Mittwoch, 23. Mai 2012

Dachhaie beißen wieder zu




Enzweihingen (elf). Sie wittern ihre Beute schon von weitem und nähern sich ihr vorsichtig und lautlos. Urplötzlich greifen sie dann aus dem Hinterhalt an und schnappen mit weit aufgerissenem Maul gewaltig zu. Die Rede ist von Dachhaien, die derzeit in der Region wieder aktiv sind und sich vor einer Woche in Enzweihingen einen 86-Jährigen als Opfer ausgesucht haben.
Als es bei ihm am 29. Juni an der Haustür klingelte, sah sich der Senior einem Mann gegenüber, der ihm einen kaputten Ziegel unter die Nase hielt mit dem Hinweis, sein Hausdach sei kaputt und müsse erneuert werden. Die Arbeiten würden sofort erledigt, die Rechnung über 15 000 bis 18 000 Euro solle gleich in bar bezahlt werden. „Der Mann muss ihn gehörig unter Druck gesetzt haben“, vermutet eine Familienangehörige, denn der alte Herr gelte als ziemlich sparsam. „Wir waren ganz entsetzt.“
Der 86-Jährige marschierte also zur Enztalbank, um das Geld in bar abzuheben. Eine Mitarbeiterin dort zeigte sich sehr umsichtig und erkundigte sich nach dem Verwendungszweck des Geldes. Als sie erfuhr, dass es für ein neues Dach sein soll, wurde sie misstrauisch, warnte ihren Kunden vor seinem Vorhaben und alarmierte am Ende die Polizei.
„Wir haben die Angehörigen informiert und mit dem Mann die Bank aufgesucht, damit er das Geld wieder einbezahlt“, sagt Andreas Gruber, Leiter des Ermittlungsdienstes beim Vaihinger Polizeirevier. Der Rentner habe einen ziemlich eingeschüchterten Eindruck gemacht und sich nicht an Vertragsdetails erinnern können. Ein entsprechendes Schriftstück konnte er auch nicht präsentieren. „Damit ist es für uns schwierig einzuschreiten“, so Andreas Gruber.
„Die Vorgehensweise in Enzweihingen ist bekannt“, sagt Hartmut Berner, Obermeister der Dachdeckerinnung Stuttgart. Von Haus zu Haus würden die Männer gehen und sich gleich in ganzen Wohnvierteln ihre zumeist älteren Opfer aussuchen. Diese mobilen Handwerker arbeiten offenbar in bester Drückerkolonnen-Manier mit dem Ziel, an der Haustüre teure Aufträge für eine Dachsanierung abzuschließen. Die Dachhaie kennen dabei keine Skrupel, wie auch Geschäftsstellenleiter Hartmut Schad weiß: „Meist behaupten die Verkäufer, einen kleinen Schaden am Dach entdeckt zu haben – lediglich ein paar lose oder defekte Ziegel.“ Gelockt werde oft mit einem kleinen Reparaturauftrag über 50 bis 250 Euro. Haben sich die Dachhaie auf diese Weise erstmal Zutritt zum Dach verschafft, wird’s mitunter kriminell. Da werden Wasserbomben in den Dachboden geworfen, um einen „Beweis“ für die Undichtigkeit des Daches liefern zu können. Auch morsche Dachlatten oder defekte Ziegel werden den Hausbesitzern gezeigt. Sie sollen vom Dach stammen, wurden allerdings von den Dachhaien bereits mitgebracht. Auf diese Weise verunsichert lassen sich die Opfer dieser unseriösen Geschäftemacher zu einer Unterschrift für einen umfangreichen Folgeauftrag nötigen.
Hat der Kunde unterschrieben, hat er bei Haustürgeschäften ein gesetzlich garantiertes Rücktrittsrecht von zwei Wochen. Dieses wird geschickt ausgehebelt, indem die Arbeitskolonne schon am gleichen oder nächsten Tag anrückt, um die Arbeiten zu erledigen. So geschah es auch vor einer Woche bei dem 86-Jährigen in Enzweihingen. Doch die Nichte des Mannes wimmelte die beiden Männer am Nachmittag ab und drückte ihnen auf Anraten der Polizei den schriftlichen Rücktritt vom Vertrag in die Hand. Bis zum Eintreffen der alarmierten Polizei hatten sich die Handwerker bereits wieder aus dem Staub gemacht.
Die Dachdeckerinnung warnt eindringlich vor dieser Art, Aufträge zu erteilen. „Es werden oft Reparaturen ausgeführt, die überhaupt nicht notwendig sind“, sagt Hartmut Schad von der Dachdeckerinnung. „Geboten wird zudem häufig Pfusch – und das oft zu überhöhten Preisen.“ Der Verkäufer der Dachhaie bekomme für die Vermittlung des Auftrags eine Provision in Höhe von 20 Prozent oder mehr. Schad: „Je höher der Auftrag, umso höher die Prämie.“ Innungs-Obermeister Hartmut Berner ergänzt: „Oft wird bei einer Dachsanierung die nach der Energieeinsparverordnung erforderliche Wärmedämmung nicht eingebracht.“ Auch hier werden bei einem Einfamilienhaus Folgekosten in Höhe von 15 000 bis 18 000 Euro fällig.
Die Dachdeckerinnung rät, niemals Aufträge eines reisenden Handwerkers sofort zu unterschreiben. Vor der Vergabe des Auftrags sei es angebracht, bei der zuständigen Handwerkskammer oder der Dachdeckerinnung nachzufragen, ob der anbietende Handwerker überhaupt für die Arbeiten zugelassen ist. Zudem sei es ratsam, sich ein Angebot vom Dachdecker der eigenen Wahl – vorzugsweise aus der Region - einzuholen.
Übrigens: Das Hausdach des 86-jährigen Enzweihingers ist nach sorgfältiger Überprüfung noch völlig in Ordnung.
www.dachdeckerinnung-stuttgart.de






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