Horrheim (sr). Statt brüten im Klassenzimmer heißt es für Ensinger und Horrheimer Grundschüler eine Woche lang: Manege frei. Auf dem Schulhof in Horrheim hat sich der 1. Ostdeutsche Projektcircus ausgebreitet und manchen graut es schon jetzt vor dem Abschied.
Nur die Mutigen sollen sich fürs Foto aufstellen, ruft Zirkuschef Alfred Sperlich. Vor allem diejenigen, die keine Angst vor Schlangen haben. Dann wird ein mächtiger Tigerpython auf den Platz vor dem Zirkuszelt gewuchtet. Die Riesenschlange landet in den Armen der Kinder und es entweichen spitze Schrei aus deren Kehlchen. Der Python dagegen scheint unbeeindruckt.
Seit Freitag ist der 1. Ostdeutsche Projektcircus Andre Sperlich im Horrheimer Schulhof zu Gast. Eine Woche lang bleiben die zwölf Erwachsenen und zwei Kinder der Sperlich-Sippe im Vaihinger Weinort. Trapezkunst, Zauberei und Clownerie sowie Seiltanz, Tauben- und Haustierrevue und eine Lassonummer umfasst das Programm. Erst führen die Zirkusleute ihre Kunststücke vor und das junge Publikum kann sich ganz aufs Genießen konzentrieren. Dann heißt’s für die Nachwuchsartisten: ran an den Speck, in diesem Fall ans Trapez. Lara und Julia biegen sich in luftiger Höhe an den Stangen. Sie machen ihre Sache prima. Lara schüttelt anschließend die Arme durch und räumt ein, dass die ganze Sache doch „a bissle anstrengend“ ist. Tiziana dagegen hat sich für die Nummer mit den Haustieren erwärmt und verrät, dass sie daheim auch „ganz, ganz viele Tiere“ habe. Vielleicht mussten die nun auch schon Kunststückchen lernen. In den nächsten Tagen werden die Kindern vormittags ihre jeweilige Vorstellung einüben.
Seit September sind Marianne Kodweiß, Schulleiterin in Horrheim, und Heide Bolter, Rektorin der Ensinger Grundschule, mit der Organisation des Spektakels beschäftigt. Kooperationen zwischen den zwei Schulen sind nichts Außergewöhnliches, wie die Bläserklasse zeigt.
Involviert sind noch viele andere Helfer, wie beispielsweise die Eltern der Schüler. Sie haben das Projekt mit ihren Beiträgen finanziert und packen beim Auf- und Abbau des Zirkuszelts feste mit an. Auch die ältesten Kleinen vom Horrheimer Kindergarten sind mit dabei. Insgesamt nehmen 250 Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren an der Aktion teil.
Es sei schon ein großer organisatorischer Akt, räumen die Schulleiterinnen ein, „aber alle sind ganz gespannt und hochmotiviert“. Im Zirkuszelt nebenan singen die Kinder „Im Zauber der Manege“, das Zirkuslied, das alle gelernt haben. Schon im Vorfeld haben die Schüler ihre drei liebsten Zirkusdisziplinen nennen können. Nun wird in Gruppen trainiert und auch hierbei helfen neben den Pädagogen und Zirkusleuten die Eltern bei der Betreuung mit. Während die Kinder der einen Schule ihre Kunststücke üben, befassen sich die der anderen Schule mit dem Thema ihrer Projektwoche. In Horrheim geht’s dabei um Kunst, in Ensingen ums Lesen.
Marianne Kodweiß lobt die enorme Leistung der Zirkusmannschaft, die sich auf die Kinder einlässt. Gleichzeitig besteche die Tatsache, dass die Kinder den Zirkus hautnah erleben können. Zirkuschefin Sylvia Sperlich: „Viele Kinder, die vielleicht im Unterricht nicht so gut sind, entfalten ihr Talent hier im Zirkuszelt und zeigen, was sie können.“ Wie ihr Mann stammt auch sie aus einer traditionsreichen Zirkusfamilie. Sperlichs haben seit über 30 Jahren ihren Wohnsitz in Meltendorf in Sachsen-Anhalt. Der 1. Ostdeutsche Projektcircus ist seit fünf Jahren als solcher unterwegs. Das Motto ist: „Zirkus mit Kindern.“ Selbst Schüchterne trauen sich hier ins Clownskostüm, Mädchen träumen gerne von der Nummer mit den Ponys und übermütige Jungs können sich als Fakir oder vielleicht mit den sturköpfigen Ziegen beweisen. Hinter den Kulissen gibt es für diejenigen etwas zu tun, die sich nun gar nicht in der Manege wohlfühlen.
Das Konzept der Projektwoche gehe über das Erlernen einfacher Kunststücke und Zirkusnummern weit hinaus. Die Entwicklung und Förderung der eigenen Persönlichkeit, das Kennenlernen des eigenen Körpers, Teamgeist sowie das Spielen und Sprechen vor Publikum seien die Grundgedanken eines jeden Projektes, unabhängig vom Alter, körperlichen oder geistigen Fähigkeiten. Und Marianne Kodweiß ist heute schon ein wenig traurig, wenn sie an den Abschied von dem bunten Treiben denkt.
Da könnte es ein kleines Trostpflaster geben: Die Sommerferien sind nicht mehr weit.
Die Kinder zeigen am Donnerstag, Freitag und Samstag in der Manege ihr Können. Am Freitag, 9. Juli, um 17 Uhr und am Samstag, 10. Juli, um 10 und 14 Uhr sind noch Plätze im Zirkuszelt frei und weitere Zuschauer willkommen. Eintritt: neun Euro für Erwachsene, drei Euro für Kinder. Parkplätze gibt’s bei der Mettertalhalle.
