Vaihingen (sr) – „Wir bauen hier einen Grand Canyon für die Enzfische“, scherzt Müllermeister Manfred Auch. In der Tat hat die Raue Rampe, das neue Bauwerk an der Oberen Mühle in Vaihingen, einen verwegenen Charakter. Sie soll den Lebewesen der Enz ein munteres Hin- und Herwandern ermöglichen.
Selten passt ein Name so gut, wie Raue Rampe zu der schroffen Felsformation in Miniaturform an der Enz. Mit Muskelschmalz, Baggerbiss und Feingefühl wird der Wanderweg für Fische und Kleingetier am Wehr unterhalb des alten Badplatzes in Vaihingen geformt.
Denn: Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust. Auch Fische und das Kleingetier des Gewässergrunds bewegen sich aktiv und passiv flussauf- und abwärts. Die Raue Rampe soll Fischen, Insektenlarven, Gewürm, Krebstieren und anderen Organismen als Wanderweg dienen. Denn das rund 150 Meter lange Wehr an der Oberen Mühle stellt eine Barriere für die Lebewelt dar. Auf das Jahr 1447 datiert die erste urkundliche Erwähnung einer Wasserkraftnutzung an dieser Stelle. „Schon immer wurde die Kraft und das Gefälle des Wassers genutzt“, sagt Müllermeister Auch. Er ist Betreiber des „kleinsten Wasserkraftwerks der Enz“, das mit einer Kaplan-Turbine eine Leistung von 80 Kilowatt bereitstellt. Zu der Wasserkraftanlage gehört das Wehr, das Gebäude samt Turbine und die Insel, um die schon immer ein Seitenarm der Enz herumgeführt habe. In diesem Seitenarm entsteht seit gut zwei Wochen die Fischtreppe, Raue Rampe genannt. Sie soll die Höhendifferenz von 1,40 Meter von Ober- zu Unterwasser für die Enz-Tiere passierbar machen. Rund 180 Tonnen Muschelkalk-Steine aus Roßwag und 60 Kubikmeter Beton werden dazu auf 32 Metern des Seitenarmes verteilt. Und zwar mit System und Gefühl. Mit sensibler Hand setzt der Baggerführer der Roßwager Firma Gayer die großen Störsteine in den Beton am Boden. Dazwischen werden kleinere Gesteinsbrocken platziert. Das steinige Arrangement wird zum Schluss noch mit einer 20-Zentimeter-Schicht aus Enz-Sediment garniert. Ganz wichtig sei eine relativ starke Lockströmung, die am flussabwärts gelegenen Ende der Rampe einen Anreiz für die Fische zum Einschwimmen in den Felsengarten gibt. „Das ist ein Spielplatz für große Buben“, sagt Manfred Auch, der nicht nur Müllermeister sondern auch Maschinenbau-Ingenieur ist. Immerhin kostet ihn der „Spaß“ maximal 50000 Euro – eine „unternehmerische Maßnahme, nicht bezuschusst“. Bauherr Auch: „Wenn man so gestaltet und sieht, wie’s wird, macht das schon Spaß.“ Vor dem Baubeginn stand die Besprechung mit den beteiligten Ämtern, den Naturschutzverbänden und schließlich die Genehmigung durch das Landratsamt Ludwigsburg. Eine Durchflussmenge für den Seitenarm wurde dabei beispielsweise festgelegt. Sommers wie winters soll die Fischtreppe einen Durchfluss von 1,25 Kubikmeter pro Sekunde aufweisen. Das Wasser fließt die 4,2 Prozent Gefälle der schiefen Ebene hinunter. „Wir haben am Ufer nichts verändert, nur befestigt“, erklärt Auch. Die Raue Rampe dürfte alles bieten, was das Herz der Fließgewässerorganismen begehrt: Zonen mit flotter Strömung, Verwirbelungen, Schutzzonen und sogar Ruhebecken sind vorhanden. Insgesamt fließe das Wasser mit einer definierten Maximalgeschwindigkeit von 0,5 Metern pro Sekunde durch die Kunstlandschaft. Bei Hochwasser muss die Raue Rampe ebenfalls funktionieren, sagt Auch. Dann sei die Fließgeschwindigkeit oberhalb der Steine höher, am Gewässergrund bleibe die definierte Maximalgeschwindigkeit aber bestehen. „Die Raue Rampe ist mittlerweile ein bewährtes Prinzip aus der Praxis“, so Auch. Im Moment sind die Voraussetzungen für die Arbeiten im Seitenarm günstig. Am weiter flussabwärts gelegenen Wasserkraftwerk laufen gerade Modernisierungsmaßnahmen und der Wasserstand der Enz ist niedrig. Manfred Auch rechnet damit, dass die Raue Rampe heute fertiggestellt werden kann. Dann wird die Mauer zur Enz hin fallen und der Seitenarm an den großen Fluss angeschlossen. Somit hätte Auch die Europäischen Wasserrahmenrichtlinien erfüllt, die eine Durchgängigkeit für Fließgewässer bis 2015 vorsieht.Ob Natürschützer beim Anblick der Rauen Rampe wohl Tränen in die Augen bekommen werden? „Hoffentlich“, schmunzelt Auch. Eine Bitte hat der Eigentümer der Wehranlage noch: Er habe nichts dagegen, wenn sich Leute auf seinem Betriebsgelände bewegen. Nur ihren Müll sollten sie wieder mitnehmen. Denn dieses „Obere Waage“ genannte Stück der Enz sei ein „Kleinod in Vaihingen, schon jetzt ökologisch wertvoll“. Die Raue Rampe allerdings sei grundsätzlich tabu. Manfred Auch: „Sie ist im Betriebszustand nicht begehbar.“
