Vaihingen (ub)– Pokern ist grundsätzlich nicht verboten. Aber die Grenze zum illegalen Glücksspiel ist schnell erreicht. Da reicht das mehrmalige „Einkaufen“ für die Runde, da locken Gewinne, die aus dem Unterhaltungs- ein illegales Glücksspiel machen. Sponsoren loben „dicke“ Preise aus: Der wertvollste bisher bekannt gewordene Preis war ein Auto im Wert von 17000 Euro. Um diese Hausnummer geht es bei dem aktuellen Fall vor dem Amtsgericht Vaihingen nicht – trotzdem birgt die Verhandlung viel Brisanz.
Die Poker-Hype ist mittlerweile zwar abgeebbt. Nach einer Erhebung des Forsa-Instituts nehmen gegenwärtig in Deutschland aber immer noch rund 2,2 Millionen Menschen an Glücksspielen im Internet teil. Rund 430000 Einwohner pokern im Netz. Aber auch in öffentlich zugänglichen Gaststätten wird gezockt. Mit am Tisch oft verdeckte Ermittler der Kriminalpolizei.
Einen kleinen Einblick in die Welt der Spieler verschafft aktuell ein Fall vor dem Amtsgericht Vaihingen. Zwei Männer, einer davon ein Polizeibeamter aus dem Landkreis Ludwigsburg, sind wegen Betrugs und dem gewerbsmäßigen unerlaubten Veranstalten von Glücksspielen angeklagt. Dabei geht es um „Re-Buys“, Kartenausgeber die „Dealer“ heißen, um eine schillernde Figur des türkischen Nachtlebens, um Turbo-Tables, um Oberservationen der Polizei, um Hintermänner
Den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft akzeptierten die beiden Angeklagten nicht, deshalb wird nun öffentlich verhandelt. In dieser Woche der erste Termin, am 16. März geht es im Saal Nummer 7 des Amtsgerichts Vaihingen weiter. Der in Bietigheim-Bissingen wohnhafte Polizeibeamte M., 1973 geboren, sollte 6400 Euro zahlen, der in Tamm wohnhafte Verkäufer S., 33 Jahre alt, 1350 Euro. Sie fühlen sich allerdings unschuldig, sie seien leidenschaftliche Spieler, die Poker-Gesellschaft des Polizeibeamten M. habe mit illegalen Machenschaften nichts zu tun. Die Firma sei lediglich Franchisegeber gewesen, bei möglichen gesetzeswidrigen Handlungen sei der Veranstalter der Pokerrunden zuständig.
Die Ermittlungsakten der Polizeidirektion Ludwigsburg – zuständig ist hier das Dezernat zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität – sprechen allerdings eine andere Sprache, dazu füllen viele Zeugenaussagen die Leitz-Ordner der Strafverfolgungsbehörden. Amtsrichter Thomas Bossert: „Sie sind der Mann, der lenkend die Hand hält.“ Der Polizeibeamte M. sei das „treibende Element“ in dem Fall.
Das unterstellt auch die dreiseitge Anklageschrift: Am 10. Februar 2007 soll der Polizeibeamte M. bei der Firma Saturn in Ludwigsburg Elektroartikel im Wert von 1930 Euro gekauft haben: Handys, Flachbildfernseher, DVD-Player und MP3-Player – alles Preise für Pokerturniere. Bezahlt wurde allerdings bis heute kein Cent. Die Erklärung von M.: „Ich habe die Preise nur abgeholt, die waren für eine andere Pokergesellschaft.“
In der Anklage heißt es weiter: Spätestens im Februar 2007 entschlossen sich die Angeklagten, eine Poker-Gesellschaft zu gründen und in verschiedenen Gaststätten im Großraum Bietigheim/Ludwigsburg/Stuttgart regelmäßig öffentlich zugängliche Pokerturniere mit planmäßig verdeckten Einsätzen in Form von sogenannten „Re-Buys“ und ausgespielten, größtenteils nicht gesponserten hochwertigen Sachpreisen zu veranstalten. Nach dem gemeinsamen Tatplan der beiden Angeklagten waren bei ihren Turnieren die Spielmarken für die Teilnehmer nicht kontigentiert, sondern jeder Teilnehmer konnte sich nach etwaigem Ausscheiden durch weitere Spielberechtigungsbeiträge beliebig oft erneut in das Turnier einkaufen. „Um dennoch einen legalen Rahmen vorzutäuschen, meldeten die Angeklagten gegenüber den Verwaltungsbehörden die Pokerturniere als bloße Unterhaltungsveranstaltungen mit von Dritten zu Marketingzwecken gesponserten hochwertigen Preisen an und schlossen hierbei die Möglichkeit von Re-Buys ausdrücklich aus.“
Am 11. November 2007 wurde in einer Gaststätte in Ludwigsburg gespielt – mit am Tisch ein Kriminalhauptkommissar, der sich als verdeckter Ermittler achtmal für 105 Euro in das Spiel einkaufen konnte. Als Gewinn winkte ein LCD-Fernseher, obwohl offiziell nur Gewinne von unter 60 Euro gemeldet wurden. Am 1. Dezember ein weiteres Turnier in einer Gaststätte in Sachsenheim. Als Gewinn diente hier wieder der Fernseher, der vom Angeklagten S. in Ludwigsburg gewonnen wurde. Auch hier zockte ein Kriminaloberkommissar mit, bis um 21.04 Uhr die Polizei die Runde sprengte.
Als Zeuge schildert ein Fahnder der Kripo in Ludwigsburg die Ermittlungen gegen die illegalen Spieler, beschreibt die Anfänge in einem Lokal in Vaihingen, berichtet von den Observationen. „Es ging bei den Turnieren klar darum, dass möglichst viele Leute über eine längere Zeit spielen.“ Und da bei den Pokerturnieren nur rund 15 Leute teilnahmen, sei es logisch, dass ein „Wiedereinkauf“ Sinn mache. Nach dem Einsatz in Sachsenheim sei auch die Wohnung des angeklagten Polizisten durchsucht worden. Hinter der Blende des Wohnzimmerschranks wurde ein Sponsorenvertrag mit einem Automatenaufsteller gefunden worden. „Eine schillernde Figur im türkischen Nachtleben. Ich würde jedem Polizeibeamten empfehlen, mit diesem nur dienstlich etwas zu tun zu haben“, so der Kriminalhauptkommissar vor Gericht. Die beiden Angeklagten bezeichneten sich lediglich als Spieler, nicht als Veranstalter. Der 33 Jahre alte Verkäufer S.: „Ich verstehe nicht, warum ich hier sitze.“ Das Pokerspielen sei eine Leidenschaft, er habe an den Turnieren nur ausgeholfen. Auch der Beamte M. winkt ab: Er habe nur den Franchise-Vertrag bei den Turnieren überwacht.
Am 16. März sollen die Zivilfahnder aussagen, die verdeckt an den Pokerturnieren mitmachten. Polizist M. ist übrigens seit dem Verfahren gegen ihn vom Dienst suspendiert. Und der Vertreter der Anklage machte bei der Verhandlung am Mittwoch bereits deutlich: „Mit einer Geldstrafe kommen Sie nicht mehr davon. Da gibt es eine Freiheitsstrafe.“
