Vaihingen. Mit viel Getöse und Tamtam ist gestern der Maientagsumzug durch Vaihingen gezogen. Rund 4000 Menschen waren an den 92 Gruppen beteiligt. Mehr als 20000 Zuschauer wurden gezählt.
Ouzo liegt in der Luft. Und das, obwohl es erst kurz nach neun ist. Vorüber zieht der Umzugswagen mit der Nummer 18. Es ist der der griechischen Schule. Tänze zu landestypischer Musik werden angestimmt. Für eine kurze Zeit befinden sich die Zuschauer des Vaihinger Maientagsumzugs am Mittelmeer. Maientag international.
Genau sieben Gruppen mit ausländischem Hintergrund sind beim Vaihinger Maientagsumzug quer durch die Kernstadt mit von der Partie. Italiener, Türken, Kroaten. Alle haben sie sich beteiligt. Dazu kommen noch weitere Gruppen aus der ungarischen Partnerstadt Köszeg und eine des anatolisch-alevitischen Kulturzentrums. Ein Feuerwerk der Kulturen und Nationen.
Mit etwa 20000 Besuchern haben die Veranstalter gerechnet. Die Erwartungen dürften erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen sein. Die Menschen postieren sich am Straßenrand – viele stehend, manche mit Stühlen. Von Glück kann derjenige sprechen, der einfach nur sein Wohnzimmerfenster öffnen muss, um einen guten Blick auf die 92 Maientagsgruppen ergattern zu können.
Neben dem internationalen Touch kommt bei dem Umzug, der als einer der ältesten im Land gilt, aber auch die Vaihinger Stadtgeschichte nicht zu kurz. Dem ersten Wagen des Musikvereins folgt der Fahnenzug, der mit seinen vier Flaggen die wechselnden Herrschaften, unter denen Vaihingen einmal stand, darstellen soll: Grafen von Vaihingen, Herzöge von Württemberg, Königreich Württemberg und Baden-Württemberg.
Die Ursprünge des Maientags liegen im Jahr 1687 – zumindest können sie dort zum ersten Mal nachgewiesen werden. Eine bürgerliche Stiftung ermöglichte das Fest damals. Den Stiftern wird mit dem Wagen des Friedrich-Abel-Gymnasiums gedankt. Ein weiteres geschichtsträchtiges Datum: Im Jahr 779 wurde Vaihingen zum ersten Mal urkundlich erwähnt – das ist dem Maientagsstammtisch seit Jahr und Tag einen Wagen wert. Und das darf auch gerne so bleiben.
Das schöne am Maientagsumzug ist traditionell, dass nicht nur trockene Geschichten erzählt werden. Auch dieses Jahr haben sich die Beteiligten viel Mühe gegeben, um schöne Kostüme und viele kleine Extras zu entwerfen. Es fliegen Bonbons und Infoflyer zuhauf. Die Sportvereine zeigen, was sie können: Judo, Indiaka, Faustball, Tennis, Fußball und viele andere Sportarten sind vertreten. „Diese kleinen Vorführungen sind klasse“, sagt eine Frau. Sie würden den sonst so starren Umzug auflockern. Recht hat sie.
Neben Bonbons und Werbezetteln gibt’s für die Kleinen allerhand zum Sammeln. Tennisbälle werden in die Menge geschossen, Gummibärchen geworfen, Gebäck und Schäpse werden verteilt. Mit zwei, drei Überraschungen hat aber keiner gerechnet: Wer beim Wagen der Vaihinger Skizunft die Hände aufhält, bereut es im nächsten Moment. Die Skifahrer werfen mit kleinen Eisstücken um sich – passend eigentlich. Die evangelische Jugend hingegen bevorzugt die flüßige Form und spritzt den ein oder anderen Umzugsgast nass.
Für den musikalischen Rahmen, der bei einem Umzug nicht zu kurz kommen darf, sorgen zahlreiche Musikvereine: Vaihingen, Maulbronn, Kleinglattbach, Sachsenheim, Ensingen, Roßwag, Horrheim und viele mehr. Mit Pauken und Trompeten wird dem Publikum eingeheizt.
Zurück zum Geschichtlichen: Der Löwenpokal wird auf dem Wagen mit der Nummer 31 transportiert. Das Trinkgefäß ist eine Nachbildung des Pokals aus dem Jahr 1610 und wird bei allerhand festlichen Anlässen von der Stadtverwaltung aus dem Schrank geholt.
Zwölf Wagen vorher rollt der Alte Rat durch die Vaihinger Straßen. Neben dem Gericht war der Rat als Beratungs- und Beschlussgremium ein wichtiges Organ in Vaihingen. Dementsprechend schön sind auch die Gewänder der Damen und Herren. Ein weiterer Wagen wird dem Besuch von Kaiser Karl V. in Vaihingen gewidmet. Thomas Hitschler und Ingeborg Welz treten als kaiserliches Paar auf.
Den Zuschauern hat der gestrige Umzug größtenteils gefallen. Nur die vielen Pferde haben ab und an gezickt. Manch ein Passant hat da lieber einen Satz zur Seite gemacht – auch wenn nicht daran gezweifelt wurde, dass die Reiter ihre Pferde unter Kontrolle haben. Zu Ende ging der Traditionsmarsch, der von der Steinbeis- über die Grabenstraße auf den Marktplatz führte, in der Vaihinger Stadtkirche.
