Mittwoch, 23. Mai 2012

Drei Mann in einer Brühmulde


Team Oberriexingen in der Brühmulde. Foto: Rücker
Team Oberriexingen in der Brühmulde. Foto: Rücker

Notfallplan Team Oberriexingen: „Wenn die Bremsen versagen, dann fahren wir durch in die Enz und paddeln nach Oberriexingen.“ Frank Reichert, Pilot der rasenden Schweinebrühwanne, hat kurz vor Beginn des Seifenkistenrennens am letzten Sonntag Maßnahmen für eine Krise parat. In rekordverdächtiger Zeit – innerhalb von 48 Stunden, von Freitag bis Sonntag – schraubten und schweißten Reichert, Kai und Jens Thomas und Christian Buck ihre Juxkiste für das Rennen zusammen. Satte 348 Kilogramm Lebendgewicht der drei Insassen muss die rollende Brühmulde aushalten. Christian Buck bleibt – als Boxenluder oder Chefmechaniker, reine Ansichtssache – am Start zurück. Ergebnis des Konstruktions-Marathons der Oberriexinger ist ein „Ding, so breit wie ein VW Polo“, so Reichert.
Die Original Enzweihinger Schweinebrühwanne, verzinkter Stahl aus den 50er Jahren, wird von einigen älteren Semestern unter den Zuschauern erkannt und bewundert. Aufgepeppt haben die Oberriexinger das Gefäß mit hydraulischen, innenbelüfteten Scheibenbremsen, Lenkrad und Reifen sind von einem Golf GTI, Baujahr '80. Ein Auspuff von einem Chevrolet Apache Steppside Pickup, Baujahr '61 ziert die Flanke des Fahrzeugs.
Bei der Testfahrt am Sonntag überprüft Pilot Reichert nicht nur die Fahreigenschaften, sondern auch die Nervenstärke seiner Mitfahrer: Aus dem rasenden, insgesamt gut 500 Kilogramm schweren Geschoss, wirft er ein zuvor eingeschmuggeltes Pedal. Seine Anmerkung, die Bremse sei nun defekt, lässt den Blutdruck seiner Wannenbrüder hochschnellen. Da der Sinn für Humor eine sehr subjektive Sache ist, wird dieses zweite Bremspedal anschließend von Reicherts Mitfahrern konfisziert. Für die ultimative Sicherheit im Cockpit sorgen bei der Abfahrt Klassiker: Badekappen, die einige Jahrzehnte auf der gerippten Oberfläche haben, schützen die Schädeldecken der drei Fahrer. Die Mühen waren letztendlich von Erfolg gekrönt: Am Sonntagnachmittag wurden die vier Oberriexinger mit der Blechwanne mittels Zuschauerapplaus zu den Gewinnern der Juxklasse gekürt.
Wesentlich mehr Formel-1-Feeling als bei dem bulligen Wannenfahrzeug kommt beim Betrachten des „Lörcher-Mobils“ auf. Das Vaihinger Team, bestehend aus Papa Michael Lörcher, dem 17-jährigen Marc und dem zwölf Jahre alten Tim, bringen sozusagen eine Leichtmetallkonstruktion mit hölzernem Unterbodenschutz an den Start. Basis des Flitzers: Aluminiumschienen, gesponsert von der Firma Schober aus Hochdorf. Auflage vom Chef: Werbung anbringen und gewinnen, schmunzelt Michael Lörcher. Die Kiste der Lörchers hat eine bewegte Vergangenheit, die der gelernte Kraftfahrzeugmechaniker für die VKZ Revue passieren lässt. Reifen und Sitz stammen aus motorisierten Gokarts. Die Vorderräder der Seifenkiste rollten nach ihrem Dasein als Gokart-Bereifung am Bobbycar von Klein-Marc. „Die Kiste ist mitgewachsen“, sagt Vater Michael. Einige Jährchen gingen ins Land. Die Karriere der Fahrzeugteile ging anschließend als motorisiertes Gefährt für den mittlerweile acht Jahre alten Marc weiter. Dann traf das Spaßmobil das Schicksal der meisten Spielsachen: Es landete, zerlegt in seine Einzelteile, im Keller. Als die Lörcher-Burschen im Frühjahr Wind vom Seifenkistenrennen bekamen, wurde das Kellerdasein der Teile beendet. Das Fahrzeug musste neu konzipiert werden, weil aus dem süßen Kleinen ein großer Marc geworden war. Außerdem ist ein Motor für eine Seifenkiste sowieso tabu. Immer wieder hat das Team in den letzten Monaten gewerkelt und nun ist der Rennwagen fertig. Das Lenkrad eines alten BMW sorgt, „abgesägt, wegen der Beinfreiheit“, für die Manövrierfähigkeit. Hydraulische Bremsen bürgen für Sicherheit. Spektakuläres Accessoire: Der Bremsfallschirm eines Starfighters. „Der war mit einem Original-Durchmesser von 6,5 Metern viel zu groß“, sagt Vater Lörcher. Seine Mutter erklärt sich bereit, das Gewebe zu dezimieren. Mit Schrecken stellt sie an der Nähmaschine später fest, dass die Nadel Kilometer um Kilometer zurücklegt. Der Durchmesser wird schließlich auf 3,5 Meter gedrückt.
Auch der Bruder von Michael Lörcher wird ins Projekt involviert. Er stellt seine Radarpistole einer Spielzeugautomarke zur Verfügung. 48 Kilometer pro Stunde erreicht der Flitzer beim Testlauf. Als Fahrer gehen die Lörcher-Jungs an den Start, Vater Michael setzt sich nicht hinters Steuer: „Ich bin doch nicht verrückt!“ Er hat seine Rennfahrer-Karriere schon hinter sich. Als junger Bursche brauste er die Steilhänge auf Vaihinger Markung mit dem Leiterwägele runter.
Mit einer Wechselkarosserie hat das Team Sersheim/Sachsenheim verblüfft. Im Vorfeld konnten sich die Schulkameraden Max Schlotterbeck, Lucas Bäurle und Pino Laabs nicht einigen, für welche Fahrzeugklasse eine Seifenkiste gebastelt werden sollte. Resultat: die Wechselkarosserie. Beim Boxenstopp zwischen Ortsrennen und Juxklasse wurde das Gefährt schlichtweg umgebaut. Rund zwei Monate lang haben die drei mit den Vätern Marc Bäurle und Frank Schlotterbeck an ihrem Fahrzeug gebastelt. „Jeder hat eine Idee gebracht und das Ergebnis ist gut geworden“, freut sich Marc Bäurle. Bei der Tüv-Abnahme am Samstagnachmittag auf dem Baresel-Gelände kam das Team aber nochmal richtig in Wallung. Bäurle: „Die schlechten Bremsen wurden bemängelt.“ Da war eine Hauruck-Aktion angesagt. Papa Bäurle raste heim, um Material zu holen. Zusätzlich zur Fahrradhandbremse, die mit dem Fuß bedient wird, wurde eine abenteuerliche Holzprügel-Konstruktion eingebaut. Das Ergebnis: Tüv- und streckentauglich.         (sr)


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