Oberriexingen (sr) – Jetzt haben sie wieder Hochsaison: Jungvögel, die aus dem Nest plumpsen und bei manchen Menschen den Helferinstinkt wecken. Nicht alle der kleinen Gefiederten sind allerdings auf menschliche Hilfe angewiesen.
Da sitzt er nun, der kleine Spatz, mitten auf dem Gehweg. Wackelig ist er und noch bedenklich wenige Federn zeigen sich an seinem Körper. „Elvis“ nennen ihn seine Finder, eine Handvoll Kinder, die ihre Eltern alarmieren. Was ist zu tun?
„Wichtig ist, dass der Finder eines vermeintlich aus dem Nest gefallenen Jungvogels besonnen die Situation beurteilt und sich möglichst fachkundigen Rat einholt, bevor er handelt“, schreibt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) in seinem Infoblatt. Häufig handelt es sich bei den niedlichen Federknäueln nicht um dem Tod geweihte Waisen, sondern um noch nicht ganz flugfähige Jungvögel (Ästlinge). Während der ersten Flugversuche nach der Nestlingszeit stehen diese Jungtiere durch Bettelrufe mit ihren Eltern in Kontakt und werden von diesen weiterhin gefüttert. Bei solchen halbstarken Scheinwaisen sollte der Tierfreund beispielsweise nur eingreifen, wenn der kleine Vogel in einer Gefahrenzone sitzt. Dann darf der Piepmatz in die nächstmögliche, sichere Deckung getragen werden. Auch Nestlinge, also noch „unreife“ Jungvögel, können mit der Hand wieder ins Nest gesetzt werden. Denn, anders als bei vielen Säugetieren, verstoßen die Vogeleltern ihren Nachwuchs nicht, wenn ihm ein „Menschengeruch“ anhaftet. Häufig kann das Nest aber nicht aufgefunden werden oder befindet sich, wie im Fall des kleinen „Elvis“, viele Meter über dem Boden unterm Hausdach. Dann sollte der Jungvogel in menschliche Obhut genommen werden. Dies gilt ebenso für verletzte Exemplare. Falls es sich um einen leicht verletzten Burschen handelt, der fast flügge ist, kann beispielsweise an einem sicheren Platz in der Nähe des Fundorts ein Käfigoberteil über den Kleinen gestülpt werden. Diese Gittervorrichtung hält zumindest schwächere Feinde ab, die Altvögel können weiterhin füttern, und der Leichtverletzte genesen.
Klein-Spatz „Elvis“ hatte für einen nächtlichen Aufenthalt im Freien jedenfalls definitiv zu wenig Federn, strotzte ansonsten aber vor Energie. Eine Ziehmutter auf Zeit fand er in Judith Friedel-Reule vom Verein Vogelhilfe in Oberriexingen. Vor fast 20 Jahren gründete die ehemalige Lehrerin den Verein. Friedel-Reule: „Ich habe mich für alle Tiere schon immer interessiert.“ Rund 300 Vögel werden dort pro Jahr von der Vogelliebhaberin gepflegt. In der Hochsaison nimmt die Frau aus Oberriexingen bis zu zehn Vögel pro Tag in Obhut und wildert „fast jeden Tag aus“. Alfons Bräu aus Ditzingen, Vorsitzender des Tierschutzvereins Ditzingen, liefert drei Amsel-Nestlinge aus Nachbars Garten ab. Die Hausbewohner und die Amselfamilie hatten ein „zutrauliches Verhältnis“, da die Einflugschneise zum Nest über der Terrasse verlief. Daher fiel den Menschen auf, dass seit dem Morgen kein Altvogel mehr geflogen war. „Der Vater fehlte schon ein paar Tage“, erläutert Bräu, „und nun wurde das Weibchen zerrupft gefunden.“ Vor rund eineinhalb Wochen sind die Küken geschlüpft, stellt Friedel-Reule mit einem Blick fest. Die nackten Amseln sind ab sofort ein Fall für ihre Spezialfuttermischung: Karotten aus dem Babygläschen mit Eigelb, Gries, Aufzuchtfutter und Körnern, „die halten den Kropf rein“, erklärt die Ziehmutter. Halbstündlich bekommen die ganz Kleinen tagsüber Nahrung in den Schnabel geschoben. Rund 80 Prozent ihrer Pfleglinge würden überleben und ausgewildert, „auch die Blinden und Nackten können gedeihen“, sagt die Vogelpflegerin.
Von der Möwe über Krähen, Mauersegler bis zu den Singvögeln reicht die Bandbreite der Tiere, die in Oberriexingen aufgepäppelt werden. Ein bisschen traurig sei sie beim Auswildern schon, sagt Friedel-Reule, aber „die gehören in die Freiheit, bei mir werden die Tiere nicht zahm“. Die Hilfe für die Gefiederten schlage für den durch Spenden finanzierten kleinen Verein mitunter deutlich zu Buche, beispielsweise, wenn Rinderhack für die Rabenvögel auf dem Einkaufszettel steht. Jung-Sperling „Elvis“ sitzt nun mit zwei Artgenossen im Käfig und wartet auf Futter von Judith Friedel-Reule, deren Lieblingsvogel übrigens der Spatz ist.
Praktische Tipps für die Finder junger Vögel gibt’s beispielsweise im Internet unter www.wildvogelhilfe.org. Kontakt zu Judith Friedel-Reule, Vogelhilfe in Oberriexingen, telefonisch unter (07042) 12448.
