Mittwoch, 23. Mai 2012

Vaihingen muss auf Splitt umsteigen




Millimeterarbeit für Werner Dürr. Foto: Rücker
Millimeterarbeit für Werner Dürr. Foto: Rücker

Vaihingen (sr) – Die Schneemassen in diesem Jahr spalten. Freude und Leid über die weiße Pracht liegen eng beeinander. Kinder und Hunde jauchzen vor Glück, Schnee- und Räumdienste sind im Dauereinsatz und der Rest schwankt zwischen Freude und Nervenzusammenbruch.
 Zurzeit schlagen zwei Herzen in der Brust vieler Menschen. Auf der einen Seite pocht die Freude über den prächtigen Winter. Auf der anderen Seite hängt einem das Schneegeschippe und Scheibengekratze zum Hals raus.
 Die Streu- und Räumdienste sind in diesem Winter auf jeden Fall ausgelastet. Und ab morgen hat der Bauhof in Vaihingen kein Salz zum Streuen mehr auf Lager. Bauhofleiter Gerhard Kußmaul: „Wir haben keine Möglichkeit, in den nächsten 14 Tagen Salz zu bekommen.“ In den 18 Jahren seiner Tätigkeit in Vaihingen sei das noch nicht vorgekommen. Der Lieferant Wacker-Chemie in Haigerloch wird, wie viele andere Salzproduzenten, der Nachfrage nicht mehr Herr. Die Ursache sieht Kußmaul in den vielen Schneefällen, die seit Weihnachten über dem Bundesgebiet niedergehen.
Gestreut wird während der nun anbrechenden salzlosen Zeit mit Splitt aus den heimischen Steinbrüchen Zimmermann und Sämann. Da sei kein Mangel zu befürchten. Kußmaul: „Wir versuchen dann öfter zu streuen, wobei wir personell schon an der Grenze sind.“
Bauhofmitarbeiter Werner Dürr sitzt bei diesem Wetter dann, wenn andere noch seelig schlafen, schon hoch oben im Führerhaus des großen Räum- und Streufahrzeugs der Stadt Vaihingen. Ab drei Uhr bändigen sieben Fahrzeuge verschiedener Größe den Schnee auf den Straßen innerhalb der Gemeindegrenzen.
 Dürr und seine Kollegen haben’s nicht leicht. Vor allem parkende Autos machen ihnen das Leben schwer. Wenn der Räumdienst durch das Nadelöhr aus Fahrzeugen nicht durchpflügen kann, melden sich Anwohner und beschweren sich. Beim Parken sollten Autofahrer bei diesem Wetter an die Arbeit der Räumdienste denken. Wird aber ordnungsgemäß geräumt, schimpfen viele, weil der Schnee wieder auf dem mühsam freigeschippten Gehweg landet.
 „Wir fahren extra langsam, damit die Gehwege nicht wieder vollgeschoben werden“, sagt Dürr. Gegen 12 Uhr versuchen die Leute vom Winterdienst nach Hause zu gehen, denn schon abends könnte der nächste Einsatz mit dem Pflug drohen. Seit Ende Dezember hat Dürr Rufbereitschaft – in dieser Zeit heißt es Alkohol-Abstinenz üben. Dürrs Liebe zum Schnee ist vorerst erschöpft: „Mir reicht’s bis nächsten Winter.“
Bei der Straßenmeisterei Vaihingen sieht man der Zukunft eher gelassen entgegen: „Es ist kein totaler Engpass in puncto Streusalz zu befürchten“, sagt Axel Spanagel, stellvertretender Dienststellenleiter. Es sehe gut aus und es komme auch immer wieder Salz nach. Die Belieferung folge einer gewissen Priorität: erst die Autobahnmeistereien, dann die Straßenmeistereien, gefolgt von Bauhöfen und schließlich Baumärkten.
Harald Müller ist Geschäftsführer bei der Südwestdeutschen Salzwerke Winterdienst GmbH, von der die Straßenmeisterei Vaihingen ihr Streusalz bezieht. Er sitzt in Heilbronn 200 Meter über dem Salzstock. Müller: „Ware ist da, reicht aber nicht für alle. Wir produzieren in drei Schichten rund um die Uhr.“ Straßenmeistereien besitzen in der Regel – im Gegensatz zu Gemeinden – langfristige Verträge zur Salzlieferung, die aufgrund einer öffentlichen Ausschreibung zustande kommen. Diese werden zuerst abgearbeitet, wodurch Städte zurzeit mindestens vier Wochen auf Nachschub warten müssen.
Manche Zeitgenossen haben dagegen mit ganz anderen Dingen zu kämpfen. „Ich hätte mir beinahe auf der CMT Spikes fürs Fahrrad gekauft“, sagt beispielsweise Dr. Ulrich Schreiner aus Vaihingen. Aber dann habe sich die Investition für seine Zwecke doch nicht gelohnt. Aus Umweltschutzgründen, Leidenschaft und Überzeugung tritt der Dentist auch dann in die Pedale, wenn Frau Holle ihre Kissen ausschüttelt. Als wichtige Utensilien für den Winter-Radler nennt er Stirnband und Handschuhe. Schreiner: „Sieht zwar affig aus, hilft aber.“ Immer unverzichtbar ist für den Vaihinger der Helm: „Der Kopf fliegt immerhin aus 1,80 Meter Höhe.“ Außerdem fährt der Ruheständler fast immer mit Licht und baut auf drei Bremsen an seinen zwei Rädern.
Verlierer der Saison sind dagegen beispielsweise Gehbehinderte und Senioren, denen Eis und Matsch das Laufen erschweren. Auch Stubentiger mögen die weißen Flöckchen nicht leiden, weiß Katzenbesitzerin Regine Gathemann aus Vaihingen: „Katzen wollen’s eher warm und trocken.“ Die Gewinner im Schneetreiben sind ganz klar Kinder, wie Melissa und Sarah auf unserem Bild „Im Kasten“ zeigen.
Und Hunde. Die meisten Hunde geraten im Schnee in Ekstase, bohren mit der Schnauze in Schneehaufen und räkeln sich wolllüstig im kalten Bodenbelag. Friseurmeisterin Sabine Schiefer über ihre sieben Monate alte Labradorhündin Nelly: „Schnee ist das Größte. Da rennt die wie bekloppt rum – Leine los und ab und ich renn’ hinterher.“ Da könnte es sich lohnen, für den Sommer ein Schneehäuflein im Gefrierschrank zu konservieren.




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