Mittwoch, 23. Mai 2012

Trauergottesdienst in der Stadtkirche




16 Kerzen brennen in der Stadtkirche. Foto: Bögel
16 Kerzen brennen in der Stadtkirche. Foto: Bögel

Vaihingen (ub) – Stille, Besinnung, das gemeinsame Gebet: Nach dem Amoklauf von Winnenden haben am Freitagabend die evangelische, die evangelisch-methodistische und die katholische Kirchengemeinde in Vaihingen zum Trauer- und Gedenkgottesdienst in die Stadtkirche eingeladen.
Pfarrer Thomas Moser, Pastor Johannes Browa und Gemeindereferentin Hannemarie Schuler zündeten dabei 16 Kerzen an. 16 Kerzen, die an die Toten von Winnenden und Wendlingen erinnern sollten. „Wir wollen unserer Trauer und Fassungslosigkeit Ausdruck verleihen. Wir wollen heute miteinander beten, schweigen, zuhören und singen“, sagte Moser.
Rund 150 Menschen kamen am Freitag in die Stadtkirche, darunter viele Schüler und Lehrer. In Liedern und Gebeten suchten die Teilnehmer Trost nach der schrecklichen Tat, die auch in Vaihingen ihre seelischen Spuren hinterlassen hat.
Pastor Johannes Browa von der Friedenskirche äußerte beim Gedenkgottesdienst seine persönlichen Gedanken: „Menschen waren in der Schule, um zu lernen, zu lachen, zu hören, um zu unterrichten. Sie wurden überrascht von einer Flut tödlicher Kugeln. Plötzlich ist nichts mehr so wie es war. Lebensangst, Trennung von Menschen, die einem nahe standen, Freunde, Kinder, Väter, Mütter, Tod. Grausame Bilder, die sich in die Seele einbrennen.
Die Schullandschaft hat sich in eine Schreckenlandschaft verwandelt. Ein Autohaus wird zum Ort des Todes. Diese Katastrophe erreicht auch uns. Die Kugeln haben unsere Sicherheit unsicher gemacht. Die Frage nach der Tragfähigkeit des Grundes, auf dem wir stehen, drängt sich auf. Wir fragen nach dem Sinn. Fragen nach dem Warum. Wir schreien nach Gott. Wir klagen: Gott – wo warst du?
Über diesen Abgrund des 16-fachen Mordes führt für mich im Augenblick nur eine Brücke, die Gottvertrauen und Mitmenschlichkeit als ihre beiden Stützen hat. Mit dem Beter des alten Testaments frage ich: Woher kommt mir Hilfe? Ich finde sie bei Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Ja, ich habe in den letzten Stunden mit der Frage gerungen, wie Gott den Tod so vieler unschuldiger Menschen zulassen kann.
Ich kann es nachempfinden, wenn ihr in einer solchen Lage an Gott zweifelt, ja an ihm verzweifelt.
Und doch weiß ich keine andere Zuflucht aus diesem unbegreiflichen Leid als ihn. Ich glaube fest, dass Gott nicht den Tod, sondern das Leben will. Immer und immer wieder lädt er zu Mitmenschlichkeit ein: Hab Ehrfurcht vor dem Leben. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Sei barmherzig. Segne, statt zu fluchen.
Lass deine Gier nach immer mehr, immer höher, immer reicher. Respektiere deine Grenzen. Höre endlich zu. Rede mit anderen und friss nicht in dich rein. Vergib anderen und lass dir vergeben. Fang neu an und glaube an das Leben, das ich dir geben will – das Antlitz der Welt wird sich zum Guten verändern.
An ihn, der so mit mir redet, richte ich mein Gebet – an Gott, der sich uns Menschen in seiner Liebe zuwendet und der mit uns unendlich leidet.
An ihm will ich mich angesichts des unfassbaren Schreckens orientieren und ihn bitten: Hilf mir und uns zu einer besseren Welt. Mehr kann ich heute nicht sagen.“




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