Mittwoch, 23. Mai 2012

Ganz normale Kinder


Die Enkelinnen von Rosemarie Kling spielen mit den Heimkindern gerne Gesellschaftsspiele.
Die Enkelinnen von Rosemarie Kling spielen mit den Heimkindern gerne Gesellschaftsspiele. Foto: Schmid

Schützingen - Wenn Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern oder ihnen die Situation über den Kopf wächst, kann das Jugendamt den Nachwuchs in einem Kinderheim unterbringen. In Schützingen gibt es seit 1978 eine solche Einrichtung. Acht Kinder können dort einen Platz finden.

Vor 30 Jahren nahmen die Sozialpädagogen Rosemarie und Matthias Kling die ersten Kinder in ihr Haus in Schützingen auf. Ihre Idee war es, ein kleines Kinderheim zu schaffen. Ein Gegenstück zur Heimerziehung in den großen Einrichtungen sollte entstehen. Seitdem haben die Schützinger etwa 30 Kinder auf dem Weg des Erwachsenwerdens begleitet.

Auf den knapp 230 Quadratmetern können acht Kinder Unterschlupf finden. Zwei Stockwerke stehen den Jungs im Alter von 10 bis 17 Jahren zur Verfügung. Es gibt ein großes Wohn- und Esszimmer, eine Küche, mehrere Bäder und einen großen Garten. Geschlafen wird entweder zu zweit oder alleine in einem Zimmer.

Vor vier Jahren haben Rosemarie und Matthias Kling noch das Dachgeschoss des Hauses bewohnt. Dort lebt heute ihre Tochter Gabi Waniek mit ihrer Familie. Die studierte Sozialarbeiterin hat das Kinderheim mit ihrem Mann Michael, der das Heim leitet, übernommen. Die drei kleinen Kinder der Familie Waniek haben unter den Heimkindern schon Freunde gefunden.

Das Schützinger Haus ist ein anerkannter Träger der Jugendhilfe und wird deshalb von den Jugendämtern finanziell unterstützt. „Unser Ziel ist es, dass jedes Kind einen Schulabschluss macht und auf eine eigenständige Zukunft vorbereitet wird“, erläutert Rosemarie Kling. Die meisten Kinder machen den Hauptschulabschluss, einige besuchen die Realschule. „Wir hatten aber auch schon Gymnasiasten bei uns“, erinnert sich Kling.

Von den rund 30 Kindern, die bisher in dem Haus aufwuchsen, haben beinahe alle einen Arbeitsplatz gefunden: Lediglich zwei Ausnahmefälle habe es gegeben. Manche Jugendliche bleiben auch noch während ihrer Ausbildung in dem Kinderheim.

„Heimkinder sind keine Unmenschen“, sagt Rosemarie Kling. In den meisten Fällen sind die Eltern das Problem. Der Nachwuchs wird häufig nicht mehr richtig versorgt. Die Eltern sind alkoholkrank, sitzen im Gefängnis oder sind mit der Erziehung aus anderen Gründen überfordert. Der einzige Ausweg ist dann oft der Umzug in ein Kinderheim. In den wenigsten Fällen müsse das Jugendamt diese Maßnahme erzwingen, sagt Rosemarie Kling. „Die Eltern nehmen die Hilfe vom Jugendamt meistens gerne an.“ Sieben der acht Jungs kommen aus Familien aus dem Landkreis Ludwigsburg, einer aus Rastatt.

Manche Kinder bleiben nur ein oder zwei Jahre in Schützingen. Andere verbringen zehn oder mehr Jahre ihres Lebens in dem Heim. Alle zwei Wochen und in den Ferien stehen Besuche bei den leiblichen Eltern auf dem Programm. „In den Fällen, in denen das möglich ist, sieht das Gesetz das so vor“, sagt Kling. Dieser Kontakt sei wichtig, damit die Kinder kein falsches Bild von ihren Eltern bekämen.

Den meisten Heimkindern gefällt es in Schützingen recht gut. Das Haus ist für sie eine zweite Heimat geworden. „Ich freue mich trotzdem immer, wenn ich zu meinen Eltern darf“, sagt der 14-jährige Philipp, der gerne Computerspiele spielt. Aber auch da gibt es Regeln: Pro Woche darf er nicht mehr als zwei Stunden am Bildschirm verbringen. Auch den Müll müssen die Kinder vor die Türe bringen – ganz wie zu Hause eben.

Philipp-Marc Schmid


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