Mittwoch, 23. Mai 2012

Zweite Verhandlung wegen Messerattacke


Tatort Sersheim. Foto: Bögel
Tatort Sersheim. Foto: Bögel

Heilbronn/Sersheim (ub) – Schwerstarbeit für die Justiz: Gestern wurde vor der 3. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Heilbronn der 37-Jährige verhört, der am 21. Juni letzten Jahres von seinem 59 Jahre alten Ex-Schwiegervater niedergestochen und verprügelt worden sein soll. Der Tatort: die Bahnhofstraße in Sersheim.
Seit Ende Februar muss sich der Angeklagte, ein Kurde, der 2002 ein altes Haus in Sersheim kaufte, wegen versuchten Totschlags vor Gericht verantworten. Doch bis die Kammer zu einem Urteil kommen dürfte, wird noch einige Zeit vergehen. Der 37-Jährige, ebenfalls ein Kurde und derzeit Gastronom in Erfurt, wird am kommenden Freitag erneut vernommen. Die Anwältin des Angeklagten will die Glaubwürdigkeit des Zeugen in Frage stellen. Bereits am Mittwoch sind ein Dutzend Zeugen nach Heilbronn geladen, die die Eskalation in der Sersheimer Bahnhofstraße miterlebten. Frühestens am 8. April wird ein Urteilsspruch fallen.
Beim Prozessauftakt machte der angeklagte Ex-Schwiegervater mit Hilfe einer Dolmetscherin nur Angaben zur Person. Gestern schilderte der frühere Schwiegersohn den Vorfall aus seiner Sicht: An diesem 21. Juni 2007 wartete er mit der vierjährigen Tochter im Wagen vor der Pizzeria, um seine Frau, von der er 2004 geschieden wurde, zu treffen. Doch statt der Partnerin, mit der der Kurde auch heute noch in Erfurt zusammen ist und dort einen Dönerladen betreibt, kam der Schwiegervater. Um 21 Uhr sei er vor dem Auto gestanden, in der rechten Hand ein Messer, in der linken Hand eine Pistole. Erst habe es mit der Waffe Schläge auf den Kopf gegeben, dann versuchte der 37-Jährige, den Angriff mit dem Messer abzuwenden. Die Kämpfenden lagen schließlich auf dem Boden, der Ältere oben, der Jüngere unten. Als der Erfurter versuchte zu fliehen, bekam er einen Messerstich in den Rücken. „Ich habe Todesangst gehabt. Es war ein Trommelfeuer von Schlägen.“ Nach seinen Aussagen habe neben dem Ex-Schwiegervater auch die Ex-Schwägerin auf ihn eingeschlagen und ihn an den Haaren gerissen.
Die Folgen des Angriffs: die Verletzung am Rücken, eine gebrochene Schulter, Schürfwunden am Unterarm, ein geschwollener Kopf und eine blutige Wunde an der Schläfe. Erst als mehrere Passanten eingriffen, konnte noch Schlimmeres verhindert werden. Endgültig trennte die Streithähne – in der Zwischenzeit hatten sich rund 20 Leute in der Bahnhofstraße versammelt – die Polizei.
Der Ex-Schwiegervater soll nach Aussagen des 37-Jährigen strikt gegen die Hochzeit mit seiner damals 17-jährigen Tochter gewesen sein. „Er hat mich gehasst“, so der Zeuge vor Gericht. Die Gründe bleiben bis jetzt noch im Dunkeln: Möglicherweise sind es politische Motive, die die Feindschaft begründen, möglicherweise spielt das Alter eine Rolle. Auf jeden Fall bestand zwischen dem 37-Jährigen und der Familie seiner Frau aus Sersheim kein „herzliches Klima“. Das spätere Opfer sei schon während der Ehe beschimpft worden und auch nach der Scheidung kam es zu „schmutzigen Wörtern“.
Immer wieder sei seine Ex-Frau von Erfurt zu ihrer Familie nach Sersheim gegangen, wo sie von ihrer Mutter stark beeinflusst worden sei. Auch sei im Gespräch gewesen, dass sie in die Türkei wolle. Im Mai, nur wenige Wochen vor dem Vorfall, holte die Polizei die gemeinsame Tochter in Sersheim ab, weil der Vater das Sorgerecht hatte. Am 20. Juni, so der 37-Jährige, habe er mit seiner Ex-Frau telefoniert und dabei vereinbart, dass er nach Sersheim kommen solle, damit sie die vierjährige Tochter sehen könne. Treffpunkt sei vor der Pizzeria in der Bahnhofstraße gewesen. Auf dem Fahrersitz der Gastronom, hinten die Tochter mit einer Blume in der Hand.
„Plötzlich hat es zwei Schläge gegen die Fahrerseite gegeben, das Kind hat geschrien und ich war in Panik“, erzählte der Vater vor Gericht. Sein früherer Schwiegervater habe die Tür geöffnet, ihn am Hemd gepackt und aus dem Auto gezogen. „Ich habe bis heute noch keine Erklärung dafür, ich weiß nur, dass er von Anfang an einen Hass gehabt hat.“ Der 37-Jährige, dessen Schwester in Rumänien ermordet wurde und auf dessen Mutter ebenfalls ein Messerangriff bekannt ist, hat noch heute unter den Schmerzen zu leiden. Nach knapp fünf Stunden musste die Verhandlung am Freitag vor der Schwurgerichtskammer abgebrochen werden.
In weiteren vier Verhandlungstagen wird wohl noch viel türkisch-türkische Wäsche gewaschen. Die Anwältin des 59-Jährigen will nachweisen, dass der 37-Jährige seine Ex-Frau geschlagen hat und sie gezwungen habe, auf das Sorgerecht zu verzichten. Erste Scharmützel gab es bereits gestern zwischen den beiden Nebenklagevertretern und der Anwältin des Angeklagten. Weitere werden noch folgen.


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