Mittwoch, 23. Mai 2012

Interview mit Gotthilf Fischer




Gotthilf Fischer und Werner Dippon (von links) im gespräch mit VKZ-Redakteur Frank Elsässer. Foto: Küppers
Gotthilf Fischer und Werner Dippon (von links) im gespräch mit VKZ-Redakteur Frank Elsässer. Foto: Küppers

Vaihingen – Auf der Berliner Love-Parade stimmte er vor Ravern „Hoch auf dem gelben Wagen“ an, er besuchte das „Big-Brother-Haus“ und schwang den Kochlöffel für „Das perfekte Promi Dinner“ auf Vox. Nun unterstützt Deutschlands berühmtester Chorleiter Gotthilf Fischer seinen Sanges- und Duzfreund Werner Dippon dabei, Werbung für die Aufführung der „Friedensmesse“ am 5. April in der Vaihinger Stadtkirche zu machen. Die Vaihinger Kreiszeitung hat am Mittwoch mit Gotthilf Fischer beim Redaktionsbesuch auch über andere Dinge gesprochen.

 

Herr Fischer, Sie sind vor vier Wochen, am 11. Februar, 81 Jahre alt geworden. Wie fühlen Sie sich?
Mir geht es hervorragend. Ich gehe einmal im Jahr 14 Tage nach Olsberg im Hochsauerland in das Aslan-Kurinstitut, um mich durchchecken zu lassen. Dort heißt es immer: „Alles klar, alles bestens“. Dann lautet die Frage immer, woher das wohl kommt.

Und Ihre Antwort?
Geißenmilch. Ich habe früher nur Ziegenmilch bekommen. Die Brühe hat furchtbar gestunken. Doch die Ärzte sagen, dass dies für meine Knochen gut war. Außerdem habe ich – und das ist kein Witz – 20-Jahres-Verträge abgeschlossen. Meine einzige Bedingung war übrigens, dass diese Verträge auch verlängert werden. Zum Krankwerden habe ich einfach keine Zeit. Zum Sterben allerdings auch nicht, da ich sonst die Verträge nicht einhalten kann.

Was bedeutet es für Sie, stolze 81 Jahre alt zu sein?
Ob 80, 40 oder 20 – ich sehe da keinen Unterschied. Meine Aufgaben sind noch viel mehr und intensiver geworden als vor Jahrzehnten. Also heißt es für mich, hellwach zu bleiben, Schritt halten zu können, Neues zu erfinden und das so umzusetzen, dass der Erfolg nach wie vor gesichert ist.

Ihr gefühltes Alter dürfte weit unter Ihrem richtigen Alter liegen. Wie jung fühlen Sie sich?
Ich hatte einen Opa, der 93 Jahre alt wurde. Der hat einmal gesagt: „Ich glaube, ich werde wieder jung, ich mache schon wieder ins Bett.“ In der Abteilung bin ich noch nicht.

Die Gesundheit steckt bei Ihnen also in der Familie. Stammt sie von väterlicher oder von mütterlicher Seite?
Von der mütterlichen Seite. Mein Vater und alle seine Brüder sind auf den Tag mit 63 Jahren gestorben. Deren Nachkommen sind auch nicht so alt geworden. Ich bin der einzige, der von der Fischersippe 81 Jahre alt geworden ist. Die Gesundheit kommt von meiner Mutter. Sie war zwar nicht musikalisch, doch sie lässt mich länger leben.

Auch wenn die Musik nicht das Metier Ihrer Mutter war, haben Sie sich dennoch einer musikalischen Laufbahn verschrieben.
Wer studieren und Musik machen will, hat noch nie etwas getaugt, hat sie immer gesagt. Das war damals so. Ich durfte daheim nicht sagen, dass ich mich um die Aufnahme auf die Lehrerhochschule bewerbe. Ich habe meine Eltern angelogen und gesagt, dass ich zu einem Erholungslager der Hitlerjugend gehe. Nach 14 Tagen kam mit der Post ein blauer Brief in dem stand: „Jungmann Fischer hat mit Erfolg die Prüfung zur Aufnahme auf die Lehrerhochschule bestanden.“

Wie haben Ihre Eltern darauf reagiert?
Mein Vater grinste und lief weg. Meine Mutter grinste auch und sagte: „Einen Faulenzer bringen wir durch.“

Sie haben es also durchgezogen.
Klar. Wenn du etwas in dir hast, musst du es durchziehen, so lange du lebst. Mir tun die Leute leid, die nicht die Möglichkeit haben, ihre Begabung in ihrem Beruf auszuleben. Das können nur verdammt wenige. Ich bin dankbar, dass es bei mir so gekommen ist.

Gibt es in Ihrem Leben nicht auch Tage, an denen Sie lieber zu Hause bleiben möchten?
Da gibt es sehr viele. Doch das dringt nicht nach außen und geht keinen Menschen etwas an. Wenn ich in die Probe gehe, wollen die dort einen arbeitsfrohen, netten Menschen sehen, der ihren Alltag erleichtert. Die meisten haben einen schweren Arbeitstag hinter sich. Wenn die dann noch einen verrückten Dirigenten sehen, klappt das nicht. Ich habe mich nach außen so zu geben, dass sich alle freuen, wenn ich komme, musiziere und dirigiere. Deswegen rate ich allen Kollegen, nicht zu erkennen zu geben, wie es innen aussieht. Wenn man seine schlechte Laune zeigt, überträgt sich das auf andere.

Was treibt Sie an? Was gibt Ihnen den Elan für Ihre Arbeit?
Der unendliche Drang zum Musizieren und Dirigieren und Komponieren. Ich schreibe am Tag mindestens zwei bis drei Lieder. Das wird bei mir immer stärker. Da kommen tausend Ideen. Wichtig ist es auch, am Tag mindestens fünfmal über sich selbst zu lachen und sich nicht ernst zu nehmen.

Singen trägt wesentlich zur guten Laune bei.
Absolut. Nach zehn Minuten Singstunde sehen die Leute anders aus. Singen ist atmen, Seele, Herz, Geist und Hirn. Da lebt der Körper von innen. Der Arzt müsste weniger Tabletten verschreiben, sondern die Leute zum Singen schicken.

Bei Ihnen jagt ein Termin den anderen.
Durchaus. Morgen zum Beispiel bin ich in Kramsach in Tirol, wo es einen Museumsfriedhof mit einem Weltfriedenskreuz aus lauter Orgelpfeifen gibt. Wir besprechen dort eine große Veranstaltung. Dann geht’s weiter nach Hallein. In einer Kapelle dort ist das Weihnachtslied „Stille Nacht“ komponiert worden. Dort dirigiere ich am Heiligen Abend das große Weihnachtssingen. Am Samstag und Sonntag sind wir am Timmendorfer Strand. Dort haben sich für ein Konzert, an dem 300 Menschen mitsingen, 50 Chöre angemeldet. 15 können wir aber nur brauchen. Dort darf jeder Chor erst ein Lied seiner Wahl singen, egal, ob englisch, spanisch oder griechisch. Doch das zweite Lied muss ein deutsches Volkslied sein. Dann geht es wieder zurück und gleich nach Ludwigsburg in die Probe.

Ein Programm, bei dem manch 40-Jähriger…
…umkippt.

Ist Ihnen das nicht zu viel?
Ich habe gar keine andere Wahl. Jetzt läuft zum Beispiel eine Geschichte mit dem Hubschrauber an. Ich habe 2009 zum Jahr des deutschen Volkslieds ausgerufen. Da werde ich das ganze Jahr über von Ort zu Ort zu Großveranstaltungen geflogen, um deutsche Volkslieder zu singen.

Sie kämpfen nach wie vor um den Erhalt des deutschen Volksliedes.
Natürlich. In England wird englisch gesungen, in Italien italienisch in Polen polnisch, nur in Deutschland wird englisch gesungen. Da stimmt doch etwas nicht. Wer das deutsche Lied vergisst, ist für mich ein musikalischer Vaterlandsverräter, der seine Heimat um die Kultur betrügt.

Sie sprühen dabei vor Einfallsreichtum. Gehen Ihnen die Ideen nie aus?
Von den Ideen her könnte ich 700 Jahre alt werden.

Sie wirkten im vergangenen Jahr in der Vox-Sendung „Das perfekte Promi Dinner“ mit. Wie war das?
(lacht) Was man hat, das hat man. Vor allem als begabter Koch wie ich, der nicht einmal Wasser heiß machen kann… Komischerweise bin ich nach keiner Sendung und nach keinem Konzert so häufig angesprochen worden, wie nach dieser Kochsendung. Da haben viele auch gedacht, was macht denn der für einen Scheiß? Ich habe mir eine Gaudi draus gemacht. Der Sender hat mich ein Jahr lang darum gebeten mitzumachen. Wie man Maultaschen macht, habe ich bei meiner Mutter gesehen und da auch ab und zu geholfen. So habe ich bei der Sendung alles reingeworfen was weich und nicht weich war und dann auch noch mit hoher Punktzahl gewonnen. Das war ein Riesenspaß. Zeitweise hielt sich in der Küche ein Team von 25 Leuten auf. Und am Ende haben die alle mit einer Riesenbegeisterung 60, 70 Maultaschen aufgegessen.

Was ist Ihr Leibgericht?
Alles zu seiner Zeit.

Nichts Spezielles?
Das was man früher schon gerne gegessen hat. Meine Mutter hat alles, was in der Woche übrig blieb, zusammengeschüttet und am Samstag gab es Gaisburger Marsch. Natürlich auch Linsen und Spätzle oder eine Nudelsuppe – einfach Schwäbisch. Und egal, wohin der Fischer hinkommt, weiß man, dass er seinen Wein aus einem Viertelesgläsle mit Henkel trinkt.

Was war es für ein Gefühl, letztes Jahr mit dem Lied „Ein Stern, der über Deutschland steht“, den Sie produziert hatten, in den Charts zu stehen?
Gar kein Gefühl. Ich habe da ein bisschen arrangiert und ein paar andere Akkorde reingemacht und dann singen lassen. Außerdem war das nicht mein Verdienst, denn die Melodie gab es schon vorher. Das ist Wegwerfware für mich im Vergleich zu dem, was ich früher gemacht habe. Da gab es goldene Schallplatten zuhauf.

Am 5. April wird Ihre Friedensmesse von Verbandschormeister Werner Dippon in der Stadtkirche dirigiert. Die ist ja schon als historisch zu bezeichnen.
Ja. Die Friedensmesse habe ich 1978 für den damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter geschrieben, persönlich überreicht und im National Shrine, der größten Kirche von Washington, mit 800 Leuten uraufgeführt. Die Originalpartitur der Friedensmesse liegt noch im Weißen Haus.

Warum haben Sie die Friedensmesse für ihn geschrieben?
Weil ich den Jimmy Carter für einen Präsidenten gehalten habe, der den Frieden auch wirklich wollte und um ihn kämpfte. Am selben Tag, an dem ich die Friedensmesse überreicht habe, fand in New York der Beckenbauer-Tag statt. Franz Beckenbauer hat zu der Zeit bei Cosmos Fußball gespielt. Dort haben wir auch gesungen.

Weitere Aufführungen der Friedensmesse folgten.
Genau. Zweimal im Petersdom in Rom vor Papst Paul VI. und Papst Johannes-Paul II. und zweimal bei der Chor-Olympiade in Linz und Graz. An Weihnachten haben wir sie in der Stuttgarter Liederhalle gesungen und jetzt wird sie Werner Dippon in Mühlacker und Vaihingen dirigieren.

Wird er die Friedensmesse nach Ihren Vorstellungen umsetzen?
Es wäre schade, wenn er es so machen würde wie ich. Jeder hat eigene Ideen, sieht einen Satz ganz anders, hat eine eigene Deutung. Er soll es nach seinem Gefühl und nach seinem Denken aufführen. Nachmachen ist das Falscheste, das es gibt.

Gibt es richtig und falsch in der Musik?
Was richtig ist, weiß keiner. Musik ist nicht messbar. Sie ist der Stimmung unterworfen, der Akustik unterworfen, der Qualität des Orchesters unterworfen, genauso auch der Qualität des Chores und der Solisten. Da spielen tausend Dinge eine Rolle. Wichtig ist, dass die Leute anschließend rausgehen und sagen: „Denn Tag möchte ich nicht vergessen.“ Dafür arbeiten wir beide.

Was verbindet Sie mit Werner Dippon?
Dass er es erkannt hat, die Chormusik auf diese Weise voranzutreiben, wie es der Fischer macht. Er macht vieles anders als ich, doch das ist völlig unwichtig.

Was ist wichtig?
Zu erkennen, wie ich in der heutigen Zeit einen Chor halte. Wenn jemand keine Ideen hat, hat er verloren. Es wird oft gesagt, er sei der zweite Fischer. Das ist völliger Quatsch. Er ist der Dippon und ich bin der Fischer. Aber er hat erkannt, dass mein Weg nicht der schlechteste ist.

Fragen von Frank Elsässer




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