Ludwigsburg (elf). Die Werkrealschule benötigt den Dialog sowie die Kommunikation aller Beteiligten und ist optimal für die frühe Berufsorientierung von Jugendlichen. Darin waren sich Vertreter von Politik, Schule und Wirtschaft bei der Auftaktveranstaltung für die neue Schulart in Ludwigsburg-Eglosheim einig.
Insgesamt 22 Schulen im Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Schulamts Ludwigsburg werden ab dem Schuljahr 2010/11 Standorte der Werkrealschule. Sie führt in einem sechsjährigen Bildungsgang zur Mittleren Reife. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, nach der 9. Klasse den Hauptschulabschluss zu erwerben. Zentrales Element der Werkrealschule ist in Klasse 10 die Kooperation mit dem ersten Jahr der zweijährigen Berufsfachschule. Weitere Kennzeichen sind die Wahlpflichtfächer ab der achten Klasse. Die Schüler haben dann die Wahl zwischen „Natur und Technik“, „Wirtschaft und Informationstechnik“ sowie „Gesundheit und Soziales“. Wer in die zehnte Klasse gehen will, benötigt übrigens einen Notendurchschnitt von 3,0 in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und im Wahlpflichtfach sowie eine Bildungsempfehlung der unterrichtenden Lehrer.
Beim Auftakt in der Erich-Lillich-Halle in Eglosheim stellten Schulen des Landkreises diverse Projekte vor. Außerdem gab es zahlreiche Informationen über die Werkrealschule und ihre Konzeption sowie Referate aus Politik und Wirtschaft. An der Veranstaltung nahmen Schulleiter und Elternbeiratsvorsitzende von Grund-, Haupt-, Werkreal- und Realschulen sowie beruflichen Schulen, Schülersprecher der künftigen Werkrealschulen sowie Bürgermeister des Landkreises und Vertreter der regionalen Wirtschaft teil.
„Zum nächsten Schuljahr starten im ganzen Land über 500 Werkrealschulen – damit ist diese Schule aus dem Stand die weiterführende Schulart mit den meisten Standorten im Land“, sagte Kultusstaatssekretär Georg Wacker in seinem Vortrag „Zukunft gestalten – die neue Werkrealschule“. Die neue Schulart sei ein zukunftsweisendes Konzept, „denn hier erhalten Schüler eine berufliche Grundausbildung und sind damit optimal für das Berufsleben vorbereitet“.
Die Einführung der Werkrealschule sei aufgrund sinkender Schülerzahlen in den Hauptschulen notwendig geworden. Obwohl dort eine hervorragende Arbeit geleistet werde, schwinde ihre Akzeptanz bei Schülern, Eltern und in der Wirtschaft. Der Bedarf an Schulen, die praktisch veranlagte Schüler auf Berufe vorbereitet, habe zur Konzeption der Werkrealschule geführt. Sie solle die Schüler individuell fördern, sei berufs- und praxisorientiert und biete einen mittleren Bildungsabschluss. Ihre Kennzeichen seien eine professionelle Lernstandserhebung, eine Förderung in Mathe und Deutsch, zusätzliche Stunden für zweizügige Werkrealschulen, die Einführung von Wahlpflichtfächern in den Klassenstufen 8 und 9, eine wichtige Hilfe in der Berufsorientierung sowie die Hinführung zur Mittleren Reife. Wacker: „Die Werkrealschule soll eine wirksame Eintrittskarte ins Berufsleben sein.“ Dafür benötige es den Dialog mit den Eltern und der Wirtschaft.
Jochen Haller, leitender Geschäftsführer der IHK Region Stuttgart, Bezirkskammer Ludwigsburg, betrachtete die neue Schulart aus der Sicht der Wirtschaft. Viele Hauptschulabgänger seien nicht ausbildungsreif. „Das ist alarmierend“, sagte Haller, zumal in fünf Jahren 120 000 Fachkräfte im nichtakademischen Bereich fehlen würden. Neben guten Mathe- und Deutschnoten ließen es die Schüler auch vermehrt an Tugenden wie Zuverlässigkeit und Selbstdisziplin mangeln. Die Jugendlichen müssten daher für die Unternehmen fit gemacht werden. Die Bildungspartnerschaft zwischen Schulen und Unternehmen würde dazu beitragen, die Löcher zu stopfen. Haller forderte von den Schulen eine vermehrte individuelle Förderung der Schüler und sah die Kooperation zwischen Werkrealschule und Berufsfachschule als Chance. Die Akzeptanz der Werkrealschule bei den Betrieben setze eine Qualitätssicherung in der Schule voraus. Damit das Leistungsniveau gewahrt bleibt, seien Mindestvoraussetzungen für das Erreichen der 10. Klasse erforderlich. Wichtig sei auch eine verstärkte Kommunikation zwischen Schule, Eltern und Betrieben. Haller: „Die Wirtschaft wird jede Schulart daran messen, welche Qualität sie erzielt.“
Gabriele Traub, Leiterin des Staatlichen Schulamts Ludwigsburg betonte, dass die Konzeption der Werkrealschule auf großes Interesse gestoßen sei und zählte ihre Vorteile auf: die erweiterten Möglichkeiten durch die Größe einer mindestens zweizügigen Werkrealschule, die Tatsache, dass ohne Umwege ein vollwertiger mittlerer Bildungsabschluss erworben werden kann, die Möglichkeiten einer begleitenden individuellen Förderung, die gemeinsame Gestaltung des Übergangs ins berufliche Schulwesen mit den Beruflichen Schulen in Klasse 10. Traub berichtete, dass die Fortbildung der Lehrkräfte in den drei Wahlpflichtfächern vergangene Woche begonnen habe. Für das Bildungsziel der Werkrealschule, die Begabungspotenziale der Schüler zu erkennen und zu fördern und sie auf die Berufswelt vorzubereiten, sehe sie gute Chancen. „dafür braucht es ein stabiles Netzwerk aller Beteiligten, in dem alle ihren Beitrag leisten“, sagte Schulamtsleiterin Gabriele Traub.
