Mittwoch, 23. Mai 2012

Sensoren unter Stress


Jury-Mitglied bei der Arbeit in Roßwag. Foto: Bögel
Jury-Mitglied bei der Arbeit in Roßwag. Foto: Bögel

Roßwag (ub) – Nach zwei Stunden zeigt Andreas Braun, Chefredakteur von „Sonntag aktuell“, erste Konditionsschwächen. „Meine Schleimhäute“, klagt der Journalist in der Jury. Bastian Walz kennt aber kein Pardon: Er schenkt weiter aus den verdeckten Flaschen nach. Erst in eineinhalb Stunden ist Pause.
Für die Geschmacksknospen der Jurymitglieder ist am Montag und Dienstag im Probiersaal der alten Kelter in Roßwag Schwerstarbeit angesagt, die Sensoren im Gaumen stehen unter Stress: 188 Weine müssen an zwei Tagen auf Farbe, Klarheit, Geruch und Geschmack benotet werden. Am Sonntag wird dann das Ergebnis öffentlich.
Am 9. März findet von 11 bis 18 Uhr in der Aula des CJD Jugenddorfs Schloss Kaltenstein die 16. Vaihinger Weinmesse statt. Hier werden auch die ermittelten Preisträger für die besten Lemberger-Weine Deutschlands mit dem unter Weinproduzenten begehrten „Vaihinger Löwen“ ausgezeichnet. Als Ehrengäste haben sich am Sonntag die württembergische Weinkönigin Miriam Heckel, Staatssekretär Richard Drautz, der Präsident des Weinbauverbands Württemberg, Hermann Hohl und der Vaihinger Oberbürgermeister Gerd Maisch angesagt – sie werden kurze Grußworte sprechen. Im Anschluss an die Preisverleihung können die Besucher über 100 Spitzenweine aus dem Enztal und dem Stromberg probieren.
Zurück in die Roßwager Kelter: In der Küche stehen 188 Lemberger-Weine. 80 davon sind trocken ausgebaut, 46 halbtrocken und 62 als Barrique-Lemberger. 69 Betriebe, davon 42 Weingüter und 27 Genossenschaften, haben ihre Weine angestellt, um die renommierte Löwen-Trophäe zu ergattern. „Der Lemberger-Preis hat sich etabliert im Land“, weiß Albrecht Fischer vom Organisationsbüro der Vaihinger Weinmesse. Immerhin beteiligen sich auch zwei Pfälzer Betriebe und fünf Unternehmen aus dem badischen Landesteil.
Alfred Gaiser, früherer Kellermeister aus Neckarwestheim, Christina Hengerer-Müller, Weingutsbesitzerin aus Heilbronn, Karl Schempf von der Klosterschmiede in Maulbronn, Holger Knöferl, stellvertretender Chefredakteur der Pforzheimer Zeitung, Andreas Braun, Chefredakteur von Sonntag aktuell, Thomas Schuster, Weinfachberater aus Leingarten, und Bernd Kreis, Weinhändler aus Stuttgart, haben ihre Arbeit ritualisiert. Die Nase ins Glas, ein Schluck probieren, wieder ausspucken. Dann gibt's die Note für den edlen Tropfen. 14 Punkte sagt Kreis, einen halben Punkt weiter gibt Gaiser, Braun ist bei 16, Kollege Knöferl bei 16,5.
Wenn der Jahrgang 2007 zur Probe ansteht, machen die Juroren aus ihrem Herzen keine Mördergrube. „Dürftig im Gehalt“, so das Urteil des Stuttgarter Weinhändlers. Dafür hat Martin Werthwein, Weinbauingenieur aus Sternenfels und Probenleiter in Roßwag, Verständnis: „Durch den frühen Termin haben wir die dicken Waren noch gar nicht da. Die hochwertigen Rotweine brauchen einfach ihre Reife. Ein Jahr braucht der gute Lemberger schon, dann kommt er.“
Die Lemberger des Jahres 2006 entsprechen eher dem Geschmack der Fachjuroren und kommen dem Ruf der schwäbischen Nobel-Sorte näher. Das sind die „dicken Waren“, wie sich Werthwein ausdrückt. In der Aromencharakteristik steht beim Lemberger: Duft nach schwarzer Johannisbeere, Brombeere, Fruchtdrops, grüner Paprika, Wacholderbeere, aber auch oft mit leicht pfeffrigem Abgang. Albrecht Fischer, der für sein Weingut Sonnenhof in Gündelbach, selbst Lemberger anstellt, bezeichnet den Rotwein als guten Essensbegleiter, „ideal bei deftigen Speisen“.
Lemberger und andere Weine können die Besucher am Sonntag bei den Mitgliedsbetrieben der Weinmesse kosten: Weingut Faigle aus Horrheim, Weingärtner Horrheim-Gündelbach, Weingut Nonnenmacher aus Vaihingen, Weingut Walz aus Ensingen, Weingut Steinbachhof aus Gündelbach, Genossenschaftskellerei Roßwag-Mühlhausen, Weingut Zimmermann aus Roßwag, CJD Jugenddorf Schloss Kaltenstein und Weingut Sonnenhof aus Gündelbach.
Bei der aktuellen Proberunde spenden die Juroren in Roßwag anerkennendes Nicken. So muss ein guter Lemberger schmecken. „Die Qualität bei den Lemberger-Weinen ist steigend. Und wer nicht aufpasst, kann nicht vorne mitspielen.“ Die Wengerter setzen dabei auf ertragsreduzierte Anlagen – Fischer: „Man darf da nicht auf die Oechsle schielen.“
Heute Mittag steht fest, wer am Sonntag die drei Lemberger-Löwen in den drei Kategorien trocken, mit mehr Restsüße als gesetzlich trocken und Barrique bekommt. Am Sonntag gegen 12 Uhr dürfen dann drei Produzenten die goldene Anerkennung, die auf das Wappentier der Stadt Vaihingen zurückgeht, ihr Eigen nennen.


Seitenanfang