Der Ministerpräsident kommt und nur wenige wollen ihn hören. Am Donnerstagabend ist Günther Oettinger „Gast am Friedrich-Abel-Gymnasium“. Knapp 100 Zuhörer sitzen in der warmen Aula von Schloss Kaltenstein. Man ist extra von der gegenüberliegenden Schule in das Vaihinger Schloss ausgewichen, damit alle Gäste Platz finden. Jetzt zeigen sich mehr leere als besetzte Stühle. Das sei blamabel, sagen die Verantwortlichen schon nicht mehr hinter vorgehaltener Hand.
Eineinhalb Stunden nimmt sich der Regierungschef Zeit, um zu referieren und Fragen zu beantworten. Zwei Flaschen Wein schenkt Hans-Joachim Sinnl, Schulleiter des Friedrich-Abel-Gymnasiums, dem Gast. Und diese Gabe hat sich rentiert: Immerhin vermeldet der CDU-Politiker und Vaihinger Wahlkreisabgeordnete, dass es eine Genehmigung für eine Vertiefungsklasse auch für weitere Jahre gebe. Für dieses Pilotprojekt, bei dem Fünftklässler in zusätzlichen Stunden gefördert werden, haben Schule und Eltern beim Kultusministerium gekämpft. „Das Genehmigungsschreiben ist raus“, verkündet Oettinger.
Das ist die konkrete Nachricht an diesem schwülen Sommerabend. Der Rest ist Politik, Abwägungen, Kompromisse, geschliffene Rhetorik. Hans-Günter Peisch, Schulleiter des Stromberg-Gymnasiums beklagt die fehlenden Mathematiker unter seinen Kollegen. Da sei der „Markt“ bereits leer gefegt. „Wir brauchen Personal“, klagt Peisch, von Jahr zu Jahr werde man schlechter versorgt. Der CDU-Regierungschef, der den Weg aus der Schuldenfalle als oberstes Ziel propagiert, spricht davon, dass es trotz sinkender Kinderzahlen nicht weniger Lehrer gebe. Allerdings: Wenn die Wirtschaft wie derzeit boome, dann schnappe die Industrie die Wissenschaftler weg. Eine Möglichkeit, um genügend Naturwissenschaftler an den Gymnasien zu halten, seien Zuschläge. „Man bezahlt für einen Studienrat mehr, als für den Kollegen, der in der Wirtschaft nicht so nachgefragt ist. Das ist aber schon eine schwierige Sache“, überlegt Oettinger.
Hans-Joachim Sinnl, Schulleiter des Friedrich-Abel-Gymnasiums, moniert die mangelnde Verlässlichkeit des Regierungspräsidiums. Zum einen müssten die Lehrereinstellungen zeitlich vorangetrieben werden, zum anderen sei für 2009/2010 Spanisch am FAG zugesagt gewesen. „Das wäre eine absolute Notwendigkeit gewesen und wurde jetzt gestoppt.“ Darum will sich Oettinger kümmern („Schicken Sie mir einen kurzen Brief“), während die Lehrerverwaltung „unglaublich schwierig“ ist. Immerhin gebe es 100000 Lehrerstellen an den 4500 Schulen im Land.
Routiniert spult Oettinger die Eckpfeiler der Bildungspolitik ab. Über Kinderkrippen sei vor 20 Jahren noch gelacht worden, heute sei das Ziel, dass 35 Prozent der Kleinsten betreut werden können. Der Kindergarten sei zu einem Ort der frühkindlichen Bildung geworden: „Der Kindergarten wird zur Kinderschule.“ Die Grundschule bleibe im Dorf – „kurze Beine, kurze Wege“. Und für einen konservativen Politiker noch vor Jahren ein Unwort: Die Ganztagesschule werde die Regel; für 40 Prozent der Kinder werde bereits die Grundschule zur Ganztagesschule. Oettinger: „Die Schule der Zukunft muss ab 7 Uhr geöffnet sein, der Unterricht beginnt aber beispielsweise erst um 9 Uhr. Man muss sich dem Rhythmus der Gesellschaft anpassen.“
Und wenn der Ministerpräsident schon in Vaihingen ist, dann findet er auch die richtigen Worte – für sich und für das Publikum: „Unsere wichtigste Investition in Vaihingen sind die Lehrer.“
Ein Thema auch das G8, das – natürlich – in Baden-Württemberg auf gutem Wege sei. Den Wechsel von der Grundschule in die fünfte Klasse des Gymnasiums bezeichnet Oettinger zwar als „ziemlicher Härteprozess“, aber die Gesamtausbildung in anderen Ländern sei für Akademiker nunmal zwei bis drei Jahre kürzer. Bleibt zu wenig Zeit mit der Familie? Oettinger winkt ab: Samstags und sonntags sind unterrichtsfrei, es gebe lange Schulferien und viele Feiertage. „Wenn die Eltern sich ihrem Kind zuwenden, bleibt noch genügend Zeit für die Familie.“
Um 21.35 Uhr stoppen die beiden Moderatoren Alexander Kronenberg und Matthias Helf aus der Klasse 12 die Diskussion. Oettinger hat noch einen Folgetermin. Ganz so eilig hat es dann der MP doch nicht. Ein Viertele passt noch. Die Sicherheitsleute verdrehen die Augen und stürmen mit in Richtung Restaurant „Chancengeber“. Uwe Bögel
