Illingen (sr) – Wesen, die auf dem Mars leben könnten, heißen Marsianer. Ganz ähnlich klingt Wikipedianer. Dabei handelt es sich aber um Erdlinge, die mitten unter uns weilen. Es sind aktive Mitarbeiter der Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Die VKZ hat einen Vertreter dieser Spezies in Illingen besucht.
Stefan Kampf sagt von sich, er sei „überzeugter Wikipedianer“. Damit gehört der Illinger einer Spezies von Menschen an, die im Dienste der Allgemeinheit meistens im Verborgenen wursteln. Denn der durchschnittliche Wikipedianer bringt sich im stillen Kämmerlein mit seinem Wissen und Gewissen bei der wohl bekanntesten Enzyklopädie des Internets ein, bei Wikipedia.
Kampf ist somit einer von rund 6700 Autoren, die regelmäßig an der deutschen Ausgabe des Nachschlagewerkes mitarbeiten.
Wohl jeder, der am Computer arbeitet, hat sich schon bei Wikipedia eingeklickt. So ging es auch dem 50-jährigen Kampf, der im Jahr 2004 einen ungewöhnlichen Begriff in die Suchmaschine seines Computers eingegeben hatte. Beruflich musste der Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik sich mit LZB, der Linienzugbeeinflussung, befassen. Die Suchmaschine zeigte eine Seite vom noch jungen Nachschlagewerk Wikipedia an. Kampf: „Ich fand das toll, dass man da reinschreiben kann.“ Er habe sich ein bisschen damit beschäftigt und sei da reingerutscht.
Ganz ähnlich ging es den Gründervätern von Wikipedia im Jahr 2001. Ursprünglich war die Plattform nur als Spaßprojekt geplant, doch der Internet-Unternehmer Jimmy Wales und sein Kompagnon wurden vom Erfolg der Seiten geradezu überrollt.
Der Grundgedanke des Projekts: Die Artikel der Online-Enzyklopädie werden von einer weltweiten Autorengemeinschaft kollektiv und unentgeltlich erstellt. Jeder Internetbenutzer kann Wikipedia-Artikel nicht nur lesen, sondern auch bearbeiten, sogar anonym. Die Gemeinschaft der Mitarbeitenden entscheidet, welche Beiträge akzeptiert werden. Über eine Million angemeldeter Benutzer sowie eine unbekannte Zahl unangemeldeter Menschen haben weltweit seither an den Seiten von Wikipedia mitgearbeitet.
Kampf hat sich damals recht schnell als Benutzer unter dem Pseudonym SteveK angemeldet und kann inzwischen auf 10000 Edits zurückblicken. Unter Edits sind Änderungen an Texten zu verstehen, erläutert der gebürtige Sauerländer. Außerdem schreibt Kampf selbst Artikel und garniert diese mit eigenen Fotos.
So verdankt der Sachsenheimer Ortsteil Ochsenbach seine Wikipedia-Seite dem Schaffen von Stefan Kampf. Bei einer Wanderung mit Ehefrau Maria Luise – „ich bin so eine Art Assistentin“ – durchstreifte Kampf vor einer Woche den Ort und schoss einige Fotos. Am selben Tag verfasste er den Artikel über Ochsenbach. Die Entstehungsgeschichte der Artikel lässt sich mit einem Klick oben rechts auf Versionen/Autoren nachvollziehen.
Falls jemand Änderungen an diesem oder auch ausgewählten 4000 anderen Artikeln vornimmt, bleibt das dem Illinger nicht verborgen. Denn diese Versionen lässt er in seiner sogenannten Beobachtungsliste erscheinen.
Das war auch das Glück für die VKZ. Denn dort erspähte Kampf, dass der Text der Wikipedia-Seite dieser Zeitung von einem Benutzer vorübergehend gesperrt worden war. Netterweise hat Kampf die VKZ informiert. Wer kontrolliert schon ständig seinen Internetauftritt? Der Benutzer mit dem Nicknamen „Schreibkraft“ hatte wegen eines von ihm vermuteten Problems mit dem Urheberrecht den Text entfernt und die Seite bei den Löschkandidaten aufgelistet. Dank der Nachricht von Kampf erfolgte ein Nachtrag und der Text wurde daraufhin von anderen Benutzern wieder freigegeben.
Auf den Seiten von Wikipedia tobt folglich in gewisser Weise das Leben. Manchmal kommt es auch zu Vandalismus. „Bestimmte, in der Regel umstrittene Artikel, können von nicht angemeldeten oder von neu angemeldeten Benutzern nicht bearbeitet werden“, ist auf der Internetseite zu lesen. Es komme sogar vor, dass ein Artikel so stark umstritten ist oder mutwillig entstellt wird, dass er für jegliche Bearbeitung gesperrt wird.
Der Großteil der Wikipedianer wird vermutlich gewissenhaft arbeiten und bei einigen handelt es sich um gesellige Zeitgenossen. Das zeigt die Seite „Wikipedia: Treffen der Wikipedianer“. Das nächste Treffen in unserem Raum ist der Stammtisch in Stuttgart am 1. April. Dazu hat sich unter anderem ein Wikipedianer mit dem Pseudonym „Mussklprozz“ angemeldet: Jahrgang 1953, Familienvater, Informatiker.
Die Welt der Wikipedianer entpuppt sich mit jedem weiteren Klick als äußerst kurzweilig. Und wer sich einbringt in den Wissenspool, der hat sogar Chancen auf eine Auszeichnung mit einem goldenen Gummibären. So finden sich auf Stefan Kampfs Seite zwei dieser Trophäen, eine davon für „die vorbildliche Gestaltung des Sauerland-Registers im Dienste der Verbesserung unserer Enzyklopädie“. SteveK ist somit über Olympia hinaus zweifacher „Held der Wikipedia in Gold“.
