Vaihingen (aa/rkü) – Der Amoklauf an einer Realschule in Winnenden mit 16 Toten sorgt auch in Vaihingen für große Betroffenheit. Die Vaihinger Kreiszeitung hat sich bei Schulleitern umgehört, wie sie auf die Schreckensmeldungen reagiert haben und wie sie damit umgehen werden.
„Es hat im Lehrerzimmer Tränen gegeben.“ Wahrscheinlich nicht nur im Lehrerzimmer. Rektor Olaf Büscher von der Vaihinger Ferdinand-Steinbeis-Realschule hat um die Mittagszeit den ersten Schock der Meldungen aus Winnenden einigermaßen verdaut und ist ständig um aussagekräftige Informationen bemüht. Die Nachricht von dem Attentat in der Albertville-Realschule hat in seiner Schule schnell die Runde gemacht. „Obwohl es eigentlich verboten ist, haben doch viele Schüler ihre Stöpsel in den Ohren.“
Büscher hat per Durchsage über dem schrecklichen Vorfall informiert und seine Kollegen angehalten, am Donnerstagmorgen genügend Zeit zum Aufarbeiten der Vorfälle in den Klassen zur Verfügung zu stellen. Falls es Probleme bei einzelnen Schülern gebe, werde man Kontakte zum schulpsychologischen Dienst vermitteln.
„Unsere Katastrophenübung für dieses Schuljahr hatten wir schon, aber da haben wir geprobt, wie bei einem Feueralarm möglichst zügig und geordnet das Schulhaus verlassen wird“, sagt Hans-Joachim Sinnl, Leiter des Friedrich-Abel-Gymnasiums in Vaihingen. Heute wolle er mit dem Kollegium in der großen Pause noch einmal den Krisenplan besprechen, der für den Fall eines Amoklaufs aufgestellt wurde. „Alle Maßnahmen wurden mit der Polizei abgestimmt. Den Schülern wollen wir die Sicherheit vermitteln, dass wir vorbereitet sind und dass es Antworten auf solche Probleme gibt.“ Eine praktische Übung der Maßnahmen bei einem Amoklauf werde es aber eher nicht geben.
Eine Erkenntnis nehme er aus den gestrigen Ereignissen mit, verrät Sinnl: „Bei den nächsten Pflegschaftsabenden werden wir die Eltern bitten, falls es an unserer Schule einmal zu einem schlimmen Ereignis käme, auf keinen Fall mit dem Auto zur Schule zu kommen.“ Es sei zwar verständlich, dass Eltern dann möglichst nah bei ihren Kindern sein und ihnen möglichst auch helfen wollen, doch habe sich gestern wieder einmal gezeigt, dass die Autos der Eltern den Rettungskräften die Zufahrt zur Schule versperrten. Egal ob es sich bei der Gefahr um einen Amoklauf oder einen Brand handelt – Hans-Joachim Sinnl appelliert an die Eltern, die Zufahrtstraßen unbedingt frei zu halten. In Gedanken ist Sinnl bei seinen Kollegen in Winnenden: „Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, wie man dort im Lebensraum Schule wieder zur Tagesordnung übergehen kann.“ Allein schon die Vorstellung, wie am Ort des gestrigen Blutbades wieder Schulfeste stattfinden sollen, fällt ihm schwer. Für die Kinder sei ein „Schutzraum“ zerstört worden, wie Sinnl die Schule bezeichnet.
Paul Rodach, der geschäftsführende Schulleiter der Vaihinger Schulen, sagt in einer ersten Stellungnahme: „Ich bin total betroffen. Ich kenne die Schule und die Stadt Winnenden ist vergleichbar zu Vaihingen.“ Dazu komme, dass noch kein größerer Amoklauf räumlich so nahe an Vaihingen war wie der gestrige. „Wenn es zu so einer Situation kommt, ist man ihr erst einmal hilflos ausgeliefert.“ Natürlich habe man entsprechende Pläne, die notwendigen Telefonnummern seien in Reichweite. Doch sich vor einer möglichen Bedrohung völlig abzuschotten, sei nicht möglich. Vor wenigen Jahren hatten die Schulen nach einer Warnung vor einem angeblich bevorstehenden Amoklauf vorübergehend Polizeischutz bekommen. Das könne aber keine Dauerlösung sein. „Wir werden in den Klassen mit den Schülern besprechen, was man im Ernstfall tun müsste.“ Außerdem gelte es, die Augen und Ohren offen zu halten.
Schulleiter Hans-Günter Peisch vom Stromberg-Gymnasium will dem Amokläufer von Winnenden nicht noch mehr Gewicht geben als er durch die zu erwartenden Medienberichte ohnehin schon bekommt. „Wir wollen, dass die Kinder an unserer Schule ein Stück weit Normalität erleben“, sagt er. „Sollte aber Bedürfnis nach Diskussion bestehen, dann werden die Lehrer natürlich sehr sensibel darauf eingehen.“
Zum Schutz vor einer möglichen Bedrohung sagt Peisch: „Wir wollen keine verschlossenen Schulen haben und könnten solche Ereignisse auch nicht durch Kontrollen verhindern.“ Jeder Schüler bringe aus dem Elternhaus eine gewisse Erziehung und Einstellung mit. Als Schule müsse man klar machen, dass man bei Problemen und Gesprächsbedarf jederzeit offene Ohren habe. Für die betroffene Schule in Winnenden sei es jetzt sehr schwierig, das Geschehene aufzuarbeiten. „Wir haben schon einen Suizid an der Schule erlebt“, sagt Peisch, dem klar ist, dass der gestrige Amoklauf für alle Betroffenen noch wesentlich schwieriger zu verarbeiten sein wird als das Ereignis an seiner Schule.
Wie wurde an einer Grundschule auf die Vorfälle reagiert? Ingrid Jäger-Gutjahr (Oberriexingen) hat über eine Handy-Mitteilung ihres Mannes von den Ereignissen in Winnenden erfahren. „Ganz schnell“ habe man die Schule vorne und hinten geschlossen und die älteren Kinder auch informiert. Am Donnerstag werde man das Thema im Unterricht generell aufgreifen. Bei dieser Gelegenheit wurde in Oberriexingen der Krisenplan durchgespielt und alle dort genannten Stellen eingeschaltet. „Innerhalb von zehn Minuten waren alle in solchen Fällen Betroffenen informiert“, ist das Fazit der Rektorin.
Der stellvertretende Leiter des Polizeireviers Vaihingen, Diethelm Beier, berichtet davon, dass gegen zehn Uhr auch aus Vaihingen Unterstützung angefordert wurde. „Zwei Streifenwagen von uns waren im Raum Marbach im Einsatz, unter anderem um Schulen zu überwachen.“ Außerdem habe eine Zivilstreife die Polizei im Raum Waiblingen bei der Fahndung nach dem flüchtigen Amokläufer unterstützt. Starke Kräfte seien an der Grenze des Landkreises Ludwigsburg und des Rems-Murr-Kreises zusammengezogen worden. Für Vaihingen selbst vermeldet Beier kein Hilfeersuchen von Schulen, auch sei kein Polizeischutz angeordnet worden.
