Vaihingen (my/phs) – Für 142 Vaihinger Schüler hat gestern das Abitur begonnen. Unter anderem standen den Prüflingen Aufgaben zu Schillers „Die Räuber“, Kafkas „Der Proceß“ und eine Erörterung zu dem Thema „Der Verlust der Zeit“ zur Auswahl. Heute geht es mit dem Mathematik-Abitur weiter.
Er war skeptisch, der städtische Arbeiter, der zwischen den Transparenten vor der Stadthalle seinen Dienst tat. „Wenn man in der Schule bloß was lernen würde, was man fürs Leben braucht!“, seufzte er im Hinblick auf die aufmunternden Texte, die den Prüflingen beim Abitur Zuspruch und Mut verleihen sollten. Haupttenor: „Du schaffst das!“, „Yes, we can!“.
Die Abiturienten des Friedrich-Abel-Gymnasiums waren jedenfalls gut gelaunt und voller Zuversicht. Eine Viertelstunde vor Prüfungsbeginn konzentrierten sie sich erst mal auf das Büfett, das Henrik Schrade und Annemarie Fiedler aus der Klassenstufe 12 am frühen Morgen für die 13er und deren große Herausforderung aufgebaut hatten. „Wir haben uns erkundigt, wie die Nachfrage letztes Jahr ausgesehen hat. Daran haben wir uns orientiert.“ Und sie hatten offensichtlich die richtige Auswahl getroffen, wie die lange Schlange vor den Obstkörben und Tabletts erkennen ließ. Bananen und Äpfel hatten sie bereitgestellt, Kaffee gekocht, einhundert Butterbrezeln geschmiert und auch an die begehrten Schokoriegel gedacht: „Schokolade ist wichtig - fürs Wohlbefinden“, freute sich ein Schüler über das reichhaltige Angebot.
Ein Wunsch wird wahr: Literaturvergleich ist gefragt
Doch dann ging’s allmählich an die Tische im großen Saal der Stadthalle. Das FAG hat die Prüflinge wie bereits im vergangenen Jahr ausgelagert. Ein letztes „Mach’s gut“ und eine Umarmung von den Freundinnen und auch Sabrina Pfisterer suchte sich ihren Platz. Einen Vergleich zwischen Kohlhaas von Kleist und Kafkas „Der Proceß“ wünschte sie sich. Nicht, weil sie einen besonders guten Zugang zu Kafka habe, sondern weil sie denke, dass eine solche Aufgabe gut zu bewältigen wäre. Und sie wurde nicht enttäuscht: Gleich die erste Arbeitsanweisung bezog sich auf die von ihr favorisierten Werke – in vergeleichender Form. Um 8 Uhr und drei Minuten eröffnete Schulleiter Hans-Joachim Sinnl für Sabrina und ihre 60 Mitstreiter vom FAG die Prüfung offiziell. Keiner fehlte.
Alle waren zum ersten Prüfungsmarathon angetreten und hatten bis 13.33 Uhr Zeit, das aufs Papier zu bringen, was sie in ihrer dreizehnjährigen Schulzeit, vor allem jedoch in den letzten beiden Schuljahren in der Vorbereitung aufs Abi gelernt hatten. Vollzählig erschien auch der Prüfungsjahrgang des Stromberg-Gymnasiums. Am SG schwitzten 66 Schüler über den Aufgaben, 15 waren es an der freien Waldorfschule.
Am heutigen Freitag geht’s weiter mit Mathematik. Noch einmal ein Prüfungstag für alle. Erst in der nächsten Woche werden die Zusammensetzungen variieren. Während in der Englischprüfung am Montag noch einmal sehr viele FAG-Schüler den Gang in die Stadthalle antreten werden, stellt sich am Dienstag nur ein einziger den Aufgaben seines Wahlfaches Französisch. Am Mittwoch werden Natur- und Gesellschaftswissenschaften sowie das Fach Wirtschaft geprüft. Der komplette Kurs vom FAG wird die Herausforderung annehmen und sich kompetent über „Markt und Preise“ oder „Die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft“ Gedanken machen. Am Donnerstag bildet das Fach Latein das Schlusslicht.
Danach dürfen sich die Abiturienten erst mal eine Ruhepause gönnen, bis für sie nach den Osterferien der Endspurt beginnt. Mit der mündlichen Prüfung im Juni können sie dann den Schlussstrich unter ihre schulische Laufbahn setzen und die überstandenen Herausforderungen der ersten großen Prüfung ihres Lebens gebührend feiern. Es bleibt zu hoffen, dass sie irgendwann doch feststellen, dass das Gelernte ihr Leben bereichert, wenn man auch nicht unbedingt „alles braucht“, was man in der Schule mal gepaukt hat, getreu dem Wahlspruch der alten Lateiner: „Non scolae, sed vitae discimus.“
