Oberriexingen. Ein Schauspiel der besonderen Art: Das Oberriexinger Theater unter der Dauseck lädt ab der kommenden Woche wieder zu Theaterspaziergängen ein. Dieses Mal spielen die Szenen an der Enz. Erzählt werden Sagen.
„Freeze!“ Es ist immer wieder der gleiche Ausruf, der über die Lippen von Christine Gnann springt. Freeze – keiner soll sich regen, die Schauspieler sollen ihre Bewegung einfrieren. „So bleibst du jetzt stehen. Dein nächster Einsatz ist ja schon in vier Minuten. Dann darfst du dich wieder bewegen.“ Christine Gnann weiß genau, was sie von ihren Schauspielern sehen möchte. Sie ist die Regisseurin des Theaterstücks „Sagt die Enz“, das heute in einer Woche in Oberriexingen zum ersten Mal aufgeführt wird.
„Sagt die Enz“ ist kein normales Stück. Es spielt nicht auf einer Bühne in einer Halle. Die Zuschauer buchen keinen Sitzplatz. Der Oberriexinger Verein Theater unter der Dauseck lädt seine Gäste vielmehr zu einem Spaziergang an der Enz entlang ein. Als Kulisse dient die Natur. Geschauspielert wird von Laien und semiprofessionellen Akteuren.
Ein paar Szenen werden in der Enz gespielt
Elke Diers hat sich noch immer nicht bewegt. Es sind nur noch wenige Sekunden, bis die vier Minuten verstrichen sind und ihr Einsatz gefragt ist. Die Frau ist eine von 32 Hobbyschauspielern, die an dem Projekt beteiligt sind. Sie spielt unter anderem einen Räuber in der zweiten Szene. Die Enz spielt dabei eine wichtige Rolle: Sie dient nicht nur als Kulisse sondern als Bühne. Elke Diers soll sich aus ihrer eingefrorenen Bewegung heraus in den Fluss stürzen.
In der Enz spielt sich aber auch davor schon einiges ab. Ein paar Schauspieler sitzen an einer Bar, die im Fluss aufgebaut ist. Es wird gesprochen, geschrien und gewürgt. Nachgespielt wird die Sage „Räuber am Diebstich“, in der es um den Bauer Christ geht, der zwei Diebe mit einem Fluch belegt hat. Damit die Schauspieler im Wasser nicht nass werden, tragen sie Anglerhosen und Gummistiefel. Auch die Regisseurin selbst geht von Zeit zu Zeit ins Wasser: „Du stellst dich so hin und du machst nebenher die Theke sauber“, lautet eine ihrer Anweisungen.
Den Stoff für das Theaterstück liefern elf Sagen. Die Ludwigsburger Autorin Barbara Schüßler hat sie zusammengetragen. Eine Gemeinsamkeit verbindet alle elf Geschichten: Sie entstanden vor zig Jahren in Ortschaften an der Enz. Schüßler hat in den Archiven der Gemeinden recherchiert, die an der früheren Hauptverkehrsstrecke der Flösser liegen. Zwischen der Quelle, bei Enzklösterle im Schwarzwald, und der Stelle bei Besigheim, an der die Enz in den Neckar mündet.
Gespielt wird an elf Stellen, die Wasser-Szene wird gleich als zweites zu sehen sein. Los geht der Theaterspaziergang des Theaters unter der Dauseck an der Oberriexinger Sporthalle. Der Weg führt dann die steile Schuhklinge hinunter und enzabwärts bis zum Wasserkraftwerk. Dort spielt nach etwa eineinhalb Stunden die letzte Szene. „Wie am Ende des Spaziergangs im Kraftwerk das Wasser in eine andere Energieform transformiert wird, so sollen auch die Zuschauer an dieser Stelle aus ihrer Traumwelt wieder erwachen“, sagt Christine Gnann.
Elke Diers hat sich mittlerweile bewegt. Sie ist ins Wasser zu ihrem Räuberkollegen Felix Flaucher gehechtet. Dort sollen die beiden sich umarmen. Sie muss dabei noch ein paar Worte sagen. Doch die Regisseurin hat etwas auszusetzen. Die beiden sollen sich im Wasser beim Umarmen umdrehen, damit Elke Diers zum Publikum spricht und alle sie verstehen können. Die Szene wird nochmals gespielt. Alles auf Anfang. „Freeze!“ Keiner regt sich.
- Das Stück „Sagt die Enz – Ein phantastischer Theaterspaziergang“ wird an den Wochenenden im Juli und am ersten Wochenende im August jeweils ab 20.30 Uhr aufgeführt. Die Premiere am Freitag in einer Woche ist ausverkauft. Pro Aufführung gibt es etwa 120 Tickets. Karten gibt’s unter der Telefonnummer (07141)9390936 und per E-Mail über info@theater-dauseck.de
Von Philipp-Marc Schmid
