Reaktivieren und dann sich selbst überlassen
Enzweihingen (sr) – "Letzte Woche“, verkündet Anne Pfisterer-Lottausch begeistert, „war es hier richtig laut vor lauter Vogelgezwitscher.“ Die Freude der Biologin der Stadt Vaihingen bezieht sich auf den reaktivierten Enz-arm Bruckenwasen in Enzweihingen. Die Arbeiten sind nach rund eineinhalb Jahren abgeschlossen. „Wir freuen uns über die Fertigstellung“, betonte auch Oberbürgermeister Gerd Maisch.
Die letzte Ausgleichsmaßnahme im Zusammenhang mit dem Bau der Schnellbahntrasse ist nun vollendet. Hierzu wurde die Altarmstruktur Bruckenwasen der Enz in Enzweihingen reaktiviert. Das rund 200000 Euro teure Projekt sei zu einem „ordentlichen Teil“ aus Finanzmitteln samt Zinsen der Deutschen Bahn bestritten worden, so Vaihingens Oberbürgermeister Gerd Maisch. „Aus meiner Sicht ist das eine sehr gute Maßnahme“, sagt Maisch. Zum einen aufgrund der ökologischen Aufwertung des Gebietes, zum anderen, da hier der „Landwirtschaft keine besondere Fläche“ verloren gegangen sei. Für Passanten bleibt die Veränderung im Naturdenkmal Bruckenwasen normalerweise im Grün der Vegetation verborgen. Das kommt den Verantwortlichen nicht ungelegen, denn, so Maisch: „Die Bevölkerung soll sich dort gar nicht so arg aufhalten, das Gebiet soll eher sich selbst überlassen werden.“ Wer von der Enzbrücke in Enzweihingen aus stromaufwärts blickt, kann die Reaktivierungsmaßnahmen am rechten Ufer nur erahnen. Vor der Begradigung bahnte sich der Fluss seinen Weg eigenwillig durch die Enzweihinger Landschaft. Diese „Altarmstrukturen waren nur noch rudimentär zu sehen“, erläutert Thomas Kusche vom Planungsbüro Geitz und Partner, das Planung und Bauleitung der Maßnahme durchführte.
Der Bereich war insgesamt stark verlandet. Am Naturdenkmal Bruckenwasen, das auch Flora-Fauna-Habitat-Gebiet und Vogelschutzgebiet ist, sollte ein strukturreiches, neu modelliertes Altwasserareal entstehen. Die Idee hierzu hierzu hatte im Jahr 2003 Dr. Rolf Gastel vom Landratsamt Ludwigsburg. Eine Machbarkeitsstudie für die Altarme der Enz in Oberriexingen, am Leinfelder Hof in Enzweihingen und für Bruckenwasen ergab, dass sich eine Reaktivierung bei allen drei Gebieten aus ökologischer Sicht lohne.
Im November 2006 rückte schließlich Landschaftsgärtner Thorsten Wiedemann von der Firma Schäfer Wegebau zum Bruckenwasen-Bereich aus, um 1900 Kubikmeter Bodenmaterial zu entfernen. Dies entspreche immerhin rund 200 Lkw-Ladungen, verdeutlicht OB Maisch. Entfernt werden sollten ursprünglich sogar 2300 Kubikmeter, doch aufgrund problematischer Substanzen im Boden wurde die Abtragungsmenge reduziert. Schwermetalle, beispielsweise aus der Gold- und Silberschmiede in Pforzheim und Chrom der Gerber des 19. Jahrhunderts, schlummern im Boden. Außerdem war der organische Anteil dieses Schlamms teilweise sehr hoch. Bevor der Aushub zur Deponie abtransportiert werden konnte, musste er eine Behandlung über sich ergehen lassen, was das Projekt um fast ein Jahr verlängerte. Ein Großteil der Masse wurde nach der Ablagerung gekalkt. Der Aushub lagert mittlerweile auf der Deponie Burghof in Horrheim.
Entstanden ist nun eine Altarmstruktur, die – eine Besonderheit, so Landschaftsarchitekt Kusche – vom Grundwasser gespeist wird. Daher liegt im neu geschaffenen Biotop der Wasserstand im Durchschnitt über dem Enzpegel. Deshalb konnten die Kleingewässer auch nicht direkt an den Fluss angeschlossen werden, „die würden sonst auslaufen“, sagt Kusche. Doch bei hohem Wasserstand wird die gesamte Landschaft geflutet, Lebewesen können aus den Tümpeln ins Fließgewässer gelangen und umgekehrt. Eine neu angelegte Furt, eine Untiefe, trat an die Stelle eines Rohrdurchlasses und gewährleistet auch hier bei hohem Wasserstand einen Austausch unter den Wasserkörpern. Die Tiefe des neu gestalteten Sees, dessen Gesicht sich immer wieder verändert, beträgt an manchen Stellen bis zu 1,50 Meter – damit den Fischen im Sommer nicht der Sauerstoff ausgeht. In Kombination mit flachen Bereichen ergibt das eine hohe Strukturvielfalt, die jede Menge Pflanzen und Tiere anlocken soll. Unter anderem könnten die Kieslaicher unter den Fischen an der neuen Altarmstruktur ihre Freude haben. Und auch der Fluss darf wieder schaffen: „Wir haben einen Erosionsherd für die Eigendynamik der Enz geschaffen“, erklärt Kusche.
Enzweihingens Ortsvorsteher Eduard Aldinger lobt das Ergebnis der Maßnahme ebenfalls, gibt allerdings zu bedenken, dass „wir über einen Hektar Betriebsfläche verlieren“. In Richtung OB dann sein Wunsch: zukünftige Ausgleichsmaßnahmen am Ort des Eingriffs ausführen. Enzweihingen habe eben die größte Markung und „wo viel ist, kann man viel nehmen“, so Aldinger.
Eine weitere Altarmreaktivierung könnte in Zukunft die Enz in Enzweihingen beim Leinfelder Hof betreffen, als Ausgleichsmaßnahme für die B10-Umfahrung Enzweihingen, so Carsten Scholz, Leiter des Fachbereichs Wasser und Boden beim Landratsamt Ludwigsburg. Zum Abschied vom Gewässer entfährt Biologin Anne Pfisterer-Lottausch, die für die Stadt Vaihingen die Maßnahme Bruckenwasen betreut hat, noch ein Stoßseufzer: „Wenn man mehr Geld hätte, könnte man mehr machen.“
