Sersheim (sf) – Die Bahn sorgte am Freitagabend für jede Menge Aufregung im Sersheimer Gemeinderat. Eine hohe sechsstellige Summe muss die Kommune in einen Durchlass beim Bahndamm investieren – zum Schutz der Bahnkunden, die bislang - Verbot hin oder her – viel zu oft die Gleise überqueren. Ein gefährliches Spiel. Weil sich die Bahn nicht bewegen will, springt die Gemeinde nun mit einem teuren Projekt in die Bresche: eine zusätzliche Unterführung.
„Warum muss denn immer zuerst etwas passieren?“, ärgerte sich Gerd Langer (SPD) über die Behäbigkeit der Bahn in Sachen Sersheimer Bahnhöfle. „Die sitzen in Berlin und die stört das doch einen Sch…dreck, was in Sersheim passiert“, monierte er in drastischen Worten. Und auch Sersheims Bürgermeister Jürgen Scholz wollte seinen Ärger nicht mehr verhehlen. „Das ist der größte Sauhaufen, den ich je erlebt habe. Mir reicht es so langsam.“ Die Bahn, so sein Vorwurf, kümmere sich nicht angemessen um den Bahnhof in Sersheim und lasse die Kunden damit in Sicherheitsfragen im Stich. „Ich fahre auch viel mit der Bahn, aber ich kenne keinen vergleichbaren Bahnhof, wie den bei uns. Es ist bedauernswert, was sich die Bahn hier leistet.“ Es war übrigens nicht nur der Bahndurchlass, den die Kommune jetzt eigenständig plant, sondern auch die Unfähigkeit der Bahn, einen Verantwortlichen zu finden, die Scholz störte. „Es gibt keinen, der sich in der Lage sieht, Entscheidungen zu treffen.“ Ein Unding, so der Bürgermeister – zumal in einer solch sensiblen Angelegenheit, wie dem sicheren Queren des Bahngeländes.
Die Beratung über verschiedene Varianten eines Bahndurchlasses hat Scholz deshalb kurzfristig am Freitagabend auf die Tagesordnung gebracht. „Uns war es zu heikel, eine Entscheidung zu treffen.“ Denn obwohl Sersheim sich bereit erklärt, auf eigene Kosten einen Bahndurchlass zu bauen (Scholz: „Das ist eigentlich nicht unsere Aufgabe“), wirft die Bahn auch hier überraschend Steine in den Weg. Die von den Gemeinderäten favorisierte Idee, einen Bahndurchlass möglichst nahe an die Bahnhofstraße zu bringen, will die Bahn ProjektBau GmbH jedenfalls nicht – es sei denn, Sersheim zahlt kräftig. Für den Fall, dass die Bahn die bereits bestehende Unterführung eines Tages doch noch ausweiten würde. „Bevor wir in die Planung eingestiegen sind“, schüttelte Scholz verständnislos den Kopf, „haben wir auch darüber gesprochen. Die Bahn hat das geprüft und uns mitgeteilt: Sie sieht keine Notwendigkeit, in eine Aufweitung zu investieren.“ Als jüngst die Planer von „Fichtner Bauconsulting“ mit einer Planskizze, die die neue Unterführung bis auf acht Meter an die bestehende Unterführung heranrückt, auf die Bahn zutraten, schien das nicht mehr zu gelten.
Guter Rat schien zunächst also teuer. Intensiv debattierten die Räte über Möglichkeiten und Sinn der zusätzlichen Unterführung. Drei Varianten mit Kosten zwischen 800000 und 980000 Euro lagen auf dem Tisch, die sich jeweils im Abstand von der Bahnhofstraße unterschieden. „Die bringen alle nichts“, erklärte Edgar Wurster (SPD). „Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Ich finde es unmöglich, dafür fast eine Million Euro hinzulegen.“ Reinhard Gantenbein (UBS) regte an, mit Hilfe eines Zauns die Überquerung der Gleise zu unterbinden. Dieser könnte denselben Zweck, wie die teure Baumaßnahme erfüllen, äußerte sich auch Erwin Cwerenz (Freie Wähler). „Kann man den nicht mit massivem Druck erwirken?“, erkundigte sich Bastian Zeeb (UBS). Gertrud Grau appellierte zugleich an die Bahn: „Die haben doch auch die Pflicht, uns da entgegenzukommen.“ Scholz konnte den Räten aufgrund der bisherigen Erfahrungen in diesem Punkt allerdings wenig Hoffnung machen.
Am Ende der Diskussion sah der Gemeinderat deshalb einstimmig die Notwendigkeit der Unterführung. Zunächst sollen zwei Varianten verfolgt und mit der Bahn abgestimmt werden. Immerhin: Ansprechpartner für das Projekt haben Planer und Kommune zwischenzeitlich gefunden, so Scholz, der abschließend mahnende Worte an das Unternehmen richtete: „Die Bahn muss sich auch ihrer Verantwortung bewusst sein. Der Bahnkunde hat das Recht auf ein sicheres Ankommen am Bahnhof. Da steht die Bahn in der Pflicht.“
Es ist die tiefe Hoffnung des Rats, dass dieser Ruf bei den Verantwortlichen des Unternehmens nicht erneut verhallen wird. Im April, wenn die Stellungnahme der Bahn ProjektBau GmbH vorliegen soll, wissen die Mitglieder des Gremiums mehr. Dann soll auch wieder über das weitere Vorgehen debattiert werden.
