"Grüner Gockel" für den Klimaschutz
Vaihingen (aa) – Auf den Türmen der evangelischen Kirchen sitzt in aller Regel ein Gockel. Golden glänzt er in der Sonne. Doch er soll grün werden. Natürlich nur im übertragenen Sinn. Damit wollen die Kirchengemeinden dokumentieren, dass sie sich aktiv für den Klimaschutz einsetzen, den Energieverbrauch senken und dabei gleichzeitig auch Kosten sparen. Im evangelischen Kirchenbezirk Vaihingen läuft jetzt die Aktion „Grüner Gockel“ an.
Es war der Hahn, der lautstark krähte, als Petrus abstritt, zu diesem Menschen Jesus zu gehören. Jetzt soll sich der Gockel für die Bewahrung der Lebenswelt zu Wort melden, die Menschen mahnen, die Schöpfung nicht zu verachten, zu vernichten, zu zerstören und sie auszubeuten – ganz auf der Grundlage des Glaubensbekenntnisses: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Wer diese Worte nicht nur als Lippenbekenntnis nimmt, für den sollte es eigentlich selbstverständlich sein, sich in die Aktion „Grüner Gockel“ einzubringen. Oder auch anders ausgedrückt: Nicht nur predigen, auch handeln ist angesagt.
Einer hat sich ganz besonders angesprochen gefühlt: Jörg Mannhardt, Umweltbeauftragter der Ensinger Mineral-Heilquellen und einer der Aktivisten der Vaihinger Agenda-Gruppe, ist auf die Aktion aufmerksam geworden und will sie mit Hilfe seines Arbeitgebers bekannt machen. In seinem Unternehmen rannte er bei Geschäftsführer Thomas Fritz und Marketingmann Stefan Schurr offene Türen ein. Am kommenden Freitag soll im Stammhaus der Ensinger Mineral-Heilquellen in der Horrheimer Straße 28-36 für den „Grünen Gockel“ geworben werden (siehe Kasten).
Diese Form einer Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Betrieb und einem ganzen Kirchenbezirk in einem Konvoigedanken gab es im Werben für den „Grünen Gockel“ noch nie. „Es kann eine spannende Sache werden“, freut sich Helga Baur von der Geschäftsstelle „Grüner Gockel – Umweltaudit in Kirchengemeinden der Evangelischen Landeskirche in Württemberg“. Eingebunden sollen möglichst viele Orte des Vaihinger Kirchenbezirks werden. Ein Wettbewerb unter den Gemeinden ist durchaus erwünscht. Und Dekan Hartmut Leins steht der Aktion aufgeschlossen gegenüber, hat den Brief zur Infoveranstaltung mit unterschrieben.
Der „Grüne Gockel" ist eine speziell für Kirchengemeinden und kleine kirchliche Einrichtungen entwickelte Form des Umweltmanagementsystems. Eine nachhaltige, zukunftsfähige Entwicklung in den Gemeinden soll die stetige Verminderung der Umweltbelastung erreichen. Dies soll in einem transparenten, dauerhaften, glaubwürdigen und unumkehrbaren Prozess verlaufen.
Angesagt ist ein genaues Hinschauen auf den Verbrauch von Ressourcen und Umweltverschmutzungen aller Art, eine Bestandsaufnahme des Vorhandenen, systematisches Handeln mit der konkreten Festlegung von Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten. „Es sind die kleinen Sachen, die beachtet werden müssen“, erklärt Helga Baur, nennt Dinge wie Türen schließen, Heizung abdrehen oder den Einbau von Energiesparlampen. Oftmals brauche es nur einen Anstoß. In der Regel kann man nach ihren Erfahrungen ohne große technische Änderungen 10 bis 30 Prozent der Energiekosten sparen. „Und das fängt zumindest den Anstieg des Energiepreises auf“, rechnet sie vor.
Eine Kirchengemeinde, die beschlossen hat, am „Grünen Gockel“ teilzunehmen, wird im ersten Jahr von speziell ausgebildeten kirchlichen Umweltauditoren begleitet. Zu Beginn werden die Verbrauchsdaten von Strom, Wasser, Wärmeenergie und Abfall gesammelt und ausgewertet. Das Umwelt-Team erstellt daraus einen Maßnahmenkatalog, das so genannte Umweltprogramm, und setzt sich Ziele, zum Beispiel die Einsparung von fünf Prozent der Wärmeenergie. Viele Kirchengemeinden entscheiden sich im Zuge des Umweltaudits zum Aufbau von Sonnenkollektoren, zum Bau von Zisternen. Nachdem ein kirchlicher Umweltgutachter vor Ort war und das „Grüne Buch“, das die Kontaktstelle für Umwelt und Entwicklung (KATE) zur Verfügung stellt, kontrolliert hat, erfolgt die Überreichung des Zertifikats. In einem Rhythmus von drei Jahren erfolgt eine erneute Zertifizierung, nachdem jährlich eine Zwischenkontrolle stattgefunden hat.
„In Württemberg gibt es rund 1400 evangelische Kirchengemeinden, derzeit sind 60 zertifiziert“, weiß Helga Baur. Und sie ist ein klein wenig stolz darauf, dass die im Jahre 2000 in Württemberg angestoßene Aktion inzwischen von vielen anderen Landeskirchen übernommen wurde. Auch bei den Katholiken der Diözese Stuttgart-Rottenburg ist der Klimaschutz ein Thema geworden.
Jetzt soll sich rund um Vaihingen etwas bewegen. Dabei sind vor allem Ehrenamtliche angesprochen („Pfarrer sollen ja in erster Linie den theologischen Bereich abdecken“). Bildungsreferentin Helga Baur ist sich sicher, dass es in jeder Gemeinde Menschen gibt, die sich in ein Umweltprojekt einbringen können und wollen. Beweise hat sie aus vielen Orten.
Erste Gemeinden haben bereits die Hand gehoben und wollen sich engagieren. So kommen aus Nussdorf und Eberdingen Signale. Insgeheim hofft Helga Baur auf den Effekt, dass in den Kirchengemeinden kritisch nachgefragt wird: „Warum sind wir da eigentlich nicht dabei?“
Informationsveranstaltung am Freitag, dem 4. April um 17 Uhr in den Räumen der Firma Ensinger Mineral-Heilquellen, Stammhaus Ensingen, Horrheimer Straße.
