Amoklauf: Sportschützen verteidigen sich, Vaihingen trauert
13/03 2009
„Das Problem ist nicht der Sportschütze“
Vaihingen – Der 17-jährige Amokläufer von Winnenden hat das Schießen im Schützenverein gelernt. Deshalb werden jetzt die Sportschützen in der Bundesrepublik an den Pranger gestellt. „Zu Unrecht“, sagt Jochen Mann aus Oberriexingen.
Jochen Mann ist immer noch geschockt. Er ist der stellvertretende Sportleiter des Schützenkreises Vaihingen. Vom Amoklauf in Winnenden hat er aus dem Radio erfahren. Trotz aller Trauer kann er es aber nicht auf sich sitzen lassen, dass jetzt Schützen öffentlich kritisiert werden, nur weil Tim K. bei ihnen das Schießen lernte. „Das Problem ist nicht der Sportschütze, sondern der, der abdrückt oder seine Waffen falsch lagert.“
Er findet, dass der Vater von Tim K., der Mitglied eines Schützenvereins ist, eine Mitschuld an den Ereignissen zu tragen habe. Diese Meinung vertritt auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart. Er muss sich möglicherweise wegen fahrlässiger Tötung verantworten, weil die vom Sohn verwendete Tatwaffe vorschriftswidrig im Elternschlafzimmer lag. „Eine Waffe hat im Schlafzimmer nichts verloren“, sagt Jochen Mann, der Mitglied im Schützenverein Sersheim ist.
Auch Jochen Jäger ist fassungslos. „Es ist entsetzlich, dass so jemand nicht aufzuhalten ist.“ Doch Jäger betrachtet die Bluttat auch von einer anderen Seite. Er besitzt selbst zwei Waffen und war bis vor Kurzem Vorsitzender des Schützenvereins Aurich. Er gehört zu der Gruppe, die nun an den Pranger gestellt wird. „Keiner hört uns an. Jeder denkt, bei uns werden Attentäter und Terroristen ausgebildet.“ Doch das sei ein falsches Bild: „Wir sind Sportler.“
Jäger bewahrt seine beiden Waffen nicht zu Hause auf, wo will er aber aus Sicherheitsgründen nicht verraten. Nur so viel: „Außer mir kommt da niemand ran.“ Im Gesetz sei eindeutig verankert, dass Schusswaffen in einen speziellen Schrank eingeschlossen werden müssen, sagt Jochen Mann. Er geht sogar noch ein Stück weiter: In seinem Haus gibt es einen Tresorraum. „Waffen und Munition müssen außerdem getrennt voneinander untergebracht werden“, erläutert Kreisoberschützenmeister Helmut Steffan aus Illingen.
Sportschützen besitzen oft mehrere Waffen
Die Tatsache, dass der Vater von Tim K. mehrere Waffen im Haus hat, stört Jochen Mann, Helmut Steffan und Jochen Jäger hingegen nicht. Das sei normal. Die Waffen im Schützenhaus in Schränke einzuschließen, sei keine gute Alternative. „Wir sind nicht jeden Tag im Vereinsheim“, sagt Mann. „Da ist die Gefahr zu groß, dass jemand einbricht und gleich eine große Anzahl Schusswaffen entwendet.“ In den eigenen vier Wänden sei die Lagerung viel sicherer – aber eben nur, wenn die gesetzlichen Regelungen eingehalten werden.
Bernd Silberhorn, Jugendleiter beim SV Aurich, verteidigt den Sport. „Schießen ist eine olympische Disziplin, eine anerkannte Sportart“, erklärt Silberhorn und beantwortet somit gleich die Frage, weshalb die Athleten unbedingt mit scharfer Munition schießen müssen. „ Etwas anderes steht gar nicht zur Diskussion, weil es keine Wettbewerbe ohne scharfe Munition gibt.“
Am Mittwochabend wurde beim SV Aurich gar nicht geschossen, auch nicht mit scharfer Munition: Die Schützenjugend hatte mehr Gesprächs-, als Trainingsbedarf. Die Waffen blieben im Schrank, der Schießstand im Dunkeln. Die Stimmung war bedrückend.
Waffen besitzt keiner der Auricher Nachwuchsschützen – das wäre auch gar nicht erlaubt. Erst mit zwölf Jahren dürfen Jugendliche mit einer Luftdruckwaffe schießen, ab 15 mit Kleinkaliberwaffen. Nur Personen ab 25 dürfen Waffen kaufen. Tim K. ist trotzdem an eine „Beretta“ seines Vaters gekommen. Damit die Auricher Schützen nicht an die Waffen gelangen, sind sie im Tresor weggeschlossen. Nur Jugendtrainer Bernd Silberhorn und der Vereinsvorsitzende haben einen Schlüssel.
Wer Waffen kaufen möchte, muss im übrigen nicht nur 25 Jahre alt sein. „Man benötigt eine Waffenbesitzkarte“, erklärt Mann. Wer die bekommen möchte, muss einige Voraussetzungen erfüllen. Zum Beispiel muss der Schütze regelmäßig in einem Verein trainieren. „Außerdem gleichen die Behörden die Namen der Waffenbesitzer mit den Sicherheitsdatenbanken ab.“ Rund um Vaihingen sind 1392 solcher Karten ausgestellt. Zudem gilt bei allen Schützenvereinen die Regel, dass nicht in Tarnkleidung geschossen werden darf.
All diese Vorkehrungen sollen eigentlich verhindern, dass das passiert, was vorgestern in Winnenden zur Realität wurde. Das Problem sieht Jochen Mann darin, dass es immer und überall schwarze Schafe gebe und dass man in keinen Menschen hineinsehen könne. „Ich würde für niemanden die Hand ins Feuer legen“, sagt er.
Philipp-Marc Schmid, Eva Wirth
13/03 2009
Vaihingen trauert
„Erschreckend, dass ein Mensch auf die Idee kommt“
Max Öhler aus Oberriexingen besucht die 9. Klasse der Enzweihinger Schule. Er findet es „erschreckend, dass ein Mensch auf die Idee kommt, so etwas zu tun“. In der Schule sei der Amoklauf ein Thema gewesen. „Einige Mädchen hatten wirklich Angst“. Computer-Spiele sind seiner Meinung nach nicht der Auslöser. (sr)
„Das war vorgestern ganz furchtbar“
Alexandra Wäbisch, Mutter zweier Auricher Grundschüler: „Das war vorgestern ganz furchtbar.“ Sie sei froh gewesen, als sie ihre beiden Jungs wohlbehalten wieder hatte. Sie findet keine Patentlösung zur Prävention: „Man muss die Hoffnung bewahren, dass die Kinder unbeschadet aufwachsen können.“ (sr)
„Killerspiele sind nicht die Ursache“
Lars Scheytt aus Illingen besucht die 9. Klasse der Waldorfschule. Die räumliche Nähe des Amoklaufs berühre einen noch mehr. Trotzdem sollte das Leid der Welt im Bewusstsein bleiben, beispielsweise der Hunger in Afrika. „Killerspiele sind auf jeden Fall nicht die Ursache der Tat, eher der Tropfen auf den heißen Stein.“ (sr)
„Es ist immer schlimm, wenn junge Menschen sterben“
Gerd Kohse war Lehrer und sagt: „Mir ist es kalt den Rücken heruntergelaufen, als ich es gehört habe.“ Der Umstand, dass Winnenden nicht weit entfernt von Vaihingen liegt, kommentiert er: „Es ist immer schlimm, wenn junge Menschen sterben. Bewusst wird einem nur, dass so etwas auch in Vaihingen passieren könnte.“(sv)




