Heute vor 40 Jahren: Tornado wütet in Neubärental
Vaihingen/Wurmberg – Heute vor 40 Jahren geschah das Unfassbare: Völlig unerwartet bildete sich über Pforzheim ein Tornado. Der Wind fegte über die Goldstadt und über Teile des Altkreises Vaihingen. Am heftigsten traf es damals den Wurmberger Ortsteil Neubärental: Kaum ein Haus blieb unbeschädigt, kein Baum konnte dem Sturm trotzen, Autos kippten um.
Plötzlich wurde alles dunkel. Am Himmel über Ittersbach bei Pforzheim spielten sich beängstigende Szenen ab: Aus dem Nichts entwickelte sich am Abend des 10. Juli im Jahr 1968 ein starker Sturm, der eine Art Riesenschlauch zum Boden hin austrieb. Damit hatte niemand gerechnet, auch die Wetterdienste nicht. An diesem Mittwoch vor 40 Jahren zeigten die Wetterkarten um 21 Uhr zwischen Straßburg und Stuttgart lediglich ein kleines lokales Tief mit mittleren Windgeschwindigkeiten. Doch dann wurden die Bewohner der Goldstadt, des Altkreises Vaihingen und des Landkreises Calw etwa 40 Minuten später von einem Tornado überrascht.
Mit 300 Kilometern pro Stunde fegte der Wirbelsturm über Neubärental und sorgte für Verwüstung. „Es gibt kaum Worte, um das Unheil zu schildern, das die von etwa 450 Menschen bewohnte Teilgemeinde von Wurmberg heimgesucht hat“, so formulierte es am 12. Juli 1968 die Vaihinger Kreiszeitung. Von den 114 Häusern, die damals in dem Ort standen und zum Teil erst kurz vor der Katastrophe gebaut worden waren, hat es etwa 100 erwischt: Dächer wurden abgedeckt, Fensterscheiben zertrümmert, Wände eingedrückt, Türen aus den Angeln gerissen. Rund 30 Gebäude wurden innerhalb von drei Minuten so stark beschädigt, dass die Bewohner Zuflucht bei Nachbarn suchen mussten. Drei Häuser zerstörte der Tornado komplett. Sogar Autos kippten durch den Sturm um und flogen zum Teil durch die Luft. Eine Frau wurde von Splittern am Hals schwer verletzt, drei andere kamen mit leichten Verletzungen davon.
Das Ausmaß der Zerstörung war unfassbar groß. Der Sturm zog zwischen Ittersbach und Wiernsheim einen Wüstenstreifen von 300 Metern Breite in die Landschaft. In Pforzheim starben zwei Menschen, der Schaden betrug in der Stadt etwa 100 Millionen Mark. Die Straßen von Neubärental lagen fußhoch voll Ziegelschutt. Eine Wellblechgarage flog etwa 300 Meter weit durch die Luft, ein schwerer Eisenträger wurde von einem Haus gerissen und ein paar Steinwürfe weiter metertief in den Boden gerammt. Die Friedhofsmauern stürzten ein, Gartenzäune und die Bedachung eines Bungalows flogen einfach davon. „Es war, als hätte ein Minenwurf ins Dorf eingeschlagen“, sagte der Landrat des ehemaligen Landkreises Vaihingen, Erich Fuchslocher, am Tag nach der Katastrophe. Er war es damals, der den Katastrophenalarm im Altkreis auslöste.
Sofort eilten Polizei, Feuerwehr, Rotes Kreuz und Technisches Hilfswerk in die Gemeinde. Dort wurden sie allerdings vor einige Probleme gestellt: Bäume blockierten die Zufahrtsstraßen und die Stromversorgung war unterbrochen. Der Tornado knickte Strommasten wie Streichhölzer. Im Wurmberger Rathaus wurde eine Kommandozentrale eingerichtet.
„Wie gemeinsame Not die Menschen zusammenschweißt, dafür gäbe es hier zahllose Beispiele zu berichten. Fantastisch und verbissen herrschte nur ein Wille: möglichst rasch entweder mit Ziegeln oder Dachpappe und Plastiküberzügen die Dächer noch vor Einbruch der Nacht dicht machen.“ Das schrieb die Vaihinger Kreiszeitung drei Tage nach dem Tornado. Wurden die Neubärentaler nach der Katastrophe noch vom Regen verschont, fiel am Tag danach schon Wasser vom Himmel. Damit nicht noch mehr Schäden durch die Feuchtigkeit entstehen konnten, wurden tonnenweise Dachziegel aus Mühlacker angeliefert.
Philipp-Marc Schmid
