Riet (ub). Die Familientradition fordert ihren Tribut. 600 Jahre derer von Reischach lassen sich nicht einfach wegwischen. „Man kann nicht sagen, nach mir kommt die Sintflut“, sagt Dietrich Graf von Reischach. Der 73-Jährige sagt aber auch, dass das Wohnen im Schloss „ökonomischer Unsinn“ ist.
Der Schlossherr von Riet öffnet für den Besucher die Pforten. Das ist selten, denn die Familie will ihre Privatheit gewährleistet wissen. Schlosspark und Schloss am Strudelbach sind für die Öffentlichkeit tabu. Im Untergeschoss der ehemaligen Wasserburg residiert die Unternehmensberatung Interconsult, 1978 von Dietrich Graf von Reischach gegründet. Einige der 53 Zimmer sind vermietet, in anderen wohnen die Reischachs. So haben die beiden Töchter jeweils eine Wohnung im Schloss. „Es ist schon schön hier zu arbeiten und zu wohnen“, sagt Graf von Reischach. So ein Besitz müsse aber auch gelebt werden. Und das Schlossherren-Dasein kann sich schnell zu einem Verlustgeschäft entwickeln. „Es nützt nichts, wenn sie plötzlich bankrott sind“, philosophiert der Graf.
1968 bezog Dietrich Graf von Reischach das Anwesen mit rund 1250 Quadratmetern. Zuvor waren Graf Ulrich von Reischach und Gräfin Charlotte die Besitzer, der Onkel des heutigen Schlossherrn. „Das Schloss war nur bedingt bewohnbar“, drückt sich der 73-Jährige heute vorsichtig aus. 18 Monate war der Statiker da „und der schlug erst einmal die Hände über dem Kopf zusammen“. Große Stahlträger wurden eingezogen, um die maroden Decken zu stabilisieren. Von 20 Jahren musste das Dach neu eingedeckt werden, erst kürzlich wurden Öltanks eingebaut.
Beim Rundgang durch das Anwesen an diesem schwül-heißen Nachmittag zeigt Dietrich Graf von Reischach das Verlies im Keller. Bis 1830 hatten die Schlossherren die niedere Gerichtsbarkeit. Heute brummen keine Diebe im Kerker, dafür summt die Trocknungsmaschine. Der feuchte Putz ist in dem Gemäuer, das um das Jahr 1000 gebaut worden sein soll, keine Seltenheit. Durch den Empfangsraum, an dessen Wänden jede Menge Geweihe hängen (von Reischach: „Meine Vorfahren waren Jäger, ich aber nicht“) geht es in den ehemaligen Pferdestall, der heute als Abstellraum genutzt wird. Hier sind an der Decke die alten Lehmwickel sichtbar, daneben ziehen sich die Stahlträger. „Es ist schon eine besondere Immobilie, sie verlangt aber auch eine besondere Verantwortung“, sinniert Graf von Reischach.
Mit seiner Unternehmensberatung, die Depandancen in München, Düsseldorf, Kalifornien, England und Asien hat, verdient der Graf genügend Geld, um das Rieter Schloss mit seiner 3500 Quadratmeter großen Parkanlage in Schuss zu halten. Interconsult hat sich in der High-Tech-Branche spezialisiert und betreut vor allem große Elektronikfirmen. Dass der Graf Bestandteil des Namens ist, könne in manchen Fällen als Türöffner dienen. „Doch der Kunde erwartet mit Fug und Recht natürlich auch Leistung. Sonst fliegt auch ein Graf raus“, lacht der Rieter Schlossherr.
Riet und das Schloss gehören zusammen. Ein Schauobjekt ist das Anwesen aber nicht. Denn für die Reischachs bedeutet ihre feste Burg, deren Zugbrücke noch an längst vergangene Zeiten erinnert, „Wohnung“. Und niemand will sich von fremden Menschen in die Kochtöpfe oder ins Schlafzimmer schauen lassen. „Aber wir sind natürlich ein Teil der Gemeinschaft“, sagt Dietrich Graf von Reischach. „Wir sind nicht besser und nicht schlechter als die anderen Rieter.“ Den Grafen rauszuheben, das sei schlicht und einfach Blödsinn.
Die Reischachs haben Kontakt zur Ortsvorsteherin, besuchen Versammlungen, wenn es um den sinnvollen Hochwasserschutz geht, schreiben auch Leserbriefe an die VKZ. Für ehrenamtliche Aktivitäten hat der Graf, 1937 in Berlin geboren, aber keine Zeit. Geschäftsreisen halten den früheren Waldorfschüler noch gehörig auf Trab. Nikolaus Prinz von Ratibor in Unterriexingen macht seinen Umsatz mit dem Hundehotel im Schloss, die Reischachs setzen auf die Unternehmensberatung. Aber natürlich kennt man sich in den Kreisen – der Unterriexinger Prinz ist in Riet der „Niki“.
Irgendwelche Allüren kennt Dietrich Graf von Reischach nicht. „Ich habe keinen Butler, ich habe keinen Fahrer, ich leere den Briefkasten selbstständig. Wir gehören schließlich nicht zum englischen Königshaus.“
Draußen im Park zeigt der Graf die alte Platane, die 1680 im Schlosspark gepflanzt wurde. Das Leben im Rieter Schloss ist ein Spagat zwischen der Tradition und der Moderne. „Wenn man hier nicht lebt und laufend etwas macht, verfällt das Anwesen. Das geht ganz schnell“, weiß Dietrich Graf von Reischach. Die beiden Töchter haben zugesagt, dass sie den Besitz auf jeden Fall fortführen möchten. Die Zukunft des Kleinodes im Strudelbachtal scheint dadurch gesichert.
