Illingen (elf) – Er heißt Walerij Popow, ist ein Kosakenführer und reitet derzeit in einem mehr als 150 Tage dauernden Marathon-Ritt von Sibirien nach Paris. Doch in der Gemeinde Illingen scheint seine medienträchtige Aktion nun ihr vorzeitiges und unrühmliches Ende genommen zu haben. Da sich seine Pferde in schlechtem gesundheitlichen Zustand befinden, wurden sie vom Veterinäramt Enzkreis beschlagnahmt. Gleichzeitig sorgte Popow für einen größeren Polizeieinsatz im Ort und beinahe für einen Eklat im Neuen Schloss in Stuttgart.
Felicia Ruhland, Betreiberin des Illinger Gnadenhofs und Vorsitzende von „animal hope – Verein für Tiere in Not“, ist stinksauer: „Das kann doch nicht sein, dass es den Leuten an Courage gefehlt hat, den Mann schon vorher zu stoppen.“ Was der Frau die Zornesröte ins Gesicht treibt, ist ein zu Beginn gut gemeintes Projekt, das sich inzwischen zu einer selbstsüchtigen Aktion eines zu schnellem Ruhm gekommenen, armen Soldaten entwickelt hat.
Doch der Reihe nach: Am 24. März startete der Kosake Walerij Popow aus dem westsibirischen Kurgan gemeinsam mit seinem Begleiter Ruskan Menschikow in Sibirien zu einem 8000 Kilometer langen „Kosakenritt“ nach Paris, mit dem Ziel, Werbung für therapeutisches Reiten zu machen. Bereits in Moskau brach Menschikow die Reise ab, da dessen Schwester auf tragische Weise ums Leben kam. Popow ritt von da an alleine weiter – auf seinem Hengst, im Schlepptau eine Stute.
Unterwegs ist der Kosaken-Ataman (ein militärischer Gebiets-Führer) stets auf die Hilfe Dritter angewiesen. Zwar scheint er von seinem russischen Sponsor mit reichlich Geld ausgestattet zu sein, doch Unterkünfte, die auch für seine beiden Vierbeiner geeignet sind, müssen gefunden werden. Zumindest in Deutschland konnte er diesbezüglich auf die Hilfe der in Sachsenheim ansässigen Catharina-Pawlowna-Gesellschaft e.V. bauen, die sein Vorhaben ideell unterstützte. Bei dieser Gesellschaft handelt es sich um einen Verein zur Förderung der kulturellen Beziehungen zwischen Russland und Baden-Württemberg.
Als Walerij Popow auf seiner Reise nach Leipzig kam, wurde Ulrich Scheuffele, Vorsitzender des Vereins, über den miserablen Gesundheitszustand der Tiere informiert. Er nahm Kontakt mit dem Sponsor des Kosaken auf, damit der Ritt beendet wird – erfolglos. Für Popow, der seit seinem Start einen unwahrscheinlichen Presserummel genießt, steht offenbar nur noch der persönliche Ruhm im Vordergrund, vermutet Scheuffele. „Er hat den Kontakt zu uns inzwischen abgebrochen.“
Doch Scheuffele stellte das Wohl der Pferde über das eigene Interesse und ließ seine Kontakte spielen. Marianne Hehr, ein Mitglied der Catharina-Pawlowna-Gesellschaft, ist gleichzeitig auch zweite Vorsitzende des Vereins „animal hope“ in Illingen. Über sie stellte Scheuffele den Kontakt zum Illinger Gnadenhof her. Betreiberin Felicia Ruhland zögerte keine Sekunde, fuhr nach Leipzig und holte die beiden Pferde samt Reitersmann nach Illingen. Das war am 24. Juni.
Den Zustand der Pferde beschreibt Felicia Ruhland als „resigniert, kraftlos und erschöpft“. Schon in Leipzig sei sie entsetzt gewesen über den Blick der Stute. Später habe es folgende Diagnosen bei den Pferden gegeben: deformierter Rücken, Nachziehen der Hinterhand, durchgerittene Gelenkköpfe. „Diese Tiere weiterzureiten, wäre eine absolute Tierquälerei“, sagt Felicia Ruhland. Popow zeigte sich allerdings nicht einsichtig und beharrte darauf, seinen Ritt nach Frankreich fortzusetzen.
Seit vorgestern überschlagen sich die Ereignisse beinahe im Minutentakt: Felicia Ruhland sollte Popow mitsamt seinen Pferden nach Stuttgart bringen, wo er im Neuen Schloss zu einem Empfang der Landesregierung eingeladen war. Das Protokoll sah vor, dass er die Stute dem Gnadenhof schenkt. Doch dazu kam es gar nicht. Der Termin in Stuttgart wurde zehn Minuten vorher abgesagt, das russische Fernsehen konnte genauso unverrichteter Dinge wieder abziehen, wie der SWR und die versammelte Presse. Der Grund: Walerij Popow ließ den Termin platzen und zog es vor, direkt weiter nach Straßburg zu reisen. Felicia Ruhland sollte ihn mitsamt den Pferden fahren. Die verweigerte jedoch den Dienst, da es in Frankreich keinen vergleichbaren Tierschutz gebe. Als Popow die Pferde sattelte, rief Felicia Ruhland die Polizei. Inzwischen hatte das Veterinäramt die Pferde beschlagnahmt und festgesetzt, dass sie nicht mehr geritten sondern nur noch transportiert werden dürfen. Die Gnadenhof-Betreiberin sollte die Tiere geeignet unterbringen.
Walerij Popow machte sich unterdessen ohne Pferde aus dem Staub und suchte in Illingen nach Leuten, die ihn und seine Pferde mit dem Auto nach Straßburg bringen – ohne Erfolg. Da befürchtet werden musste, dass der Kosake auch gewalttätig wird, forderte die Polizei Unterstützung von einem zweiten Streifenwagen und den Hundeführern an. Auf der Terrasse des Gasthauses Adler in Illingen wurde Popow schließlich gefunden und darauf hingewiesen, dass er seine Pferde im Landkreis nicht mehr reiten darf.
Felicia Ruhland versuchte unterdessen zu erreichen, dass der Kosake seine Pferde auch außerhalb des Enzkreises nicht mehr reiten darf. „Das müssen wir verhindern“, sagte sie und erstattete Anzeigen wegen Tierquälerei. Mittlerweile schlug das Thema Wellen bis nach Frankfurt zum russischen Generalkonsulat und nach Berlin zur russischen Botschaft. Das Ergebnis: Noch gestern Nachmittag machte sich ein Vertreter des Konsulats auf den Weg nach Illingen, um sich dort gemeinsam mit Felicia Ruhland und Dr. Ulrich Dura, Abteilungsleiter des Verbraucherschutz- und Veterinäramts über Popow und seine Pferde zu unterhalten. Felicia Ruhland gab sich weiterhin kämpferisch: „Ich werde dafür sorgen, dass der keinen Zugang mehr zu den Tieren erhält.“
