- Im weiten Umkreis von Pforzheim ist alles im „grünen Bereich“. Im Oberzentrum sind die Privathaushalte hingegen überproportional verschuldet, wie Jens Schott, Chef der Pforzheimer Creditreform (links), und Vorstandsvorsitzender Andreas Fuhrmann am „Schuldneratlas“ auf den roten Fleck deutend verdeutlichen. Foto: Kollros
Pforzheim/Illingen (os). Zur „roten Laterne“ in der Arbeitslosenstatistik im Südwesten nimmt Pforzheim nach einer Untersuchung der Creditreform eine weitere unrühmliche Spitzenstellung ein: Die Stadt hat landesweit die höchste Schuldnerquote im Bereich der privaten Haushalte.
11,6 Prozent der Einwohner leben mit dem Makel, dass ihre zu leistenden monatlichen Gesamtausgaben höher sind als ihre Einnahmen. Die Auskunft stützt sich dabei auf verlässliche Quellen, wie der Geschäftsführer der Pforzheimer Kreditreform, Jens Schott, vor Journalisten darlegte: Jede eidesstattliche Versicherung und Privatinsolvenz und „nachhaltige Zahlungsstörungen“, also wenn sich erheblich verspätete Zahlungen häufen, fließt in die Bewertung ein, die bundesweit von jeder regionalen Creditreform erhoben wird.
Dass die Stadt Pforzheim „deutlich“ über dem Bundesdurchschnitt (9,09 Prozent) liege, korrespondiere Schott zufolge mit der Arbeitslosensituation in der Stadt. Wo Löhne und Gehälter wegbrächen, werde es für die Betroffenen immer schwieriger, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Auffallend sei in der Stadt auch die gravierenden Unterschiede nach Stadtbezirken: So werde die Negativliste im Postleitzahlbereich von der östlichen Innenstadt und Oststadt mit 15,45 Prozent angeführt, während in den nord- und südöstlichen Stadtbezirken von Eutingen über Haidach, Würm, Hohenwart und Huchenfeld mit 6,6 Prozent die Zahlungsmoral am höchsten sei.
Ähnlich differenziert ist das Bild beim Vergleich der einzelnen Kommunen in den Landkreisen. Im Enzkreis lag die Schuldnerquote im vergangenen Jahr bei 6,4 Prozent, im Kreis Calw bei 6,9 und im Kreis Freudenstadt bei 6,2 Prozent. Innerhalb des Enzkreises schwankte die Quote zwischen 8,3 (Neuenbürg), 7,8 (Eisingen) und 7,7 Prozent (Mühlacker) als Spitzenwerte und 4,6 (Kieselbronn), 4,8 (Tiefenbronn) und 5,0 Prozent (Neulingen) am anderen Ende der Skala.
Illingen liegt mit 6,2 Prozent knapp unter dem Kreisdurchschnitt.
Jens Schott konnte seiner Statistik aber auch die eine oder andere positive Seite abgewinnen: Gegenüber dem Jahr 2008 seien die einzelnen Quoten sowohl auf Landkreis- wie auch Gemeindeebene durchschnittlich zwischen einem halben und einem ganzen Prozentpunkt gesunken. Schott führt diesen Rückgang der Überschuldung einerseits auf die vielerorts in Anspruch genommene Möglichkeit von Kurzarbeitsmodellen zurück, aber auch den Rückgang der Arbeitslosigkeit seit 2006, was wieder mehr Schuldner in die Lage versetzt habe, ihren Schuldendiensten nachzukommen.
Nächstes Jahr könnte die Situation aber schon wieder ganz anders aussehen, dämpfte Schott aufkommenden Optimismus: Wenn wie prognostiziert die Arbeitslosenzahlen ansteigen und die Realeinkommen zumindest stagnieren würden, sei mit einer neuerlichen Überschuldung zu rechnen. Schott appellierte in dem Zusammenhang an die Privathaushalte, durch angemessenen Konsum einer Überschuldung selbst entgegenzuwirken.
Bedenklich hält Schott dabei die steigende Zahl überschuldeter Personen unter 30 Jahren, die sich bundesweit zwischen 2004 und 2009 um rund 300 000 erhöht habe. In fast allen anderen Altersgruppen sei die Betroffenheit rückgängig – mit Ausnahme der über 70-Jährigen, wo Schott eine wachsende Altersarmut prognostiziert. Es müsse frühzeitig entgegengewirkt werden, dass nicht in jungen Jahren Schuldenkarrieren begonnen würden, aus der man nur schwerlich wieder herausfinde.
„Wir würden es begrüßen, wenn mit diesen Veröffentlichungen auf politischer Ebene Gedanken angestoßen und an Stellschrauben gedreht würden, um die Situation für die Betroffenen zu verbessern“, stellte Schott in den Raum.