Vaihingen (aa) – Brodelnde Unwetter waren angesagt. Doch in Vaihingen brodelte am Samstag nur die Tour de Ländle. „Wir haben Glück gehabt“, stand den Tour-Machern die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Rund 2500 Radler überfluteten am Samstag die Stadt unterm Kaltenstein, feierten nach 74 heißen Kilometern eine riesengroße Party. Gestern machten sich über 3000 Radler auf die Reise nach Schorndorf.
Samstagmorgen, Verkehrsübungsplatz Vaihingen. Geschäftiges Treiben auf der vor Hitze flirrenden Asphaltfläche. Die Mitarbeiter des Vaihinger Bauhofs schieben wieder mal eine Sonderschicht, karren Blumentöpfe an, stellen 400 Festgarnituren auf (Tischabstand exakt ein Meter fünfzig), sammeln Müll ein. Der EnBW-Schirm hängt schon seit Freitagmittag. Er ist doppelt vorhanden, wird am Sonntag gleich wieder in Reutlingen aufgestellt. 1000 Leute sollen unter dem 600 Quadratmeter großen Zelt, das am Haken eines Autoskrans hängt, Platz finden. Bei über 3000 erwarteten Gästen kann da nur gehofft werden, dass sich die Wettervorhersagen nicht bewahrheiten. Die Helfer der Vereine (MVV, TVV, MV Kleinglattbach, Bezirksfischer, VfB…) bauen Zelte, Pavillons und Getränkeinseln auf, stellen sich mental schon mal auf einen harten Arbeitstag ein. Und den werden sie bekommen…
15 Uhr, Eintreffen der Radler. So steht es in der Planung. Doch die ersten Fahrer sind schon eine Stunde früher da. Sie haben sich auf der Fahrt von Bad Rappenau nach Vaihingen vor das Führungsfahrzeug gemogelt. „Es war ganz schön anstrengend“, keucht an der Seemühlenkreuzung der Ensinger Ortsvorsteher Werner Rohloff, der mit einer Vaihinger Truppe, zu der verschiedene Stadträte und Bedienstete der Stadtverwaltung gehörten, die zweite Etappe mitgefahren ist. 22 Teilnehmer waren gemeldet worden. Für jeden Stadtradler zahlt die EnBW pro Kilometer einen Euro. Das Geld wird in Vaihingen der Lebenshilfe gespendet. Auch aus den umliegenden Gemeinden sind mehr oder weniger große Gruppen gebildet worden. Aus Oberriexingen ist zum Beispiel Stadtrat Erich Bannert dabei. Auch er ist vorneweg gefahren und steht schon frisch geduscht an der Straße, als das Hauptfeld eintrifft.
Um halb vier ist es dann soweit. „Bitte langsam fahren“, mahnt die Polizei die entgegenkommenden Autofahrer. In Roßwag werden heftig Fähnchen geschwenkt und es wird gerätscht. Das Vaihinger Begrüßungszeremoniell hält sich dagegen in Grenzen. Es verwundert nur ein wenig, dass der Tross über die Seemühlenkreuzung auf der Mühlstraße und nicht über den Alten Badplatz in die Stadt geführt wird. Aber immerhin kann hier die Polizeieskorte ungehindert agieren.
Chaos auf der Walter-de-Pay-Straße. Radler, wohin das Auge blickt. Michael Branik, der Moderator der Abendveranstaltung hat den denkbar ungünstigsten Moment ausgewählt, um nach Vaihingen zu kommen. Er steckt in seinem VW mitten im Pulk, kommt weder vor noch zurück. Die Helfer an den Ständen haben sich auf die Ausgabe von Wasser eingestellt, doch jetzt wird Bier verlangt: Der Ansturm auf die Zapfstellen ist gewaltig.
Im Feld ist auf Eugen Weiberle mit seinem Handbike angekommen. Der Hohenhaslacher Behindertensportler ist im Tross mitgerollt. „Es war einwandfrei“, freut er sich. Auch die Vaihinger Stadtradler trudeln allmählich ein. Mit dabei ist auch Bürgermeister Wilfried Nestle mit seiner Frau. Ihnen hat es sichtlich Spaß gemacht. Oberbürgermeister Gerd Maisch hat es indessen vorgezogen, die Heimatstadt zu hüten. „Ich fahr‘ bei der VKZ-Tour am 16. August mit“, verspricht er. Maisch freut sich, dass man mit dem Verkehrsübungsplatz ein solch tolles Gelände hat. „In der Stadt könnten wir das nie und nimmer machen.“
Es dauert, bis sich ein solch riesiges Feld einigermaßen orientiert hat. Wo ist der Info-Stand? Gleich am Eingang zum Festplatz steht er natürlich, doch er ist mit seiner Ensinger-Werbung nur schwer als solcher zu erkennen. Die Schilder hängen auf Kniehöhe. Wie komme ich zu meinem Quartier? Wo ist der Zeltplatz? Wo ist das Massagezelt versteckt? Fragen über Fragen prasseln auf die Damen hinter der Theke ein.
Zum Glück brennt die Sonne jetzt nicht mehr auf den Platz. Schwül ist es nach wie vor. Wird das Wetter halten? Das Vaihinger Tour-Programm mit dem Silent Jazz Trio, den Jedermännern des TV Vaihingen und der Musikschule SlapStick wird viel beklatscht. Die Stadtführungen sind dagegen nicht der große Renner. Nach einer anstrengenden Tour ist eher Erholung angesagt.
Ein Blick zum Zeltplatz am Stromberg-Gymnasium. Eng an eng stehen die kleinen Zelte. Das Gelände ist restlos überbelegt. Carola Acher, Sekretärin von OB Maisch, muss sich bittere Klagen anhören: „Es gibt zu wenig Toiletten, das Wasser ist eiskalt. Und das ist doch kein Zeltplatz auf den Steinen…“ Dan tröpfelt es zu allem Unglück auch noch. Im Osten steht eine dunkle Gewitterwand. Und in Hohenhaslach hagelt es.
Um 19.18 Uhr beginnt auf dem Verkehrsübungsplatz das Abendprogramm. „Lassen Sie sich durch das Wetter nicht jaloux machen“, ruft Michael Branik den Gästen zu. Rund 4000 Besucher – darunter viele Gäste aus der Stadt und der Umgebung – sind aufs Festgelände gekommen und freuen sich auf eine heiße Party. Branik mahnt dringend, bei der Tour einen Helm zu tragen und viel zu trinken (Wasser!). Dem kann sich der Vaihinger Polizeichef Gerd Eisenbein (so wird Gerd Esenwein genannt) nur anschließen. Es habe am Samstag alles aber wunderbar geklappt.
„Es lebe die Tour!“, dröhnt es aus den Lautsprechern. Die ersten Gäste stehen da schon auf den Bänken. Und dann geht‘s bei den „Blaumeisen“ ab. Die Party-Band hat im letzten Jahr an jedem Abend für Stimmung gesorgt und weiß, wie sie die Leute auf Tour bringt. Das „Duo Fantasy“ legt mit seichten Sommerhits nach. Und das Wetter hält tatsächlich. „Gott sei Dank!“, sagt Marion Erös vom Südwestrundfunk. „Das Wetter ist das A und O.“ Die brodelnden Unwetter haben Vaihingen verschont, die Tour des Ländle hatte eine Wetter-Oase erwischt.
Start nach Schorndorf
Vaihingen (aa) – Es ist nicht alles Party bei der Tour de Ländle. Beim Start an einem Sonntag gehört auch ein Gottesdienst dazu. „Geh aus mein Herz und suche Freud“, wird gesungen. „Kommen Sie gut miteinander in Schorndorf an!“, ruft Pastor Johannes Browa den Radler zu. Er und Pastoralreferent Christoph Knecht sowie Pfarrerin Regina Götz haben die kurze Andacht gestaltet.
Es brummt schon am frühen Morgen auf dem Verkehrsübungsplatz. Sonntags sind viel Tageseinsteiger zu erwarten. „Heute werden es garantiert über 3000 Teilnehmer“, schätzen Polizei-Einsatzleiter Eberhard Kerker und SWR-Tourchef Manuel Dörflinger. Man hat gehört, dass viele auch mit der Bahn in Richtung Vaihingen unterwegs sind.
Im Frühstückszelt geht der Käse aus, der Kaffee kann gar nicht so schnell gekocht werden, wie er verlangt wird. An den Bäckereien in der Stadt bilden sich lange Schlangen. Und auch die Tankstellen sind überlaufen. Die Tour de Ländle sorgt für einen Ausnahmezustand. Mehr oder wenige fitte Radler rollen an, werden mit Bussen aus ihren Quartieren herangefahren. Der Verkehrsübungsplatz gleicht einem riesigen Busbahnhof.
76,5 Kilometer warten bei der dritten Etappe auf die Tourgäste. Am AOK-Stand gibt es ein Streckenprofil. Knapp über 200 Meter hoch liegt der Startpunkt Vaihingen. Kurz vor dem Ziel in Schorndorf sind 419 Meter zu bezwingen (zwischen Hößlinswart und Rohrbronn). Die Strecke gilt als mittelschwer. Am Service-Stand herrscht Hochbetrieb, denn die Räder müssen rollen.
Marlies Blume, eine Kabarettistin aus Ulm, hat lockere Sprüche auf den Lippen. Sie kommt beim Tour-Volk blendend an. SWR-Radler Tommy Welzig gesteht, dass er am Samstag in Maulbronn ausgestiegen ist und nimmt sich vor, am Sonntag während der Fahrt keinen Alkohol zu trinken. Das ist auch der Tipp an die riesige Meute, die noch bei einer Gymnastik in Stimmung gebracht wird. Das gehört jeden Morgen dazu. Da ist halt doch wieder Party angesagt. So wollen es die Gäste.
OB Gerd Maisch bekommt ein Spezial-T-Shirt übergestreift. Darauf steht: „Du musch net, du derfsch.“ Maisch nimmt sich die Freiheit, nicht zu radeln. Das Ortsschild mit den Autogrammen der Mitwirkenden nimmt er gerne mit. „Wir haben ja neun Rathäuser, da finden wir schon einen Platz.“ „Dürfen wir auch ein drittes Mal nach Vaihingen kommen?“, fragt die Moderatorin. Man hört Gerd Maisch nicht nein sagen. Die Tour de Ländle hat schon einen Stellenwert für das Marketing einer Stadt.
8.32 Uhr. Dem OB wird eine Pistole gereicht. Drei Patronen sollen drin sein. Der Startschuss klappt beim ersten Mal. Gute Fahrt! Doch mit dem Fahren ist es zunächst nicht viel. Bis sich der Tross auf der Walter-de-Pay-Straße Richtung Hammelberg und Enzweihingen geschoben hat, vergeht gut eine halbe Stunde. Tour de Ländle ade!
Blitzschnell wird der Rest des Equipments abgebaut. Kurz nach 12 Uhr rollt noch „Willi“ vom Gefako-Markt Aldinger mit dem Gabelstapler vom Platz. Das Fest ist geschafft.

