Vaihingen (aa) – Der letzte Termin ist für Montag ausgemacht. Dann soll Schluss sein. Walter Häußermann gibt am 31. März sein Dienstsiegel ab. Ab 1. April ist der Vaihinger Notar Pensionär.
„Notar war mein Traumberuf.“ Walter Häußermann strahlt, als er aus seinem Leben erzählt. Er verschweigt nicht, dass ihm auch mal von einem Klienten das Dienstsiegel gestohlen wurde. „Das war eine Aufregung. Ich bin nur kurz zum Kopierer – und weg war der Stempel.“ An den nachfolgenden Ärger mit Polizei, Staatsanwaltschaft und Ministerium erinnert er sich nicht so gerne. Der Stempel ist für ungültig erklärt worden, dann aber auch wieder aufgetaucht.
Auch die Geschichte vom Tresor, der nicht mehr zu öffnen war, gehört nicht in die Rubrik Notars-Latein. „An dem alten Ding waren am Schloss einfach die Federn gebrochen. Und drin lagen Testamente und Geld.“ Der Schlosser von nebenan habe die Sache aber ohne Flurschaden bereinigt. Häußermann lacht, wenn er sich an diese Episoden erinnert. Und er erzählt auch noch von einem Sitzstreik im Flur des Notariats. Da habe ein Bürger auf diese Weise halt protestiert, weil er „sein“ Recht nicht bekommen habe.
„Es ist wohl schon durch in der Stadt, dass ich aufhöre“, meint Häußermann; in dieser Beziehung sei Vaihingen halt doch noch ein wenig ein Dorf. Wobei das in keiner Weise abwertend verstanden werden soll. Der 65-Jährige (am Mittwoch war der Festtag) kommt selbst vom Dorf. Er wurde in Iptingen geboren, ist dort aufgewachsen und wohnt nach wie vor im Kreuzbachtal. Die beiden Brüder sind Müller geworden, er hat einen anderen Weg gewählt. „Da war meine Mutter die treibende Kraft.“ Und der Weg hat offensichtlich gepasst.
„Mein Leben wurde durch meine Tätigkeit enorm bereichert“, sagt der dreifache Vater und sechsfache Opa. „Die vielen Begegnungen mit Menschen habe ich genossen.“ Apropos Begegnungen. Jährlich hat Häußermann rund 1500 Urkunden besiegelt, Urkunden hinter denen immer Menschen und Schicksale standen. Es ging um Grundstücksrecht, Erbrecht, Familienrecht, Gesellschaftsrecht… Geblieben ist in all den Jahren immer das gleiche Ritual: „Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben.“
Walter Häußermann hat 1961 seine Ausbildung zum Notar begonnen. Er legte 1967 das Notariatsexamen ab und arbeitete in Sachsenheim und Mühlacker, wo er 1977 zum Notar bestellt wurde. Im August 1993 wechselte er nach Vaihingen, wurde hier der dienstaufsichtsführende Notar (Amtsvorstand). Das im 2. Obergeschoss des Landratsamts untergebrachte Notariat umfasst derzeit drei Notare und vier beamtete Notarvertreter. Walter Häußermann war für die Kernstadt Vaihingen, Aurich und Ensingen zuständig. Wer sein Nachfolger wird, steht derzeit noch nicht fest. Die Stelle war ausgeschrieben; das Besetzungs-
verfahren beim Justizministerium läuft. Nach Häußermanns Kenntnisstand wird sein Platz rund zwei Monate vakant sein. Notar Gerhard Groß wird für diese Zeit kommissarisch als dienstaufsichtsführender Notar fungieren, die Amtsverwaltung liegt bei Notarvertreterin Ina Schönleber. „Auch ohne mich können die Vaihinger ihre Verträge schließen“, schmunzelt Häußermann. Am 1. April muss er nur noch seine Vierteljahresstatistik fertigen. Dann ist endgültig Schluss. Die Abschiedsurkunde wird er schon heute Abend bei einer Feier im Schloss Kaltenstein von Wolfgang Görlich, dem Präsidenten des Landgerichts Heilbronn erhalten.
Wenn Häußermann zurückblickt, empfindet er es fast als erschreckend, was sich alles verändert hat. Mit der Schreibmaschine habe er einst die Verträge zu Papier gebracht, das Kohlepapier zwischen die Blätter gelegt – und los ging’s. Zum Teil über viele Seiten. Heute wird vieles vom Computer abgenommen. Der erkennt schon über die Programmierung die Art der Verträge. Und der Rechtsverkehr zu den Ämtern geschieht natürlich ebenfalls elektronisch. Ebenso werden fast alle Vaihinger Grundbuchakten inzwischen per PC verwaltet.
Und die Veränderungen gehen weiter. Bis zum Jahre 2018 wird es die alten württembergischen Amtsnotare nicht mehr geben. Das EU-Recht hat zur Reform ge-
zwungen. Schon bis 2016 werden Gerichtsnotare und Beurkundungsnotare getrennt. Doch das ist eine andere Geschichte. Darüber braucht sich Walter Häußermann nicht mehr zu ärgern.
Was treibt ein Notar i. R.? „Um die sechs Enkel kümmern“, erzählt Walter Häußermann. Sich noch mehr in seinem italienischen Chor in Mühlacker engagieren, im Garten und auf den Baumstückle schaffen, „da ehrenamtlich helfen, wo man mich als Berater braucht“. Langweilig wird es Häußermann mit Sicherheit nicht werden. Vermissen wird er aber seine Mitarbeiter im Vaihinger Büro und die Fahrten von Vaihingen nach Iptingen, in denen er gerne den Tag noch einmal Revue passieren ließ. „Unter jedem Dach ein Ach“, das hat er dabei immer wieder als Fazit ziehen müssen, denn seine Kunden mussten sich ja vor ihm öffnen.
Zum Abschied setzt sich Walter Häußermann fürs Foto gerne noch an seine alte Schreibmaschine, die er am Montag mitnehmen wird. Wenn die Triumph erzählen könnte…
