Mittwoch, 23. Mai 2012

720 Lerchenfenster in Baden-Württemberg




Landwirte, die sich für den Schutz der Feldlerche engagieren, machen oft mit einem Hinweisschild auf das Biotop aufmerksam. Spaziergänger sollten nicht aus Neugierde nach Nestern suchen.
Landwirte, die sich für den Schutz der Feldlerche engagieren, machen oft mit einem Hinweisschild auf das Biotop aufmerksam. Spaziergänger sollten nicht aus Neugierde nach Nestern suchen.

Oberriexingen (rkü). Die Lerche gehört zu den bekanntesten Singvögeln in Deutschland. Dennoch ist sie in ihrem Bestand bedroht und steht darum auf der Roten Liste. Landwirte werden jetzt zu Vogelschützern, indem sie in ihren Getreidefeldern so-genannte Lerchenfenster schaffen. Landesweit gibt es 720 solche Biotope.

Der Naturschutzbund Nabu bezeichnet die Feldlerche als „Charaktervogel unserer Kulturlandschaften“. Wer kennt sie nicht, wenn sie sich neben dem Spaziergänger unvermittelt aus dem Acker erhebt und in der Luft ihr Lied trällert? So vertraut dieser Gesang ist, mit dem sich der kleine Vogel singend bis zu 80 Meter steil in die Höhe schraubt und dabei auf sich aufmerksam macht, so unscheinbar ist das braune Gefieder. Das ist überlebenswichtig für den bedrohten Bodenbrüter, der sonst allzu leichte Beute für eine Vielzahl natürlicher Feinde wäre.

In der heutigen Kulturlandschaft, die durch die landwirtschaftliche Nutzung geprägt ist, ist die Feldlerche auf eine gewisse Rücksichtnahme durch die Landwirte angewiesen. Auf Initiative des Nabu unterstützen jetzt der Deutsche Bauernverband und der Landesbauernverband Baden-Württemberg diese Aktion. Allein im Ländle haben 135 Landwirte 720 Lerchenfenster angelegt. Das ist rund ein Drittel der bundesweit 2200 Lerchenfenster, die es aktuell gibt.

Das Lerchenfenster hat nichts mit Glas zu tun, mit Aussicht aber unter Umständen schon. Es handelt sich einfach um eine rund 20 Quadratmeter große Brachfläche mitten im Getreideacker. Um dieses Fenster zu gewinnen, muss der Landwirt bei der Aussaat zu einem kleinen Trick greifen. Für ein paar Meter hebt er die Sämaschine an, so dass auf dieser kurzen Strecke keine Getreidesamen auf den Boden gelangen. Die so geschaffene Brachfläche dient der knapp 20 Zentimeter großen Feldlerche später als Biotop, als Lebensraum für Brut und Aufzucht der Jungvögel.

Untersuchungen in Großbritannien haben ergeben, dass sich die Feldlerche in Getreidefeldern vorzugsweise direkt an den Fahrspuren niederlässt, um eine freie Einflugschneise zu haben. So hilfreich diese zwischen den eng stehenden Halmen sein mag, so gefährlich ist sie auch. Denn Feinde wie Füchse kommen so sehr leicht an die Gelege heran und stellen eine Bedrohung für die Lerche und ihre Brut dar. Ist die Lerche aber, weil es eine Brachfläche mitten im Acker gibt, nicht mehr an solche Spuren gebunden, hat sie wesentlich bessere Überlebenschancen. Das gilt insbesondere für die zweite und dritte Brut im Jahr. Der britischen Studie zufolge soll der Anteil der erfolgreichen Aufzuchten um etwa die Hälfte höher gewesen sein, wenn in einem Getreidefeld mehrere Lerchenfenster angelegt waren.

Dieser deutliche Unterschied ist auch hierzulande Ansporn für viele Landwirte. Gestern nahmen die Bauernverbände den Weltbauerntag zum Anlass, gleichermaßen im Kreis Ludwigsburg wie auch im Enzkreis auf die aktuelle Aktion zur Schaffung von Lerchenfenstern aufmerksam zu machen. Auch wenn es in den Reihen der Landwirte landesweit noch viel Zurückhaltung gibt, ist die Zahl von momentan 720 Lerchenfenstern für die Initiatoren schon ein guter Wert.

Manche Landwirte wollen aber erst einmal abwarten, wie sich diese Maßnahme bei ihren Kollegen auswirkt. Im Enzkreis waren gestern Vertreter von Bauernverband, Nabu und Landratsamt in Eisingen beim Kreisbauernverbandsvorsitzenden Ulrich Hauser zu Gast und informierten sich. Im Kreis Ludwigsburg diente ein Acker von Karl Schmid in Korntal-Münchingen als Anschauungsobjekt. Im Raum Vaihingen ist Martin Grettenberger aus Oberriexingen der einzige Landwirt, der bereits mehrere Lerchenfenster angelegt hat, erklärt Eberhard Zucker, der Vorsitzende des Kreisbauernverbands. Zucker, der seinen eigenen Betrieb in Vaihingen hat, wäre selbst auch gerne aktiv geworden. „Aber es sollten bestimmte Rahmenbedingungen wie Größe des Ackers und Entfernung von Stromleitungen erfüllt sein, was bei mir nicht der Fall war.“

Finanziell bedeutet diese neue Art von Vogelschutz keine großen Einbußen durch Ausfälle bei der Ernte – die Experten sprechen von etwa fünf Euro pro Hektar Ackerfläche, wenn bei größeren Feldern auf jedem Hektar ein Lerchenfenster angelegt wird. Die Anlage dieser kleinen Brachflächen lohnt sich ab einer Feldgröße von etwa fünf Hektar. „Die Feldlerche ist ein Vogel, der ebenso in die heimische Kulturlandschaft gehört wie die Landwirtschaft selbst“, sagte der Präsident des Landesbauernverbands, Joachim Rudwied. Er kündigte an, dass die Landwirte das Ihrige zum Schutz des kleinen Singvogels beitragen werden, zumal es offenbar recht einfacher Mittel bedarf, den Bruterfolg effektiv zu unterstützen.

Das Projekt wurde erst vor einem Jahr mit zunächst sieben Landwirten gestartet. Unter dem Motto „Tausend Äcker für die Feldlerche“ fand dieses Jahr die Ausweitung statt. Landesweit 135 Landwirte legten auf 273 Äckern insgesamt 720 Lerchenfenster an. Martin Grettenberger erklärte gegenüber dem Nabu: „Auf meinen Feldern werden die Lerchen in den nächsten Jahren immer freie Plätzchen finden.“ Wie viele seiner Kollegen noch auf den Zug aufspringen und ebenfalls Lerchenfenster anlegen, bleibt abzuwarten. Prädestiniert sind übrigens Getreidefelder, aber auch Raps- oder Maisfeldern lassen sich mit Lerchenfenstern ökologisch aufwerten. Die Äcker können nach der Aussaat ganz normal bewirtschaftet werden. Nur mit dem Unterschied, dass auf der Brachfläche eben kein Getreide wächst.




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