Mittwoch, 23. Mai 2012

Glanzvolles Open-Air-Festival




Ehrung für Bruno Gießer (l.). Fotos: ArningDas letzte Konzert des Dirigenten.
Ehrung für Bruno Gießer (l.) Fotos: Arning
Das letzte Konzert des Dirigenten.

Vaihingen (wes). „Du übergibst deinem Nachfolger ein wohlbestelltes Haus.“ Mit diesen Worten, ausgesprochen von seinem langjährigen Weggefährten im Musikverein Vaihingen, Gerhard Scheck, verabschiedete sich der MVV am Samstagabend von seinem Dirigenten, Stadtmusikdirektor Bruno Gießer, der nach 33 Jahren den Dirigentenstab beim MVV niederlegt.
Die Verabschiedungszeremonie fand im Rahmen des Open-Air-Festivals statt, bei dem es noch ein Gala-Konzert gab. Das Bläserquintett des MVV eröffnete die dem Konzert vorgeschaltete Feierstunde mit dem berühmten „Te Deum“ von Marc-Antoine Charpentier. „Wir lassen dich nicht einfach so ziehen“, meinte die Vorsitzende an Bruno Gießer gewandt.
Vaihingens Oberbürgermeister Gerd Maisch beleuchtete in seiner Rede die Verdienste des seit 1976 beim MVV tätigen Dirigenten ausführlich. Er hob vor allem hervor, dass Bruno Gießer schon vom ersten Jahr seiner Tätigkeit daran ging, eine gezielte Nachwuchsförderung einzurichten. Neben dem damals gerade mal etwa 25 Musiker umfassenden Blasorchester richtet er eine Jugendkapelle ein. Insgesamt, so stellte Maisch fest, habe sich Bruno Gießer um die Blasmusik verdient gemacht. „Sie wird heute in Vaihingen als wichtige Stütze der kulturellen Arbeit wahrgenommen und ist in allen Bevölkerungsgruppen fest verankert“, betonte Gerd Maisch. Darüber hinaus habe Gießer zusammen mit seinen Musikern die Stadt Vaihingen in weiten Teilen Deutschlands und Europas präsentiert. Auch für die Gestaltung der Maientage entwickelte Bruno Gießer unzählige neue Ideen, würdigte der Redner und fand: „Bruno Gießer ist eine Institution wie der Maientag selbst!“ In Anerkennung aller dieser Leistungen und Verdienste wurde dem scheidenden Musikdirektor auf Beschluss des Gemeinderates die bisher nur äußerst selten ausgegebene Bürgermedaille der Stadt Vaihingen verliehen.
 Eine weitere hochrangige Ehrung erhielt Bruno Gießer anschließend vom Vorsitzenden des Blasmusikkreisverbandes Ludwigsburg, Gerhard Krauss. Der Landesblasmusikverband Baden-Württemberg zeichnete ihn mit der „Professor-Erich-Ganzenmüller-Medaille“ in Gold aus. Dazu sagte Krauss unter anderem, Gießer habe es verstanden, seine Musikerinnen und Musiker zu beständiger Leistungssteigerung zu führen, was schließlich im herausragendsten Erfolg des Großen Blasorchesters Vaihingen bei einem Wertungsspiel im Frühjahr 2008 in Korntal-Münchingen gipfelte, als dieses in einer neu geschaffenen Leistungsstufe für fast schon professionell musizierende Orchester den ersten Rang erzielte.
Auch der Vizepräsident der Stadtmusik Dietikon in der Schweiz, zu welcher der MVV seit zehn Jahren freundschaftliche Beziehungen unterhält, Beat Rohner, würdigte die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Bruno Gießer. Als Geschenk zum Abschied überreichte er ihm nicht nur einen großen Schweizer Käse, sondern auch eine eigene Kuhglocke, denn ein solches Stück wurde dem MVV bereits von der Stadtmusik Dietikon einst verehrt, weshalb es im Musikpavillon einen festen Platz hat.
Eine treffende Laudatio hielt Ehrenvorsitzender Gerhard Scheck, der 1976, als Bruno Gießer seine Arbeit in Vaihingen begann, den MVV leitete. Scheck erinnerte unter anderem an die nachhaltige Überzeugungsarbeit Gießers, als es um die Frage ging, ob der Verein ein eigenes Haus benötigte. „Wir leisteten viele Arbeitsstunden und auch Bruno war beim Betonieren im Einsatz“, berichtete er. „Deine Ideen, dein musikalischer Weg waren oft für manchen nicht nachvollziehbar. Erst mit dem Erfolg konntest du uns alle überzeugen. Du hast das Orchester von der Biermusik zur Klassik, schließlich zum sinfonischen Orchester mit heute 80 Musikerinnen und Musikern geführt“. Auch Gerhard Scheck würdigte die wegweisenden Ideen für die Gestaltung von Konzerten zu unterschiedlichsten Anlässen, die heute feste Bestandteile im Kulturprogramm der Stadt Vaihingen seien. Die hervorragende Jugendarbeit trug überdies reiche Früchte, denn heute bilde der MVV über 200 Jugendliche an den verschiedensten Blasinstrumenten aus. Und deshalb habe der MVV beschlossen, Bruno Gießer zum Ehrendirigenten des Vereins zu ernennen.
Nach einer solchen Fülle von Ehrungen und Auszeichnungen, die Bruno Gießer während des Festaktes erhielt, der mit konzertanten Beiträgen des Klarinetten-Trios, des Flötenquartetts und des Saxofon-Ensembles musikalisch qualitätsvoll umrahmt wurde, trat er selbst an das Mikrofon, um sich tief bewegt dafür herzlich zu bedanken. Auch bei den Orchestermitgliedern bedankte er sich für die erfolgreiche und großartige Zusammenarbeit. Er sei gerne immer für den MVV da gewesen und deshalb weniger für seine Familie. Seiner Gattin Regina Gießer, die von Effi Münchinger und Gerhard Scheck zuvor einen großen bunten Blumenstrauß erhalten hatte, dankte er für das Verständnis. Minutenlang applaudierten die Besucher stehend dem zweifellos eher in den „Unruhestand“ überwechselnden Musikdirektor von Vaihingen.
Mit einer Musik-Gala und Kompositionen aus der Zeit der Romantik und Spätromantik verabschiedete sich am Samstagabend auf dem Gelände des MVV-Pavillons Musikdirektor Bruno Gießer von seinem Orchester und seinem Publikum. Dank der hochsommerlichen Temperaturen war das Konzert außerordentlich gut besucht. Das Orchester musste nach 23 Uhr noch vier Zugaben geben.

 

Gießers letztes Konzert

Vaihingen (wes). Bruno Gießer hatte zu diesem Anlass ein Programm zusammengestellt, in welchem populäre Teile aus Opern und Operetten, die bis auf zwei Ausnahmen im 19. Jahrhundert entstanden waren, geboten wurden. Und auch der von Daniela Seemann geleitete MVV-Projektchor erhielt erneut Gelegenheit, sich in sängerischem Glanz zu präsentieren. Doch gab es auch eine Überraschung, denn bevor das sinfonisch in allen Registern reich besetzte Große Blasorchester des MVV auf der Bühne Platz nahm, gab es dort drangvolle Enge, weil etwa 100 Nachwuchsmusiker Bruno Gießer zu dessen Abschied eine klangvolle Referenz erweisen wollten. Zunächst spielte die Schülerkapelle unter der Leitung von Claudia Wagner einen klassischen Marsch und bewies damit ihren beachtlich hohen Ausbildungsstand. Danach trat Frank Hönekop vor die Jugendkapelle und entfache mit den engagiert musizierenden Jugendlichen ein Feuerwerk nach Noten indem sie ein Medley aus der Filmmusik zu „Fluch der Karibik“ von Klaus Badelt ausführten. Beide Kapelle zusammen stimmten danach noch das „Te Deum“ von Marc-Antoine Charpentier an. Dieser „Vorspann“ zum eigentlichen Gala-Konzert des Abends wurde von den Zuhörern mit viel anspornendem Beifall bedacht.Im ersten Teil der Musik Gala standen nach der schwungvoll dargebotenen Ouvertüre zur Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ von Otto Nicolai Auszüge aus den Opern „Carmen“ von Georges Bizet und „Die verkaufte Braut“ von Bedrich Smetana sowie die Schnell-Polka „Leichtes Blut“ von Johann Strauß (Sohn) auf dem Programm. Mit diesen Aufführungen entfachten Bruno Gießer und das MVV-Blasorchester wieder eines der bekannten musikalischen Brillantfeuerwerke. Dazwischen war Thomas Krause in der Arie „Der Vogelfänger bin ich ja“ aus „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart“ mit wenig fülliger Bariton-Stimme zu hören. Zu Beginn des zweiten Teils stelle sich der MVV-Projektchors vor. Von einem in kleiner Besetzung musizierenden Orchester begleitet führten die ambitionierten Sängerinnen und Sänger, die sonst zum Teil auch in anderen Vereinen zu erleben sind, in zum Teil dekorativen Kostümen vergangener Zeiten zunächst die stets beliebte Chorszene aus Gustav Albert Lortzings Oper „Zar und Zimmermann“, allgemein als „Die Singschule“ bekannt. Darin möchte der wichtigtuerische Bürgermeister Van Bett der Stadt Saardam in Holland einen Lobgesang zu Ehren des „Kaisers aller Reußen“ mit dem Kirchenchor einstudieren. Den Solopart führte wieder Thomas Krause aus. Mit unüberhörbarer Sangesfreude und Gestaltungskraft führte der MVV-Projektchor die Szene sehr temperamentvoll auf. Auch der Hirtenchor aus der Schauspielmusik zu „Rosamunde“ von Franz Schubert erklang in der Darbietung durch den Chor überaus hell und freudig. Die Gesamtleitung der Aufführungen lag in den Händen von Daniela Seemann. Mit dem flott beschwingten „Boccaccio-Marsch“ von Franz von Suppé, der in rasantem Tempo dargebotenen Ouvertüre zur Oper „Russlan und Ludmilla“ von Michael Glinka, einer in vollendeter Klangfülle gespielten Aufführung der Melodie „Nessun Dorma“ (Keiner schlafe) aus der erst im 20. Jahrhundert uraufgeführten Oper „Turandot“ von Giacomo Puccini setzte das MVV-Blasorchester unter der Leitung von Bruno Gießer die Musik Gala fort. Noch einmal entfalteten die Musikerinnen und Musiker ihre unübertreffliche Musizierfreude und instrumentale Souveränität mit der furios endenden Ouvertüre zur Oper „Wilhelm Tell“ von Gioacchino Rossini. Das Abschiedskonzert von Bruno Gießer endete nach 23 Uhr unter tosendem, stehend gespendeten, nicht enden wollendem Applaus für den vier Zugaben gespielt werden mussten – zum Schluss (wer hätte es anders gedacht?) die „Alten Kameraden“ und der „Radetzkymarsch“.




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