Mittwoch, 23. Mai 2012

"Hat mich furchtbar wütend gemacht"




Die Notfallpraxis in Sersheim. Foto: VKZ-Archiv
Die Notfallpraxis in Sersheim. Foto: VKZ-Archiv

Sersheim (sr) – Den Zorn einer Angehörigen hat die Ärztliche Notfallpraxis in Sersheim auf sich gezogen. „Notfallpraxis, dass ich nicht lache!“, schreibt Claudia Klenk aus Sersheim. Vor wenigen Tagen habe sie sich an die Einrichtung gewandt – und war mehr als enttäuscht. Die VKZ hat mit dem leitenden Arzt, Dr. Andreas Ullrich, über den Vorfall gesprochen.
  Am vergangenen Wochenende hat Claudia Klenk etwas erlebt, „das mich so furchtbar wütend gemacht hat, dass ich es an die Leser der VKZ weitergeben möchte“. Morgens um 4 Uhr sei es ihrem Mann so schlecht gegangen, dass er um einen Arzt bat. Claudia Klenk: „Seit sieben Stunden hatte er wahnsinnige Magen-Darm-Beschwerden, was Fieber, Übelkeit, Kreislaufschwäche sowie ein riesiges Durstgefühl mit sich brachte.“ Er habe aber leider nichts bei sich behalten können. Die Sersheimerin rief in der Notfallpraxis an.
„Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen, als ich von der Dame am anderen Ende vernehmen musste, dass ein Mann mit 40 Jahren und der Indikation Durchfall kein Grund sei, dass man einen Arzt vorbeischicke“, schreibt Klenk weiter. Sie müsse ihren Mann schon in die Praxis bringen. Darauf habe sie erwidert, dass „ich ihn ja gar nicht von der Toilette bekomme weil er so schwach ist, dass er fast nicht mehr gehen kann, wir in Sersheim wohnen und ich meine 16 Monate alte Tochter dann in der Wohnung allein zurücklassen müsste“. Sie habe daraufhin zur Antwort bekommen, dass sie sich dann eben etwas einfallen lassen müsse. Die Helferin habe angeboten, dass sich gegen 7 Uhr ein Arzt melde.
Um 5.10 Uhr sei ihr Mann schließlich am Ende seiner Kräfte gewesen. Claudia Klenk wählte die Nummer der Rettungsleitstelle 19222. Dort sei sie darüber aufgeklärt worden, dass „die Notfallpraxen gesetzlich verpflichtet sind, einen Hausarzt zum Patienten zu schicken“. Unter diesem Aspekt habe sie nochmals in der Sersheimer Notfallpraxis angerufen und mit Nachdruck einen Arzt angefordert, welcher dann auch kam. Klenk: „Das Ende vom Lied war eine Einweisung ins Krankenhaus, da der Arzt feststellte, dass mein Mann dringend Infusionen bekommen müsse.“ In der Notfalldienstordnung der Kassenärzlichen Vereinigung Baden-Württemberg heißt es: „Besuche im Rahmen des Notfalldienstes sind nur dann auszuführen, wenn der Patient aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage ist, die Praxis des diensthabenden Arztes aufzusuchen.“
Die VKZ fragte bei Dr. Andreas Ullrich, leitender Arzt der Notfallpraxen Sersheim, Ditzingen, Bietigheim und Mühlacker, nach. Auf die Helferin, die in jener Nacht Dienst hatte, lässt Ullrich nichts kommen: „Die Dame ist eine tüchtige Kraft und ist seit mehreren Jahren bei uns. Ich unterstelle ihr, dass sie erkennt, ob Not im Verzug ist oder nicht.“
Ihre Schilderung des Vorgangs liest sich wie folgt: „Um zirka 4 Uhr Anruf von der Ehefrau des Erkrankten. Ihr Mann hätte seit Stunden Durchfall. Kein Fieber. Keine sonstigen Beschwerden.“ Die Kollegin am Telefon habe sich seines Erachtens korrekt verhalten. „Nach dieser Schilderung der Symptome war das kein Notfall“, sagt Ullrich. Ein 40-Jähriger mit Durchfall und ohne Fieber oder sonstige Beschwerden sei nicht als Notfall zu bewerten. Ein Hausbesuch wäre nach Andreas Ullrichs Meinung indiziert gewesen, wenn am Telefon beispielsweise Apathie oder Fieber über 40 Grad genannt worden wären.
Die Hauptaufgabe dieser Mitarbeiterin sei zu sondieren, wie die Lage beim Patienten ist. Ullrich: „Es werden viele unnötige Hausbesuche gefordert.“
Ullrich weiter: „Wir versuchen in der Notfallpraxis alles Mögliche und oft können wir die hochgesteckte Erwartungshaltung nicht erfüllen.“ Seiner Ansicht nach werde zu viel Wind um diesen Vorfall gemacht. Vor allem die Vorgehensweise der Angehörigen, sich gleich an die Presse zu wenden, missfalle dem Mediziner. Ullrich: „Ich begrüße es, wenn ich von Dingen, die nicht so gelaufen sind, Mitteilung bekomme.“ Am besten schriftlich. Es werde dann versucht, die Sache zu klären und der Patient erhalte eine Rückmeldung. Häufig handle es sich bei den Ursachen für Beschwerden um „Missverständnisse oder überzogene Erwartungshaltungen“. Falls es sich um eine Fehleinschätzung von Seiten der Notfallpraxis handle, sei man auch gerne bereit, sich zu entschuldigen. Ullrich: „Wir haben uns auch schon von Mitarbeitern getrennt.“
Zum Thema Rettungsleitstelle sagt der Mediziner: „Die hat uns nicht zu sagen, was wir tun sollen“. Hätte man es dort für nötig gehalten, „wären die mit Blaulicht losgefahren“. Ralf Pohl, Kreisgeschäftsführer des DRK-Kreisverbands in Ludwigsburg, sagt: „Die Rettungsassistenten, die auf der Leitstelle sitzen, sind geschult darin, beim Telefonat herauszufiltern, ob ein medizinischer Notfall vorliegt oder eben nicht.“ Wenn die Kollegen, wie in diesem Fall wohl geschehen, wieder an die Notfallpraxis verweisen würden, „gehe ich davon aus, dass kein akuter Notfall vorlag“, so Pohl.
Bei dem diensthabenden Arzt, der gegen 5 Uhr beim Hausbesuch bei dem Patienten Klenk war, habe es sich ebenfalls um einen erfahrenen Kollegen gehandelt, erklärt Andreas Ullrich weiter. Er habe den 40-Jährigen vorgefunden, der einen normalen Blutdruck und kein Fieber gehabt habe. Die Einweisung ins Krankenhaus zur Verabreichung von Infusionen sei laut diensthabendem Arzt aufgrund von Kreislaufproblemen geschehen.
Eine Einschätzung der Lage sei auch immer eine intuitive Entscheidung des Mediziners vor Ort, weiß der praktizierende Arzt Ullrich aus eigener Erfahrung. Zu den Vorwürfen von Claudia Klenk fügt er noch hinzu: „Wir waren nicht dabei.“ Insgesamt empfindet er die momentane Lage als unschön: „Wir wollen nur helfen und versuchen, den Karren einigermaßen oben zu halten und bekommen nur Knüppel zwischen die Füße geworfen“, klagt Ullrich.
Claudia Klenk zieht ihr eigenes Fazit aus den Vorgängen vom Wochenende: „Im schlechtesten Fall kann man von der Notfallpraxis keine Hilfe erwarten und steht mit seinem Elend unter Umständen ganz schön im Regen.“




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