Mittwoch, 23. Mai 2012

432 Kristalle zieren das Kleid der Kaiserin




Die Schneidermeisterin zeigt ein edles Kleid. Foto: Rücker
Die Schneidermeisterin zeigt ein edles Kleid. Foto: Rücker

Vaihingen (sr) – Ein Hauch von Oberammergau liegt in der Luft. Das findet zumindest Schneidermeisterin Elisabeth Lampl-Hegazy. Grund für die Vorahnung sind die Vorbereitungen für den Maientag. Der Verein Vaihinger Aktion Innenstadt wird in fulminanten Gewändern am Umzug teilnehmen. Lampl-Hegazy schneidert in einer Art Rauschzustand und etliche Bürger haben sich mit Materialspenden eingebracht.

Im oberbayerischen Oberammergau gilt seit Aschermittwoch der „Haar- und Bart-erlass“. Alle, die an den Passionsspielen im nächsten Jahr teilnehmen, dürfen ihre Haarpracht nicht mehr stutzen. In Vaihingen beschert der Maientag 2009 einigen Menschen wallende Haare. Für die Darstellung der Kaiserin Isabella beim Festzug am 1. Juni steht die Leiterin der städtischen Jugendarbeit, Ingeborg Welz, in den Startlöchern. Schneidermeisterin Lampl-Hegazy: „Sie wollte sich eigentlich die Haare schneiden lassen, lässt sie aber jetzt wachsen.“ Denn auf Kaiserin Isabellas Haupt legen sich auf alten Gemälden Haarzöpfe um die Ohren.
 Auch der Darsteller ihres Gemahls Kaiser Karl V. ist um Authentizität bemüht: Thomas Hitschler lässt sich seinen Bart schon in Form schneiden, verrät Lampl-Hegazy. Der Vorsitzende des Vereins Vaihinger Aktion Innenstadt (VAI) mimt den Herrscher und wird als solcher, samt Gemahlin und Hofstaat, im Festzug glänzen. Gute 500 Jahre nachdem das Original Vaihingen beehrte. Wieso eigentlich?
Elisabeth Lampl-Hegazy, Inhaberin von Hosen-Weber in der Kernstadt, kennt die Antwort. Inmitten des Ladens, verborgen zwischen Regalen und Stoffen, sitzt sie an ihrer Nähmaschine. „Des isch wie eine Droge, des Nähen“, sagt sie in breitem Schwäbisch und lässt die Nadel flitzen. Es gab aber auch eine Phase in ihrem Leben ohne das „gierige Gefühl, nähen zu müssen“. Doch seit die Maientagsaktion läuft, hängt sie wortwörtlich am Stoff. Zweimal sei sie in den letzten Jahren beim Maientags-Umzug mitgelaufen. „Das hab’ ich gefressen. Da muss man als Vaihinger immer dabei sein“, sagt sie und schiebt den Stoff auf der Maschine ein Stückchen nach vorne. Lampl-Hegazy: „Ich habe gehirnt, was man machen könnte.“ Archivar Lothar Behr gab schließlich den entscheidenden Hinweis: Kaiser Karl V. habe im 16. Jahrhundert Vaihingen mehrere Male auf der Durchreise passiert. Die Vereinskollegen der VAI waren sofort von dem Vorschlag begeistert und mittlerweile sind 24 Personen, Vereinsmitglieder und Sympathisanten, für den Tross des Kaisers eingeplant.
Der Auftritt lebt natürlich vor allem von den opulenten Gewändern, die Lampl-Hegazy mitunter bis tief in die Nacht hinein schneidert. „Ich denk’, ich sollt heimgehen aber dann...bloß das noch schnell fertig machen...“ Bei der Planung konnte die 53-Jährige auf ihr Wissen über Kunstgeschichte aus der Ausbildung zurückgreifen und auf Bilder, die ihre Mitstreiter im Internet aufgetrieben hatten. Brokat, Jacquard, Samt, Litzen und Bänder, „Tod und Teufel“ wird bei den aufwendigen Kleidungsstücken verarbeitet. Anfang Januar startete die VAI in der Vaihinger Kreiszeitung einen Aufruf, in dem um Materialspenden gebeten wurde. „Die Resonanz war gigantisch!“, freut sich die Schneiderin und springt von ihrer Maschine auf. Sie rennt um die Ecke herum und kruschtelt in einer kleinen Kammer, die sich hinter einem Vorhang verbirgt. Ein Spitzenkleid, vermutlich aus den 50er Jahren, kommt zum Vorschein. „Das kam heute an, das ist so schön verarbeitet, das magst du schier nicht verschneiden“, ächzt Lampl-Hegazy. Ganz arg dankbar seien die VAI-Leute für alles, was gespendet wurde. Vom Vorhang über Stoffreste bis zum Pelz-Mantel und Hochzeitskleidern aus Brüsseler Spitze. Nochmal wühlt sie in ihrem Schatzkämmerchen. Perlen, Ketten, Täschchen fischt sie heraus. Auf Isabellas Kleid werden 432 kleine Swarovsky-Kristalle prangen. Dem Inhaber von Horsy-Jeans, mit dem sie geschäftlich zu tun hat, sei Dank. „Er hat sich anstecken lassen von meiner Begeisterung und hat die Kristalle zum günstigen Freundschaftspreis auf das Kleid gepresst“, schmunzelt Lampl-Hegazy. Die Bonbonfabrik Jung steuert dem Spektakel 20 bis 30 Kilogramm Golddukaten aus süßer Masse bei, die in einer Schatztruhe transportiert und unters Volk gebracht werden.
Die Kleidungsstücke mit den vielen Details existieren zuerst vor Lampl-Hegazys geistigem Auge: „Ich sehe einen Stoff und dann entstehen schnell die Bilder im Kopf.“ Jeder Teilnehmer erhält sein maßgeschneidertes Kostüm mit nach Hause, um das Werk mit Handnäharbeiten zu vollenden. Insgesamt sind die Unikate jedoch Eigentum der VAI. Doch auch Mitglieder des Vereins Holzwurm laufen beim Hofstaat mit, sie werden einen Baldachin tragen. Walter Furch aus Horrheim brillierte bei der Vaihinger Hobbyausstellung mit Ritterrüstungen und wird die Kaiserkrone für Thomas Hitschler maßstabsgetreu nachbilden. Michael Weber wird als Alchimist Vaihingen durchschreiten, Engel-Wirt Andreas Schuller gibt den Hofnarren. Ob der Mönch (Oliver Gassner) sein Haupthaar als Tonsur tragen wird, bleibt abzuwarten. Was nun noch fehlt ist eine Dogge. Die großen Hunde seien auf vielen historischen Bildern der damaligen Zeit zu sehen. Und Degen für die Edelmänner. Stilechte Schuhe lassen sich die Maientagsläufer in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal fertigen.
Eine Anprobe sei in der Regel ausreichend, dann passt das Gewand wie angegossen. „Da nehmen die Leute gleich eine ganz andere Körperhaltung an“, hat die Schneiderin beobachtet. Und teilweise wollen sie gar nicht mehr aus den kostbaren Gewändern schlüpfen. Viele Spender und Kunden nehmen schon rege Anteil am Besuch des Kaisers. „Wir Vaihinger müssen doch zusammenhalten“, bekam Lampl-Hegazy öfter von Materialspendern zu hören und immer wieder guckt jemand in den Laden, nur um einen Blick auf die Kostüme zu erhaschen. Einen Herzenswunsch für den Maientag hat die Stoff-Künstlerin dann doch: „Dass viele Leute kommen und rufen: Hoch lebe der Kaiser!“ Ein wenig plagen sie Bedenken bezüglich der Entwöhnung von der Nähmaschine nach dem Maientag. Doch nach dem Maientag ist vor dem Maientag und an Zukunftsvisionen mangelt es Lampl-Hegazy nicht: „Man könnte dann noch ein Lager des Hofstaats am Enzdamm in den Köpfwiesen nachbauen.“
Die Verbindung zum Festplatz wäre mit Ständen denkbar, überlegt die Vaihingerin und setzt sich wieder an ihre Nähmaschine. Der Stoff hat gerufen.




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