findet der Polizeichef nach wie vor „dass Ludwigsburg ein sicherer Landkreis ist“. Man brauche den Vergleich mit der Region nicht zu scheuen. „Dass wir die Aufklärungsquote mit 59,6 Prozent erneut steigern konnten, freut mich ganz besonders und ist ein Indiz für die hohe Motivation unserer Mitarbeiter.“
Fakten aus der Jahresstatistik der Polizeidirektion. Die Gesamtzahl der Straftaten blieb gegenüber 2008 fast unverändert (+93 auf 21939). Die Aufklärungsquote ist nahezu identisch mit der des Landes, die bei 59,4 Prozent liegt. In den Bereichen, die auf das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung besonders hohen Einfluss haben, sind die Quoten sehr hoch. 96 Prozent aller 195 angezeigten Straftaten gegen sie sexuelle Selbstbestimmung sind aufgeklärt worden. Bei den Rohheitsdelikten sind es 91,3 Prozent. Die Häufigkeitskennziffer (HZ), die die auf 100000 Einwohner entfallende Zahl der Straftaten beschreibt, liebt im Vergleich zum Vorjahr mit 4253 nahezu konstant und rangiert deutlich unter dem Landesschnitt (5387). Für den Bereich des Polizeireviers Vaihingen wurde ein Wert von 3303 ausgewiesen, wobei Vaihingen mit 4041 an der Spitze rangiert und Oberriexingen nach wie vor als sicherste Kommune gelten kann (1547). Nur Freudental und Erdmannhausen haben niedrigere Werte.
Die acht Straftaten gegen das Leben – in fünf Fällen blieb es beim Versuch – sind um einen Fall auf acht zurückgegangen. Sieben sind aufgeklärt. Mit 2818 Rohheitsdelikten ist der höchste Stand seit fünf Jahren erreicht worden, wobei die Zunahme fast vollständig in den Bereich gefährliche und schwere Körperverletzung fällt. 13,8 Prozent auf jetzt 529 Delikte betrug die Steigerung. Frank Rebholz: „Wir liegen damit deutlich über dem Landeswert.“ Deutlich rückläufig ist die Anzahl der polizeilich registrierten Stalkingfälle, die zu den Rohheitsdelikten gerechnet werden (-29 auf 71).
Die Diebstahlquote ist
deutlich rückläufig
Diebstähle: Hier kann die Polizei ein Minus von 609 Fällen melden. Doch sind es immerhin noch 7778 Delikte. Der positiven Veränderung bei schwerem Diebstahl in und aus Kraftfahrzeugen (286 Fälle/-27,9 Prozent) und beim schweren Diebstahl von Kraftwagen (49 Fälle/-27,9 Prozent) stehen allerdings auch auffällige Zunahmen bei Einbrüchen in Büroräume (325 Fälle/+28,5 Prozent) und in Gaststätten (166 Fälle/+29,7 Prozent) gegenüber. Frank Rebholz: „Der Navimarkt scheint gesättigt zu sein. Und bei Einbrüchen in Büros wiegen sich die Täter wohl eher in Sicherheit, nicht gestört zu werden.“
Vermögens- und Fälschungsdelikte: Zwei Serienstraftaten haben die Bilanz verhagelt. Hier gab es immerhin 321 beziehungsweise 489 Fälle. Die Fallzahlen haben sich insgesamt von 78 auf 891 erhöht. Sie spielen in Internet-Auktionsplattformen hinein.
Widerstand gegen die Staatsgewalt: Es sind noch 57 Fälle notiert (2008: 84). Der Rückgang ist jedoch vor allem auf den Bereich „einfacher“ Widerstandshandlungen zurückzuführen, bei denen die Polizisten nicht angegangen werden. Frank Rebholz hat insgesamt ausgemacht, dass der Respekt vor der Polizei schwindet. „Die Aggression richtet sich zum Beispiel bei Schlichtungsversuchen oft gegen die Beamten – auch gegen die Polizistinnen.“
Amok: Es gibt vor allem nach den Vorfällen von Winnenden sehr viele Trittbrettfahrer. Alleine im Jahre 2009 gab es 62 Fälle, bei denen Amokläufe angekündigt wurden. 52 Tatverdächtige (vor allem Kinder und Jugendliche) sind ermittelt worden, 14 strafrechtliche Ermittlungsverfahren laufen. Frank Rebholz: „Die Eltern wundern sich oft nicht schlecht, wenn die Polizei vor der Tür steht und an den PC des Kindes will. Und dann kommt in den meisten Fällen auch eine Gebührenrechnung für den Polizeieinsatz.“
Sachbeschädigungen: Die Gesamtzahl der Delikte liegt bei 3550 (-2,8 Prozent), jedoch sind 1440 der Fälle im Bereich der „aufklärungsfeindlichen“ Sachbeschädigungen an Autos zurückzuführen.
Rauschgiftdelikte: Eine Frau und acht Männer sind an den Folgen von Drogenkonsum gestorben (2008: 16). Die Fallzahl der Rauschgiftdelikte hat sich von 883 auf 841 reduziert, jedoch ist diese Quote stark von der Intensität der polizeilichen Kontrollarbeit abhängig. 2009 wurden 346 Personen angezeigt, weil sie unter Drogeneinfluss am Steuer saßen (2008: 482).
Zu den besonderen Fällen des letzten Jahres gehört im Raum Vaihingen der Brand in der Ferdinand-Steinbeis-Realschule. Vier Schüler sind hier ermittelt worden, die sich zur Tatzeit vor der Schule aufgehalten hatten. Drei Schüler gaben an, dass einer von ihren erzählt habe, in der Toilette den Handtuchhalter angezündet zu haben. Doch der betroffene 13-Jährige verweigert bisher jede Aussage.
