Vaihingen (ms). Die Einladung lag schon lange vor: Izhak Akerman, 1927 geboren in Danzig, 1944/45 eingesperrt im Konzentrationslager »Wiesengrund«, seit 1948 wohnhaft in Haifa und mehrmals in Vaihingen zu Besuch, hatte sie ausgesprochen. Vor kurzem machten sich daher drei Mitglieder des Vereins KZ-Gedenkstätte Vaihingen auf den Weg nach Israel.
Die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, Haifa und ein Kibbuz im oberen Galiläa, der Partnerregion des Landkreises Ludwigsburg, waren die wichtigsten Ziele, wobei neben Izhak Akerman vor allem Ludwig Bez vom PKC in Freudental bei der Vorbereitung mit Rat und guten Kontakten hilfreich gewesen war.
Da mit der zentralen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, vor den Toren Jerusalems gelegen, zuvor ein intensiver Schriftwechsel geführt worden war, wurden die Besucher aus Deutschland bereits erwartet und erhielten zunächst in einer mehrstündigen Führung einen umfassenden Einblick in die auch architektonisch eindrucksvolle Ausstellung sowie in das zugrunde liegende didaktische Konzept. Mit dem kompetenten Betreuer, dem in Stuttgart aufgewachsenen Historiker Uriel Kashi, entwickelten sich immer wieder interessante und intensive Gespräche. Es war nicht so sehr die Totalität der Ausstellung, die eher erdrückte, sondern einzelne, manchmal geradezu unscheinbare Exponate, die immer wieder Staunen erregten. So etwa ein Monopoly-Spiel aus dem KZ Theresienstadt, mit dem die Kinder vor den überall lauernden Gefahren gewarnt werden sollten.
Beim anschließenden Besuch im Archiv konnten sich die Besucher für die erwiesene Aufmerksamkeit bedanken, indem sie einige Bücher zur Geschichte des Vaihinger Lagers übergaben, die die Bestände der Bibliothek ergänzen. Abgesehen von den umfangreichen personenbezogenen Unterlagen, die das Archiv verwahrt, ließ sich zum Vaihinger Lager nur ein minimaler Aktenbestand finden, von dem Kopien angefertigt wurden.
Bei einer Stadtrundfahrt mit dem Journalisten Ulrich Sahm als kompetentem Begleiter und bei den unerlässlichen Streifzügen durch die Altstadt von Jerusalem erlebten die Besucher nicht nur die bunte Vielfalt dieser uralten Stadt, sondern auch deren krasse Gegensätze, die ein Taxifahrer auf den Nenner brachte: „Jerusalem is a crazy town.“ Unvergesslich der lautstarke Pfingst-Umzug einer christlichen Pfadfindergruppe mit Fahnen, Trommeln, Dudelsackpfeifern und einer Marienstatue durch die Via Dolorosa.
Mit der Eisenbahn, einem in Israel eher marginalen, aber durchaus preisgünstigen Verkehrsmittel, ging es durch eine wildromatische Gegend nach Tell Aviv und von dort nach Haifa, wo Izhak Akermann die Besucher erwartete und sich in den folgenden Tagen zusammen mit seiner Frau als liebenswürdiger Gastgeber erwies. Selbstverständlich wurde die moderne, lebendige Stadt in allen ihren Quartieren erkundet. Deutsche Spuren waren am deutlichsten in der von Templern im 19. Jahrhundert gegründeten Siedlung am Fuße des Karmelgebirges zu sehen. Während die Siedler nach dem Zweiten Weltkrieg von den Engländern vertrieben wurden, zumeist nach Australien, zeugen die schön restaurierten Häuser vom Fleiß, aber auch – in ihren Inschriften – vom religiösen Eifer der Auswanderer, die dort vergeblich auf die Wiederkunft Jesu warteten. Eher bedrückend wirkten die Teile der Altstadt, in denen verlassene Häuser von dem Exodus der arabischen Bewohner kündeten, die 1948 fliehen mussten.
Drei Fahrten in den Norden Israels, mit einem landeskundigen Guide als zuverlässigen Begleiter, ließen die lange, widerspruchsreiche Geschichte dieses Landstrichs deutlich werden. Großartige Überreste römischer Kultur in Bet Shean standen neben den wunderreichen Zeugnissen der frühen Christen am See Genezareth und in Nazareth, der Kreuzritter (in Akko) und der Osmanen, mehrere Jahrhunderte Herren des Landes. Die jüngere Geschichte rückte bei einem Besuch im Kibbuz Lehavot Habasha, am Fuße der Golanhöhen gelegen, in den Mittelpunkt. Vom Ehepaar Heini und Chassia Bornstein, beide 90 Jahre alt, freundlich empfangen, erfuhren die Besucher viel über die Geschichte, über die bis 1967 stets gefährdete Existenz und die aktuellen Probleme der Siedlung. Vor allem aber beeindruckte der ungebrochene Lebensmut der beiden alten Menschen, von denen man sich in der Hoffnung verabschiedete, sie im nächsten Jahr in Deutschland begrüßen zu können. Kaum noch zu erkennen waren dagegen die Spuren, die von dem 1938 gegründeten Ort Shevei Zion ins württembergische Rexingen bei Horb führten; während sich die alten Häuser hinter hohen Hecken verstecken, wird der Ort zunehmend von den modernen Bauten dominiert.
Mit dem Gefühl der Dankbarkeit gegenüber ihren Gastgebern und bereichert von den mannigfaligsten Eindrücken (über das orientalische Essen ließe sich ein eigenes Kapitel schreiben) nahmen die Besucher Abschied von einem Land, dessen Geschichte und Lebenswirklichkeit ohne die auch in der Vaihinger Gedenkstätte dokumentierte Verfolgung der europäischen Juden im Dritten Reich nicht zu begreifen ist.
