Vaihingen (aa). Bruno Gießer dirigiert seit 1976 den Musikverein Vaihingen. Am kommenden Wochenende wird er im Rahmen des Open-Air-Festivals offiziell verabschiedet (Samstag, 4. Juli, 19 Uhr). Die Vaihinger Kreiszeitung hat sich mit dem 65-jährigen Musikdirektor unterhalten: „Es war eine tolle Zeit in Vaihingen.“
Wie hat es Sie einst nach Vaihingen verschlagen? Sie waren der Nachfolger von Rudolf Mahr.
Nach dem Tod von Mahr habe ich bei einer Sitzung des Kreisverbandes erfahren, dass der MVV einen Dirigenten sucht. Da hab ich mir gedacht, den Laden könntest du kurzfristig auf Vordermann bringen. Wenig später hat der Vorsitzende Gerhard Scheck angerufen. Wir sind uns schnell einig geworden. Jetzt sind es 33 Jahre.
Welche Situation fanden Sie vor?
Die Kapelle bestand so etwa aus zwei Dutzend Musikern, die eine andere Art von Musik machten, als ich sie mir vorstellte. Die erste Stunde am 17. Februar 1976 war erhebend und deprimierend zugleich. Ich komme ja von der Klassik her, bei meinem Vorgänger wurde eher volkstümlich gespielt.
Gibt es noch aktive Musiker von damals?
Ja, aber nur wenige. Zum Beispiel Werner Blum oder Konrad Görich.
Mit welchem Ansatz haben Sie die Arbeit aufgenommen?
Mir war klar, dass die Jugendarbeit unbedingt forciert werden musste. Rudolf Mahr hat sie zwar auch betrieben und als Lehrer vor allem auf Schüler seiner Volksschule zurückgegriffen, aber da musste was passieren. Im Herbst 1976 haben sich auf eine Werbeaktion hin 56 Jugendliche gemeldet. Gut 25 von damals sind noch dabei und bilden den harten Kern des Orchesters.
Konnten Sie Ihre Vorstellungen durchsetzen?
Ich denke, das ist mir durchaus gelungen. Es gab natürlich ab und zu andere Meinungen und Murren, aber erpressen lassen wollte ich mich nicht. Das Repertoire zu finden ist durchaus ein Gratwanderung.
Ist in der langen Zeit mal was richtig daneben gegangen?
(Gießer lacht) Na ja, musikalische Aussetzer hatten wir eigentlich nie. Da hab ich die Truppe einfach viel zu stramm ran genommen. Ich geb es ja zu: In der Probe kann ich schon ein Sauhund sein. Dass ich beim Maientagsabschluss 2009 mit dem falschen Lied angefangen habe, war natürlich ein Fehler. Alle haben es gemerkt, aber zu sagen hat es mir niemand getraut („Nun danket alle Gott“ wird normalerweise als Abschlusslied angestimmt; die Redaktion).
Als Sie die Jugendarbeit gestartet haben, ist auch die Jugendmusikschule gegründet worden. Gibt es eine Zusammenarbeit?
Beim MVV war man damals nicht glücklich. Aber letztlich haben wir uns gesagt: Konkurrenz belebt das Geschäft. Beziehungen gibt es nicht, man respektiert sich. Es gibt nur sehr wenige Musiker bei uns mit Musikschulvergangenheit.
Das Orchester hat sich prächtig entwickelt. Inzwischen spielt es in der Höchstklasse…
Ja, wir haben viel erreicht. Als meinen größten Erfolg sehe ich es an, dass ich die Blasmusik gesellschaftsfähig gemacht und ins Bürgertum hineingebracht habe. Der MVV zählt zu einer Handvoll Vereinsorchestern, die in Baden-Württemberg auf diesem hohen Niveau spielen. Musikalisch war das Wertungsspiel im letzten Jahr in Münchingen der Höhepunkt. Wir haben in der Höchstklasse 96,5 Punkte erreicht.
Dazu mussten auch die Rahmenbedingungen stimmen…
Ja, das war sehr wichtig. Anfangs haben wir in den Schulen geprobt. Gerhard Scheck musste sich da oft einiges anhören. Der Bau des MVV-Pavillons vor 20 Jahren hat uns enorm vorangebracht. Wenn es nötig war, haben wir da um Mitternacht noch Proben angesetzt.
Welche Werke waren für Sie die größte Herausforderung?
„Planet Erde“, „Herr der Ringe“ und „Big Apple“. Da mussten wir alle an Grenzbereiche gehen.
Was hätten Sie als Dirigent noch gerne angepackt?
Wenn ich jünger wäre und weiter hier arbeiten würde, hätte ich mich dafür stark gemacht, den Projektchor als feste Einrichtung zu etablieren und die Zusammenarbeit mit Streichern auszubauen. Aber da habe ich jetzt nichts mehr zu sagen. Meine anderen Ideen behalte ich besser für mich. Mein Nachfolger muss seinen Weg finden.
Apropos Nachfolger. Haben Sie bei seiner Bestellung mitgewirkt?
Eigentlich nicht. Ich war nur ganz am Anfang ein wenig eingebunden. Ich kann dem Verein nur wünschen, dass er mit Dominik Koch eine gute Wahl getroffen hat. Ich denke, dass ich insgesamt ein gutes Erbe hinterlasse.
Sie haben Bedenken?
Ich möchte es mal so sagen: Im Orchester gibt es Strömungen, die ein Problem werden könnten. Aber das ist in jedem Verein so. Inzwischen wird auch beim MVV nicht mehr in langen Nachtsitzungen entschieden. Da machen die E-Mails die Runde. Das ist nicht mehr meine Welt. Die Zukunft ist sicher nicht leicht zu bewältigen. Man darf sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen, muss sich um die Jugend kümmern und am Ball bleiben.
Wie würden Sie sich selbst charakterisieren?
Ich habe immer gerne etwas mehr zu den Schwachen tendiert. Ich bin unheimlich stolz, dass aus denen allen etwas geworden ist. Für viele junge Musiker war ich auch der Beichtvater. Ich hab manchmal früher von den schlechten Noten in der Schule gewusst als die Eltern. Zu Ihrer Frage: Ich würde mich als Einzelkämpfer bezeichnen, habe eigentlich immer das gemacht, was ich für richtig hielt. Da bin ich oft kritisiert worden, aber die meisten meiner Ideen werden von anderen nachgemacht.
Ziehen Sie sich jetzt ganz aus Vaihingen zurück? Vielleicht auch verärgert…
Nein, es gibt einen fließenden Übergang. Ich werde die Bläserklasse an der Schlossbergschule noch ein Jahr leiten und auch meinen Einzelunterricht noch zwei Jahre betreiben. Und eine Woche nach dem Abschied werde ich beim Musikvereinsjubiläum in Kleinglattbach vorausmarschieren. Auch für die Ständchen stehe ich zur Verfügung. Aber sonst will ich nicht mehr in der ersten Reihe stehen. Zu den Musikern habe ich mich so geäußert: Vergesst das letzte halbe Jahr. Ich behalte Euch aus der Zeit davor in Erinnerung.
Was wünschen Sie dem Musikverein Vaihingen?
Ich hoffe, dass alles gut geht nach meinem Ausscheiden und die Erwartungen an den Nachfolger und die jungen Leute in der Vereinsführung erfüllt werden. Die Rahmenbedingungen stimmen. Es gibt ein Haus, eine Musikstiftung und eine gute Nachwuchsarbeit. Wie gesagt: Man darf sich nur nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Insgesamt war es eine tolle Zeit in Vaihingen. Allen Menschen, die mich unterstützt haben, will ich einfach noch Danke sagen.
Bruno Gießer wird 1944 in Dürrmenz geboren. Nur mit Volksschulabschluss studiert er an der Musikhochschule Stuttgart mit Hauptfach Trompete („Früher kam es auf das Können an, heute oft nur noch auf die Zeugtnisse“). Von 1966 bis 1975 ist er Solotrompeter am Stadttheater Pforzheim. 1975 wird er in Balingen zum städtischen Musikdirektor berufen (die Stelle hat er inzwischen abgegeben). 1976 übernimmt er das Dirigentenamt beim MV Vaihingen. Zudem leitet er den Musikverein Freudenstein. Bruno Gießer ist verheiratet, hat drei Töchter und einen Enkel (die alle im MV Freudenstein Musik machen). Die Familie lebt in Ölbronn-Dürrn. Der Dirigent kommt aus einer musikalischen Familie; auch der Vater spielte Trompete (unter anderem in den 50er Jahren in Vaihingen und Illingen); der verstorbene Bruder Hermut war Musikprofessor an der Hochschule Köln, Bruder Paul spielte am Theater Regensburg Oboe.
Die Musik-Gala zum Abschied von Bruno Gießer findet am Samstag (4. Juli) im Rahmen des Open-Air-Festivals auf dem Gelände an der Köszeger Straße (Musikvereins-Pavillon) statt. Beginn 20.30 Uhr. Melodien aus den vergangenen drei Jahrzehnten versprechen ein mitreißendes Programm. Am Sonntag (5. Juli) leitet Gießer des Große Orchester noch einmal beim ökumenischen Gottesdienst mit der Deutschen Messe. (aa)
