Kleinglattbach (sr/p) – Er hat’s geschafft, der „Eiserne Ottmar“. Besetzt mit sieben Personen, darunter Honoratioren aus Kleinglattbach, absolvierte die Fahrrad-Draisine ihre offizielle Jungfernfahrt. Als Abschluss eines Schulprojekts entstanden, überzeugte der rote Schienenblitz unter anderem Ortsvorsteherin Sieglinde Kühnle: „Wir müssen überlegen, ob ich nicht einen Hausanschluss bekomme.“
Einen Hausanschluss bekommt die Kleinglattbacher Ortsvorsteherin wohl eher nicht. Der „Eiserne Ottmar“ wird vorerst eingemottet. „Wir hoffen, dass wir bei Schulfesten die Genehmigung erhalten, auf der 400 Meter langen Strecke zu fahren“, sagte Herbert Ade-Thurow, Lehrer an der Ottmar-Mergenthaler-Realschule (OMRS) und Leiter der Arbeitsgemeinschaft „Eisenbahn-AG“. Zum Abschluss ihres dreijährigen Eisenbahnprojekts „Stillgelegte Eisenbahnstrecken in unserer Heimat“ fuhr die „Eisenbahn-AG“ mit der selbst gebauten Draisine gestern auf 400 Metern städtischem Bahngleis zwischen Weinbergweg und Ensinger Straße in Kleinglattbach.
Das direkt am Kleinglattbacher Schulzentrum vorbeiführende Gleis der seit 2004 nicht mehr befahrenen Nebenbahn regte zur Konstruktion eines mit Fahrrädern angetriebenen Eisenbahnwagens an. Den Konstruktionsplan dazu entwickelten die Schüler Florian Angermaier, Robin Schelling und Julian Tauer unter der Anleitung von Herbert Ade-Thurow. Seit Ende der Osterferien wurde dann am „Eisernen Ottmar“ getüftelt. Einfachere Konstruktionsarbeiten konnten die Schüler selbst ausführen, aber das Zusammenschweißen des Rahmens und die Radaufhängung wäre ohne die Mitarbeit und technische Kompetenz von Hausmeister Klaus Rothmann nicht möglich gewesen. „Er hat die handwerkliche Raffinesse“, lobt Lehrer Ade-Thurow den Mann mit dem Schweißschein. Das Ergebnis der Arbeit – Ade-Thurow: „Des war scho a G’schäft“ – ist nicht nur optisch ansprechend, sondern bringt mit topografischer Hilfe bis zu 54 Kilometer pro Stunde auf die Schiene. Rund 150 Kilogramm wiegt das „Baby“, das die Jungkonstrukteure der achten Klasse aber problemlos umdrehen und auf den richtigen Kurs bringen können.
Fertige Bausätze mit einem Preis von zirka 5000 Euro sprengten das Budget der Eisenbahn-Fans. Um Materialkosten zu sparen, wurden daher für den Bau der Draisine nach Möglichkeit Abfallprodukte eingesetzt. So ist zum Beispiel die Sitzbank ein ausgedienter Schultisch und die zum Antrieb verwendeten Fahrräder waren bereits für die Schrottsammlung vorgesehen. Allein die Beschaffung der teuren Spurkranzräder bereitete anfangs Sorgen. Hier sprang die Firma Rentschler-Air aus Buchloe bei München als Sponsor ein. Firmeninhaber Andreas Rentschler war vor 20 Jahren Absolvent der OMRS und verfolgt noch immer mit Interesse die technischen Projekte der Schule. Für die Fahrproben musste von der Stadtverwaltung eine „Betriebsgenehmigung“ für die Gleisnutzung eingeholt werden. Zuvor musste aber der Profilfreiraum auf der knapp 400m langen Strecke von Dornen und Büschen frei geschnitten werden. Eine Arbeit, die von den Schülern der Klasse 8a übernommen wurde.
Hoch auf der roten Draisine verkündete Sieglinde Kühnle gestern nachmittag: „Ich fühle mich wie im Smart Cabrio“, was AG-Leiter Ade-Thurow als „große Auszeichnung“ empfand. Schulleiter Paul Rodach sah eine Verbindung zur aktuellen Klimadiskussion: Völlig ohne Emissionen, mit purer Muskelkraft, sei mit dem „Eisernen Ottmar“ die Fortbewegung auf der Schiene möglich. Und: Die Bremsen funktionierten ebenfalls. Auch wenn einer der Fahrer feststellte: „Der Bremsweg ist aber heftig.“
Der Draisinenbau ist in einem über 165 Seiten umfassenden und von der „Eisenbahn-AG“ erstellten Buch über die stillgelegten Strecken Vaihingen/Nord – Enzweihingen, Bietigheim - Freiberg/N und Ludwigsburg-Markgröningen beschrieben. Das Buch kann demnächst über die Schule zum Selbstkostenpreis von rund 30 Euro erworben werden.
