Vaihingen (rkü). „Ich würde im Moment nicht von einem herausragenden Jahr sprechen“, sagt Albrecht Fischer über den Wein-Jahrgang 2010. Der Weinspezialist aus Gündelbach will sich aber noch nicht weiter festlegen, denn bis zum Beginn der Lese dürften selbst bei frühen Sorten wie Regent noch drei Wochen ins Land gehen.
Albrecht Fischer ist im Weinbauverband Württemberg Vorsitzender des Bezirks Stromberg-Enztal. Sein eigener Weinbaubetrieb, der Sonnenhof in Gündelbach, hat im Juni und Juli eine 46 Tage lange Durststrecke „ohne nennenswerte Niederschläge“ überstehen müssen. Fischer: „In Extremlagen haben wir sogar an zwei Tagen Wasser gefahren.“ Die Trockenheit betraf vor allem die Reben im Bereich Stromberg. In Richtung Enztal gab es dagegeb im gleichen Zeitraum teils heftige Niederschläge.
So gegensätzlich wie die Witterungsbedingungen kann demnach auch die Bilanz der betroffenen Wengerter ausfallen. „Die Ertragsmenge ist je nach Standort sehr unterschiedlich“, unterstreicht Fischer. Auch von Monat zu Monat waren die Reben – und damit auch die Erwartungen der Erzeuger – recht großen Schwankungen ausgesetzt. Das Jahr 2010 war von einem „Wechselbad der Wettergefühle“ (Fischer) geprägt. Der Wonnemonat Mai war dieses Mal ungewöhnlich nass und kühl, der halbe Juni und der Juli dagegen heiß und trocken – von den teils unwetterartigen Gewitterschauern abgesehen. Seit Ende Juli folgt Regengebiet auf Regengebiet. Der Wunsch des Wengerters für den Spätsommer? „Temperaturen von mindestens 22 Grad und alle zehn Tage einen Regen“, beschreibt Fischer seine Traumbedingungen. Aber schnell fügt er an: „Gottseidank können wir da nichts dran machen, sondern müssen das Wetter so hinnehmen.“
Die Vegetation ist im kühlen Frühjahr weit hinter dem Kalender zurückgeblieben. Die späte Blüte dauerte bis zum 20. Juni – vor ein paar Jahren war sie schon am 25. Mai beendet. Das war allerdings extrem früh.
Es gilt die Faustregel, dass es von der Blüte bis zur Lese noch etwa 100 Tage dauert. Fischer: „Die Traubenentwicklung ist im Mai sehr zurückgeblieben, hat im warmen Zeitraum dann aber gut aufgeholt.“ Aktuell sehen die Beeren von Acolon, Dornfelder und Regent schon kräftig blau aus. Doch sie brauchen trotzdem noch ein paar Wochen, um Sonne zu tanken und Süße zu gewinnen.
Für diejenigen Weinbaubetriebe, die den Ertrag zugunsten der Qualität vermindern und darum einen Teil der Trauben herausschneiden, ist jetzt ein guter Zeitpunkt dafür. Während sich die einen Beeren schon deutlich verfärben, bleiben die anderen noch knallgrün. Weil sie diesen Abstand bis zur Lese nicht aufholen können und immer die weniger süßen bleiben werden, greifen manche Wengerter jetzt zur Schere und sortieren aus. Das ergibt unterm Strich etwas weniger Wein pro Rebe, aber dafür ein höheres Mostgewicht. Diese Arbeiten sind nur von Hand zu erledigen.
Manche Trauben sind schon auf natürliche Weise ausgedünnt. Dabei handelt es sich um sogenannte Verrieselung der Blüten. Manche Beeren haben sich entwickelt, andere nicht. Dies passiert, wenn während der Traubenblüte anhaltende Regenfälle auftreten und der Insektenflug behindert wird. Nicht befruchtete Beeren fallen ab und sorgen für die auffälligen Lücken in der Traube. Fischer: „Da schneidet man dann nichts weg. Bei großbeerigen Sorten wie beim Trollinger wird dann aber mehr Flüssigkeit in die einzelnen Beeren eingelagert und dadurch der Verlust zum Teil wieder ausgeglichen.“
Die wechselhaften Wetterbedingungen haben dem Wein offenbar noch nicht in großem Umfang geschadet. „Echten Mehltau gibt es hier und da“, sagt Fischer. Dieser wurde durch die trockene Hitze begünstigt. „Falscher Mehltau ist so gut wie gar nicht vorhanden. Der wäre bei feuchtwarmer Witterung ein Problem.“
Ein ganz anderes Problem stellen Wespen und Stare dar. Jetzt, wenn die Beeren süß und einladend an den Reben hängen, nutzen viele Tiere ihre Chance, ein Festmahl zu halten. „Wo Stromleitungen über den Weinberg verlaufen, können schon mal tausend Stare darauf lauern, dass sie ungestört sind“, sagt Fischer. „Das Schlimme ist, dass sie nicht nur die Beeren fressen, sondern dabei noch viele andere herunterreißen oder mit Kot verschmutzen.“ Wespen dagegen fressen oft nur einen Teil der Beeren, so dass die Reste mitten in der Traube hängen bleiben und verderben. Das schadet dem Geschmack.
Noch sind also alle Möglichkeiten offen. Der Lemberger braucht noch etwa sechs Wochen, vielleicht sogar mehr. „Wir können nur hoffen, dass nicht in letzter Minute ein Hagelsturm über die Weinberge zieht“, sagt Fischer.
