Vaihingen in Blau und Rot: Der offizielle Teil des Maientags hat gestern Tausende von Menschen auf die Straßen und das Rondell an der Enz gelockt. Begonnen hat das traditionsreiche Spektakel um 4.30 Uhr mit der Tagwache in der Kernstadt.
Wenn der Maientag ruft, sind die Vaihinger zur Stelle. Seit mehr als 300 Jahren und zu den ungewöhnlichsten Uhrzeiten. Um halb fünf in der Frühe wurde gestern das erste Ständchen der Tagwache im Stadtgebiet angestimmt, der Empfang im Rathaus folgte um 8 Uhr: „Es ist sehr früh, aber für die Vaihinger ist es selbstverständlich, dass man beim Maientag auf den Beinen ist“, sagte Oberbürgermeister Gerd Maisch und nahm einen ordentlichen Schluck Wein aus dem Löwenpokal der Stadt.
Traditionell konnte das Vaihinger Stadtoberhaupt einige Ehrengäste begrüßen. „Wir sind heute richtig international. Und damit meine ich nicht unsere Gäste aus dem Badischen“, scherzte Maisch. Der Köszeger Bürgermeister László Huber kam zur Feier der 20-jährigen Städtepartnerschaft gleich mit einer ganzen ungarischen Delegation. Es war Hubers 15. Vaihinger Maientag. Eine Abordnung kam außerdem aus dem österreichischen Mödling. Das kleine Städtchen bei Wien unterhält wie Vaihingen eine Partnerschaft mit Köszeg. Begrüßen konnte Maisch auch seinen Amtsvorgänger und Vaihinger Ehrenbürger Heinz Kälberer, den Europaabgeordneten Rainer Wieland und der Landtagsabgeordnete Wolfgang Stehmer.
Eröffnet wurde der Maientag nach dem Empfang auf dem Marktplatz. Vor dem Brunnen nahm Maisch den Löwenpokal abermals entgegen und stimmte seine Rede an. Es sei immer wieder faszinierend zu sehen, wie sich Vaihingen zu Pfingsten verändere. „Andere feiern Fasching, wir feiern den Maientag. Das ist unsere fünfte Jahreszeit“, sagte Maisch. Im restlichen Teil seiner Rede ging es um Europa. Der Staatenverbund entstehe von unten herauf, die Jugend sei von großer Wichtigkeit. Wichtig seien aber auch Partnerschaften und vor allem partnerschaftliches Arbeiten und Lösen von Problemen. „Als wir vor einem Jahr hier standen, war die Finanzkrise noch nicht zu spüren. Jetzt hat sie uns voll erwischt.“ Der Appell des Oberbürgermeisters: „Europa muss sich besser abstimmen.“
Für den Maientag hat sich die Stadt herausgeputzt. Überall bunte Fahnen, grüne Zweige, bunte Schleifen. „Wenn ich die geschmückten Birkenzweige sehe, fühle ich mich noch mehr zuhause“, sprudelte es in deutscher Sprache aus dem Köszeger Bürgermeister. László Huber sagt von sich selbst, dass in seinen Adern „75 Prozent deutsches Blut“ fließe. Die Sprache habe er von seinen Großeltern gelernt. Auch er fasste den europäischen Gedanken auf: „Den Politikern und Menschen, die das heutige Europa geschaffen haben, muss man danken. Wir sind jetzt eine große Familie.“
Als Motto für den Maientag wurde in diesem Jahr ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe gewählt. „Wer die Augen offenhält, dem wird im Leben manches glücken. Doch noch besser geht es dem, der es versteht eins zuzudrücken.“ Ein Spruch, der auch rund 180 Jahre nach Goethes Tod nicht an Aktualität verloren habe, sagte Gerd Maisch. „Heutzutage ist es oftmals noch wichtiger als damals, die Augen offen zu halten, so dass einem in unserer schnelllebigen Zeit nichts entgeht.“ In solchen Zeiten würden die Menschen gerne auf traditionelles Kulturgut wie den Maientag zurückgreifen.
Das Zitat von Goethe wurde auch bei der Feier im Rondell aufgegriffen. Die Zwölftklässlerin Lisa Gahn vom Friedrich-Abel-Gymnasium hat den Redenpart übernommen. Ein Auge zuzudrücken bedeute nicht, weniger zu sehen, sondern das genaue Gegenteil. „Ein Auge zuzudrücken bedeutet manchmal mehr zu sehen, mehr zu erreichen“, sagte Gahn. Gerade in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen sei es wichtig, des Öfteren mal Fünfe gerade sein zu lassen und ein Auge zuzudrücken.
Der letzte Maientag in offizieller Funktion war es für Bruno Gießer. Nach 33 Jahren hat er sein Amt als Musikdirektor niedergelegt. „Wir werden ihn alle sehr vermissen“, sagte Moderatorin Gudrun Breitinger unter der großen Platane in der Mitte des Rondells.
Der „Lauf nach dem Maien“ war in diesem Jahr Sache der Schlossbergschüler. Bei den Jungs hat der neunjährige Pascal das Rennen gemacht. Bei den Mädchen die gleichaltrige Eva. Beide bekamen als Preis ein Maientagsbäumchen, Stifte und einen Block.
Das Ende im Rondell läuteten danach, wie es die Tradition vorschreibt, die Flößer mit ihrem Tanz ein. Schüler von allen Schulen waren daran beteiligt. „Ihr Flößer all, herbei, herbei, Mit Geige Flöte und Schalmei! Frisch auf zum Flößertanz!“ Zeilen, die wohl jeder Vaihinger kennen dürfte. Bekannter dürfte nur ein Ausruf sein: „S‘isch Maiadag!“
Von Philipp-Marc Schmid
