Mittwoch, 23. Mai 2012

Wahlmann aus Gündelbach




Albrecht Fischer und Christian Wulff. Foto: p
Albrecht Fischer und Christian Wulff. Foto: p

Gündelbach (ub). Auf die Stallwächter-Party der baden-württembergischen Landesvertretung in Berlin am Donnerstagabend verzichtet Albrecht Fischer. Zwar gibt es bei der Feier in der Bundeshauptstadt edle Weine vom Gündelbacher Sonnenhof, doch der CDU-Landtagsabgeordnete hat andere Prioritäten.
 Am Mittwoch war der 60-jährige Gündelbacher einer der 1244 Wahlmänner, die in der 14. Bundesversammlung den neuen Bundespräsidenten zu wählen hatten. Jetzt stellt sich Fischer selbst einer Wahl: Am kommenden Freitag küren die Mitglieder den CDU-Kandidaten im Wahlkreis Vaihingen für den Landtag. Und da hat der amtierende Landtagsabgeordnete Fischer, der seit 6. Februar 2010 in Stuttgart sitzt, zwei Gegenkandidaten.
Da kommt die PR gerade recht; das Foto mit dem neuen Bundespräsidenten Christian Wulff, das „einmalige Erlebnis“, den Bundespräsidenten wählen zu dürfen. Fischer war einer von sechs Menschen aus dem Landkreis Ludwigsburg, die am 30. Juni an die Urnen durften. Die Christdemokraten im Land schickten altgediente und „frische“ Abgeordnete in die Bundesversammlung – insgesamt 40 Männer und Frauen, davon 26 Abgeordnete.
„Eine Denkzettelgeschichte
zum falschen Zeitpunkt“
Wahlmann Albrecht Fischer
„Und bei uns hat es keine Abweichler gegeben“, ist sich Fischer trotz der geheimen Wahl sicher. Der Abgeordnete selbst hat sich bereits vor der Wahl festgelegt. Via Pressemitteilung sprach sich Fischer klar für den Koalitionskandidaten Wulff aus. Dass der frühere Ministerpräsident von Niedersachsen erst im dritten Wahlgang gekürt wurde, hält Fischer für eine „Denkzettelgeschichte“ – „allerdings zum falschen Zeitpunkt“. Da sei im Reichstagsgebäude auch viel Taktiererei für den Medienrummel dabei gewesen – vor allem bei den Linken.
Trotzdem bezeichnet Fischer die Wahl als eine „Lehrstunde der Demokratie“. Eine Lehrstunde, die einiges abverlangt: „Für drei Kreuzle neun Stunden, das ist schon heftig.“
Der Mittwoch beginnt für Albrecht Fischer und seine Frau Charlotte, die ihn auf eigene Kosten begleitet hat, mit einem ökumenischen Gottesdienst um 9 Uhr. Und von hier kann der Gündelbacher Weingärtner auch gleich Grüße in die Heimat mitnehmen. In der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin trifft Fischer den Organisator des Gottesdienstes, Oberkirchenrat Dr. Volker Faigle, den theologischen Bevollmächtigten der Evangelischen Kirche Deutschland. Faigle stammt aus Horrheim.
Um 11 Uhr ist dann wie am Dienstag um 17 Uhr noch einmal Fraktionssitzung. Alle sind da, die Rang und Namen haben, alle Ministerpräsidenten, die Bundeskanzlerin, die Parteichefs. Angela Merkel habe bei dieser Gelegenheit noch einmal deutlich gemacht, dass Wulff der Kandidat der Regierungskoalition sei, dass es beim höchsten Staatsamt der falsche Ort sei, Denkzettel zu verteilen.
Zwei Stunden später läuft es im Plenarsaal nicht so wie geplant. Fischer: „Auch ich habe gedacht, nach dem ersten Wahlgang ist alles klar.“ Das dachte auch der Catering-Service, der für die Wahlleute um 14.30 Uhr das Büfett vorbereitet hatte. „Doch das Essen wird erst freigegeben, wenn die Wahl vorbei ist“, weiß Fischer. Und das ist um 21.30 Uhr. Bei Temperaturen um die 30 Grad war deshalb „manches nicht mehr so frisch“. Fischer: „Einige haben nichts mehr gegessen.“
Zwischen den Wahlgängen blieb als karge Kost deshalb nur Kaffee und Kuchen – der Kaffe für 2,05 Euro, das Stück Kuchen 1,95 Euro. „Nach jedem Wahlgang habe ich mir ein Gedeck für vier Euro gekauft“, erzählt Fischer. „Und der Kuchen war gut.“
Doch die Verpflegung war natürlich nicht die Hauptsache im Reichstagsgebäude: Es galt das deutsche Staatsoberhaupt zu wählen. Geheim in einer Wahlkabine wird der Wahlschein mit dem Kreuzchen hinter dem Namen in das Kuvert gesteckt. Im Plenarsaal wird dann das Kuvert öffentlich in eine von drei Wahlurnen gesteckt.
Dreimal absolvieren Fischer und seine Kollegen das Prozedere. „Ich habe gedacht, im zweiten Wahlgang schafft es Christian Wulff auf jeden Fall.“ Doch wieder fehlen dem Regierungskandidaten neun Stimmen zur absoluten Mehrheit. „Vor dem dritten Wahlgang gab es in unserem Fraktionszimmer flammende Reden von Horst Seehofer und Roland Koch.“ Mit 625 Stimmen wird dann der Niedersachse Wulff zum neuen Bundespräsidenten gewählt. Über 1000 Menschen singen die deutsche Nationalhymne. Fischer: „Das war richtig beeindruckend. Beschämend war, dass die Linken nicht mitgesungen haben.“
Wie bekommt man die Zeit zwischen den Wahlgängen herum? „Man führt Gespräche, knüpft Kontakte, pflegt das Netzwerk“, sagt Fischer. Was allerdings bei dem Rummel auf den Gängen nicht immer ganz einfach ist. „Vor lauter Medienleuten gab es manchmal fast kein Durchkommen.“ Die Regierungskoalition sieht der Gündelbacher Abgeordnete durch das Wahldebakel nicht weiter beschädigt. „Das schweißt zusammen“, sagt Fischer.
Der lange Wahltag geht für das Ehepaar Fischer erst um 2 Uhr zu Ende. Den Empfang muss man noch mitnehmen. Aber wie sagt doch Fischer: Mitglied der Bundesversammlung zu sein, ist möglicherweise eine Chance, die man nur einmal im Leben hat.




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