Mittwoch, 23. Mai 2012

Theaterspaß im Büchereikeller




Gut drauf bei "Die Nächsten, Liebe" ist die Truppe des Theaterhauses. Foto: Nauwerck
Gut drauf bei "Die Nächsten, Liebe" ist die Truppe des Theaterhauses. Foto: Nauwerck

VAIHINGEN (pcn). „Die Nächsten, Liebe“ – schlicht und arglos kommt er auf den ersten Blick daher, der Name der neuesten Produktion der Theaterhäusler. Dabei hat’s das frech-frivole Stück aus der Feder von Joan Shirley, das den Untertitel „Die Hure und des Pfarrer's Frau“ trägt, faustdick hinter den Ohren. Und so kredenzen die Vaihinger Mimen ihrem Publikum mit dem Bühnenerfolg aus England nun ein sommerlich-sinnliches Theatervergnügen prickelnd wie Champagner.
Zunächst setzt das gediegene Bühnenambiente – eine Küche und Wohnstube mit dem biederen Charme der 60er Jahre – einen Kontrapunkt zur Handlung. Bei Glenda und ihrem Gatten Robert (wunderbar dargestellt vom Grandseigneur der Theatergruppe, Gerhard Bach) hängt der Haussegen schief, seit der Ex-Manager nach einem Autounfall seiner Berufung zum Kirchenmann folgte: Statt mit Kreditkarten, Dinnerpartys, Designer-Kleidung und einem repräsentativen Heim aus dem Vollen zu schöpfen, muss sich die Frau Vikars nun mit Landleben, Wohltätigkeitsveranstaltungen sowie chronischer Ebbe in der Haushaltskasse abfinden.
Zudem ist das Liebesleben des Paares ebenso eingeschlafen, wie Roberts Waden dies beim Geschlechtsakt zu tun pflegen. Daran ändern auch die schlüpfrigen Romane, die Glenda unter einen Pseudonym zur Aufbesserung der Finanzen schreibt, wenig.
Von Geldsorgen werden ebenso ihre Freundinnen geplagt: Die Bäuerin Kate benötigt eine Finanzspritze, um für das Töchterchen ein Cello zu kaufen; Pru (ganz und gar nicht prüde: Marion Eckert) möchte ihrem Sohn die beste Ausbildung zukommen lassen, die es gibt und die 18-jährige Sindy (einfach süß in Babydoll und rosa Strapsen: Annika Eckert) muss sich und ihr uneheliches Baby über Wasser halten. Gemeinsam versuchen sie, eine Verdienstmöglichkeit aufzutun. Diese ergibt sich, als Robert für einige Wochen auf Dienstreise geht und der Dandy Joe (verkörpert den Macho Man in trefflicher Manier: Nico Wasserbäch) ihren Weg kreuzt.
Mittels Lottogewinn zum Lebemann und Clubbesitzer avanciert, überzeugt er die Frauen nicht nur davon, temporär ein Bordell zu eröffnen („alles, was oben ohne ist, verdient viel Geld“), sondern vermittelt ihnen mit Selina (atemberaubend in Netzstrümpfen und Lackrock: Michael Reutter) auch noch eine kompetente Mentorin in Sachen professioneller Liebesdienste. Alles läuft nach Plan, bis der brave Hilfspfarrer Henry (göttlich: Andreas Knoch) immer just zum falschen Zeitpunkt auftaucht, um den Wohltätigkeitsbasar zu organisieren und dabei für allerlei Turbulenzen (sowie satte Lacher des Publikums) sorgt…
Der erste Teil des Theaterstücks lebt zunächst vor allem vom Sprachwitz in den scharfzüngigen Dialogen. Dabei werden Klischees und Dauerbrenner rund um das Thema Sex und Partnerschaft deftig auf die Schippe genommen. Im zweiten Akt kommen die eindeutig zweideutige Handlung und die äußerst spielfreudigen Akteure dann richtig in Fahrt in „Englands schärfstem kleinen Hurenhaus“. In der Tradition amerikanischer Screwball-Komödien pointierten die Darsteller die Situationskomik durch ein präzises Timing. Ein Übriges tat die Metamorphose der Mütter zur Femme Fatale. Wandlungsfähigkeit und eine gehörige Portion Temperament bewies Claudia Zeller in der Rolle der „Kate“, die von der Farmerin in derben Latzhosen und Gummistiefeln zum Vamp mit einer satten Portion Sexappeal mutiert.
 Hingucker des Abends war Hauptdarstellerin Stefanie Däbritz als Glenda – und das durchaus nicht nur wegen ihrer scharfen Outfits, sondern auch auf Grund ihrer schauspielerischen Leistungen. Hier vereinten sich auf der Bühne Rasseweib und komödiantische Begabung in besonderer Weise.
Ein Schelm jedoch, der Arges dabei denkt. Vergnüglich-anzüglich, aber nie plump spielte das Ensemble vielmehr mit der Fantasie des Publikums und kam dabei ganz ohne Sexszenen aus. So wurde das „Kopf-Kino“ der Zuschauer mit allerlei subtilen Tricks (unter anderem der Stimme eines Kunden aus dem Off und dessen – nicht näher erläuterter – Vorliebe für Joghurt im Rahmen von Kates Liebesdiensten) angeheizt.
Daher bedauert man es am Ende der knapp zweistündigen Vorstellung auch beinahe, dass Kate, Pru, Sindy und Glenda nach erfüllter Mission den zeitlich begrenzten Nebenjob im horizontalen Gewerbe an den Nagel hängen, um in ihr bürgerliches Leben zurück zu kehren. Gleichwohl sind sie dabei nicht nur um ein ordentliches Sümmchen Geld, sondern auch an neuen Erfahrungen und Einstellungen reicher geworden.

Weitere Vorstellungen am kommenden Wochenende (19. und 20. Juni) im Büchereikeller Vaihingen.






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