Sonntag, 26. Oktober 2014

Von Mördern und Klärchen




Eines der Exponate. Foto: Rücker
Eines der Exponate. Foto: Rücker

Vaihingen (sr). Am Donnerstagabend wurde im Vaihinger Stadtarchiv die Ausstellung „200 Jahre Post in Vaihingen“ eröffnet. Die Exponate erzählen Vergnügliches und Tragisches ebenso wie Banales und historisch Interessantes. Stadtarchivar Lothar Behr konnte gestern Mittag schon von einem ordentlichen Besucherandrang berichten.
„Das könnte der Mörder Wagner sein“, sagt Vaihingens Stadtarchivar Lothar Behr. Er nimmt die Brille ab und beugt sich über das Bild, das Auslöser der Überlegungen ist. Es ist ein Foto aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, Schloss Kaltenstein und die heutige Schlossbergschule sind im Hintergrund zu sehen.
Die als Ansichtskarte gedachte Fotografie wurde mit den Worten „die Aufnahme zeigt die Überführung des Mörders ins Bezirkskrankenhaus“ beschriftet. Der Massenmörder Ernst August Wagner tötete im Jahr 1913 seine Frau, seine vier Kinder und zwölf weitere Menschen in Mühlhausen an der Enz. Dort wurde er schließlich überwältigt und anschließend wohl zunächst ins Vaihinger Bezirkskrankenhaus eingeliefert.
Nur wenig entfernt von dieser eher düsteren Ansichtskarte hängt ein zunächst unspektakuläres Postkärtchen. Adressiert ist es an ein Fräulein Klärchen Pfeil, Horr-heim, Württemberg. Mehr brauchte es 1907 nicht. Das Besondere und die Einmaligkeit dieser Karte ist der Ankunftsstempel mit der Inschrift „Horrheim in Württemberg 7. Juli 07“. Hiervon sei nur ein Abschlag bekannt, lässt der Postkartenbesitzer Dieter Haupt aus Kleinglattbach wissen. Haupt ist seit über 30 Jahren Mitglied im Philatelistischen Club Markgröningen und sei der Motor für die Ausstellung „200 Jahre Post in Vaihingen“ gewesen, sagt sein Vereinskollege Walter Marchart (wir haben berichtet).
Nun reiht sich bis zum 29. Juli Makaberes, Historisches, Heiteres, ehemals Triviales, heute Besonderes, dicht an dicht im Vaihinger Stadtarchiv. 20 Themenfelder gibt es zu bestaunen. Die Ausstellung umfasst die Themen Heimatsammlung Vaihingen, Frauen auf deutschen Briefmarken, Raketenpost und Leuchttürme sowie die Geschichte des Hauses Württemberg und vieles mehr.
Barbara Kübler aus Markgröningen, deren Gatte Manfred jahrzehntelang bei der Vaihinger Stadtverwaltung tätig war, zeigt ihre Wilhelm-Busch-Themensammlung. Seit 1969 ist sie beim Philatelistischen Club Markgröningen. Sie möchte einfach Spaß an ihrem Hobby haben und nicht mehr so viel Geld investieren. „Max und Moritz kennt jeder“, sagt sie über ihre Exponate und hofft, dass die drei Enkel sich auch einmal für die Sammlung der Oma interessieren werden.
Lothar Schrimpf ist mit seiner Sersheimer Sammlung vertreten. Ein Schmuckblatttelegramm zur Hochzeit aus dem Jahr 1934 macht im Schaurahmen richtig was her. Und den Dienstbrief aus den Jahren der Inflation bedeckt eine Unzahl von Briefmarken. Bis zu 40 Mark Porto musste damals für einen Brief bezahlt und aufgeklebt werden, erzählt Schrimpf.
Dieter Haupt aus Kleinglattbach stellt in 14 Rahmen mit je zwölf Blatt seine Stücke zum Thema Vaihingen zur Schau. Schon als Kind habe er Briefmarken gesammelt. Die Sache mit den Ansichtskarten und Briefen fing „ganz kurios“ an, erzählt der Kleinglattbacher. Ein Arbeitskollege habe ihm vor Jahrzehnten alte Vaihinger Briefe überlassen. Bestimmt 30 Jahre lang hat er die „gehabt und nicht gelesen, weil’s mich nichts angeht“. Vor rund sechs Jahren hat er sich dann vertrauensvoll an den Vaihinger Stadtarchivar Lothar Behr gewandt. Denn um die Schriften lesen zu können, sind Kenntnisse in Sütterlin und Französisch – „das war Amtssprache“ – nötig. Haupts ältester Brief ist von 1711, ein „schöner Schnörkelbrief“. Ein Taxisscher Reitpostkurier brachte diesen herzoglichen Kanzleibrief von Stuttgart über Cannstatt, Zazenhausen, Zuffenhausen und Schwieberdingen nach Enzweihingen. Ein weiterer Bote lieferte ihn nach Vaihingen. Der Inhalt handelt vom Verkauf der Mühle zu Riet und der Stundung der Steuerbeiträge.
Auch das Motiv der ersten Vaihinger Briefmarke, die aus Anlass der Ausstellung angeboten wird, basiert auf einer der Haupt-Postkarten. Dieser Postkartenvorläufer stamme aus dem Jahr 1890 und er habe ihn vor circa einem Jahr ersteigert, verrät Haupt. „Es gibt in Deutschland extra Briefmarken- und Postkartenauktionshäuser“, klärt Haupt den Laien auf. Um die 40 Euro hat er für die Karte bezahlt. Ein Eldorado für Philatelisten seien auch die Großtauschtage, wie beispielsweise jener Ende Oktober in Sindelfingen.
Auf einer der Postkarten, die im Archiv auf Besucher warten, „sieht man noch die Stadtmauer am Haspelturm und Zluhans Eiskeller“, erläutert Haupt. Schloss Kaltenstein und die Stadtkirche sind beliebte Motive und auch das Zugunglück aus dem Jahr 1934 ist auf Ansichtskarten zu sehen.
Vor drei bis vier Jahren sei es unter den Briefmarkensammlern noch ein bisschen verpönt gewesen, Ansichtskarten zu sammeln. „Aber mittlerweile hat das einen festen Platz in der Philatelie“, sagt Dieter Schaile, Regionalvertreter Nord-Württemberg des Landesverbands Südwestdeutscher Briefmarkensammlervereine. Briefe seien schon immer Bestandteil dieses Hobbys gewesen, so Schaile. Auch bei ihm fing „als kloiner Kerle“ die Leidenschaft mit Briefmarken an. Im Heimatort seiner Frau, dem Remsecker Ortsteil Hochberg, kam die Begeisterung für Ansichtskarten hinzu. Gemeinsam mit der Gattin wurde dann über den Hochberger Karten gebrütet: Wer hat die geschrieben, wer und was ist darauf zu sehen? Mittlerweile stellt Schaile in Rang eins, „der Bundesliga der Philatelisten“, aus. Seine besonderen Karten, die von 1898 bis 1908 stammen, werden mit „Halte mich gegen das Licht“ beschrieben. Im Licht wechselt das Motiv zum Beispiel von einer Winter- zu einer Sommerlandschaft. Schaile: „Das sind die Vorvorvorgänger der Wackelkarte.“ Um Verwirrungen vorzubeugen: Bei der Vaihinger Ausstellung sind diese Karten nicht zu sehen.
Der Vaihinger Harry Goltz nutzt bei der Eröffnung am Donnerstagabend die Gelegenheit daran zu erinnern, dass es beim Vaihinger Bürger-Treff auch eine Briefmarkensammler-Gruppe gibt.
Vaihingens Oberbürgermeister Gerd Maisch hofft bei seiner Ansprache, dass der Stadtarchivar und seine Mitarbeiterin „von Besuchern überrannt werden“. Diese Hoffnung schien sich schon Freitagmorgens zu erfüllen. Von rund 70 Besuchern kann Lothar Behr gegen Mittag berichten. Und der Sonderdruck der ersten Vaihinger Briefmarke, die nur in der Ausstellung erhältlich ist, „ist beinahe ausverkauft“, so Behr. Einen Nachdruck der Briefmarke habe er schon angeregt.
Die Ausstellung „200 Jahre Post in Vaihingen“ wird vom 20. bis 29. Juli im Stadtarchiv Vaihingen, Spitalstraße 8, gezeigt. Geöffnet ist sie samstags und sonntags von 11 bis 16 Uhr, montags bis freitags 8.30 bis 12 Uhr sowie dienstags und donnerstags auch von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.




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