Mittwoch, 23. Mai 2012

Illingen: Schwarzfahrer ist unschuldig




Niko B. aus Illingen fährt nur noch mit dem Fahrrad, weil ihm zu Unrecht vorgeworfen wurde, dass er Schwarzfahrer sei. In der Hand hält er einen Brief der Bahn – die will mittlerweile eine Strafanzeige gegen ihn wieder zurückziehen. Foto: Schmid

Illingen. Wer ohne gültiges Ticket in Bus oder Bahn einsteigt, fährt schwarz. Doch manchmal können die Betroffenen gar nichts dafür. Ein 16-jähriger Illinger hat falsche Tickets verkauft bekommen und wurde angezeigt.

Niko B. aus Illingen ist stinksauer. Seinen Zorn haben vor allem seine Busfahrer, aber auch die Deutsche Bahn AG auf sich gezogen. Letztere bezichtigt ihn ein Schwarzfahrer, ein Betrüger zu sein. Und die Busfahrer sind seiner Meinung nach Schuld an der Misere. „Die haben mir schlicht falsche Fahrkarten verkauft“, schimpft der 16-Jährige.

Vor knapp eineinhalb Jahren war die Welt für den Jungen, der ans Vaihinger Friedrich-Abel-Gymnasium geht, noch in Ordnung. Er wohnte in Kleinglattbach, bezog seine Bustickets im Abonnement. Dann zog er mit seiner Familie nach Illingen um. Ein schmuckes Einfamilienhaus in schöner Lage ist dort sein neues Zuhause. Doch durch den Umzug in den Enzkreis entstanden auch Probleme. Und zwar mit seiner Fahrkarte für den Nahverkehr.

Die gibt es für Schülerfahrten zwischen Illingen und Vaihingen nämlich nicht im Abonnement. Sie muss für jeden Monat neu gekauft werden. „Ich bin immer zum Busfahrer gegangen und habe mir den Fahrschein für den jeweiligen Monat gekauft“, sagt Niko. Genau 29 Euro kostet ein solches Ticket, auf dem groß der Gültigkeitsmonat angegeben ist. Etwa „02“ für den Februar. Hat er den Fahrschein am Ersten eines Monats gekauft, war alles in Ordnung. Probleme gab es nur, wenn Niko das Ticket schon vor Monatsbeginn kaufte.

Auf den Fahrscheinen stand der falsche Gültigkeitsmonat

„Ich habe das Ticket für März Ende Februar gekauft. Doch der Busfahrer hat es nicht auf die Reihe bekommen, den Fahrschein auf den richtigen Monat auszustellen“, sagt der 16-Jährige. Er habe ein Ticket mit dem Aufdruck „02“ bekommen, das nur noch wenige Februartage gültig war. Eigentlich wollte Niko aber, dass „03“ auf dem Fahrschein steht. Den Busfahrer sprach er darauf an. Der sagte, dass er damit trotzdem im März fahren könne.

Das mit dem falschen Monat auf dem Ticket sei ihm schon öfters passiert. Probleme gab es in den Bussen nie. Doch ausgerechnet im März verpasste er den Bus, musste auf die Bahn umsteigen: „Und da kam ein Schaffner, der das Ticket nicht akzeptiert hat“, sagt er wütend. Zwei Tage später fuhr er wieder mit dem Zug, wieder wurde er kontrolliert. Und wieder war er laut Schaffner Schwarzfahrer. Genau 80 Euro hat Niko das insgesamt gekostet. „Und dabei konnte ich nichts dafür.“

Das Fass zum Überlaufen brachte dann, dass er nochmals beim Schwarzfahren erwischt wurde. Niko fuhr mit dem Baden-Württemberg-Ticket vor 9 Uhr nach Heidelberg. Doch der Fahrschein ist erst ab 9 Uhr gültig. Er musste zahlen. Dieses Mal zu Recht. Die beiden unverschuldeten Fälle und die Fahrt nach Heidelberg brachten dem 16-Jährigen eine Strafanzeige bei der Bundespolizei ein.

„Ich bin geschockt“, sagt Niko, der seitdem nur noch mit dem Fahrrad fährt und auf Bus und Bahn verzichtet. „Ich will einfach nicht nochmal unverschuldet in Schwierigkeiten kommen.“ Dass Niko tatsächlich zumindest zweimal unschuldig war, sagt auch Axel Hofseß, Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Pforzheim-Enzkreis (VPE). Er hat nach einem Gespräch mit der Vaihinger Kreiszeitung einen Brief an Niko B. geschickt. Darin heißt es: „Dass es zu Fehlverkäufen kommt, liegt im Rahmen des Vorstellbaren.“

Der 16-Jährige bekommt deshalb als Wiedergutmachung eine Monatskarte für September geschenkt. Hofseß rät den VPE-Kunden, sich in einem solchen Fall direkt an den Verkehrsverbund zu wenden. Die Probleme könnten dann aus der Welt geschafft werden. Wenn allerdings schon eine Anzeige erstattet worden sei, gestalte sich das sehr schwer. Aber auch die Deutsche Bahn AG hat reagiert. Gegenüber unserer Zeitung sagte ein Sprecher des Unternehmens in Stuttgart, dass er sich um den Fall kümmern wolle. „Wir werden versuchen, die Anzeige rückgängig zu machen.“

Niko B. will jetzt wieder öfter mit dem Bus fahren

Diese Aussage hat den Ärger des 16-jährigen Illingers ein wenig abschwellen lassen. Zumindest im September will er jetzt ab und an wieder mit dem Bus in die Schule fahren. Ob er danach sein Fahrrad wieder öfter stehen lässt, weiß er aber noch nicht: „Das muss ich mir noch durch den Kopf gehen lassen.“

Von Philipp-Marc Schmid




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