Mittwoch, 23. Mai 2012

Wertvolle Hilfe oder Missbrauchsgefahr?




So könnte eine Adressenliste im Handy aussehen, in der Nummern markiert sind, unter denen im Notfall Angehörige erreicht werden können. Foto: Küppers
So könnte eine Adressenliste im Handy aussehen, in der Nummern markiert sind, unter denen im Notfall Angehörige erreicht werden können. Foto: Küppers

Vaihingen (rkü). Wenn jemand nach einem Unfall oder aufgrund einer schweren Erkrankung bewusstlos zusammenbricht und ins Krankenhaus gebracht werden muss, treten zahlreiche Probleme auf. Um wenigstens die Information der Angehörigen zu erleichtern, gibt es die Möglichkeit, die entsprechenden Telefonnummern im Adressbuch des eigenen Handys speziell zu markieren.

Kettenbriefe können lästig sein, doch dieser hier erscheint gut gemeint: „Ambulanzfahrer und Notärzte haben vorgeschlagen, dass jeder in sein Handy-Adressbuch die im Notfall zu kontaktierende Person unter demselben Pseudo eingibt. Das international anerkannte Pseudo ist: ICE“ Diese drei Buchstaben sind die Abkürzung für die Worte „in case of emergency“, Englisch für „im Notfall“, und deuten darauf hin, welche Nummer angerufen werden sollte, wenn der Besitzer des Handy selbst seine Angehörigen nicht mehr verständigen kann.

Eine E-Mail diesen Inhalts ist derzeit wieder im Umlauf. Manche Menschen werben für die Kennzeichnung, andere raten von diesem Verfahren ab. Denn in vielen dieser Kettenbriefe wird darauf hingewiesen, dass „vom Roten Kreuz und den Rettungsorganisationen“ empfohlen werde, die Telefonnummern entsprechend zu kennzeichnen. Das ist allerdings nicht so, wie eine Nachfrage der VKZ ergab. Seitens des Kreisverbands Ludwigsburg des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sagte Pressesprecher Arnim Bauer: „Es wird sich keiner vom Rettungsdienst primär mit dem Handy beschäftigen. Erst einmal muss der Notfallpatient versorgt werden.“ Er stufte eine solche Kennzeichnung von Telefonnummern als „praxisfremd“ ein – aus Sicht des Rettungsdiensts. Beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), der im Kreis Ludwigsburg gemeinsam mit dem DRK den Rettungsdienst organisiert, hieß es: „Wir raten ohnehin davon ab, noch an der Einsatzstelle die Angehörigen zu verständigen.“ Maximilian Kaptur, beim ASB für den Rettungsdienst zuständig, erklärte seine Einschätzung so: „Eine fundierte Diagnose kann erst im Krankenhaus gestellt werden. Darum bringt es auch nichts, vorher irgendjemanden anzurufen.“ Ganz abgesehen davon, dass die Retter sich zunächst mit aller Kraft um die hilfsbedürftige Person kümmern.

Der ASB-Bundesverband hat sogar eine Erklärung veröffentlicht, weil dieses Thema oft zur Sprache kommt. Darin heißt es: „Die Weitergabe von Informationen über ein Unfallgeschehen ist eine höchst sensible Aufgabe, die mit höchster Professionalität durchgeführt werden muss und nur in den seltensten Fällen über das Mobiltelefon erfolgt.“ Die Kennzeichnung wichtiger Nummern mit dem Kürzel „ICE“ könne zudem Dritten, die an ein fremdes Handy gelangen, wichtige Aufschlüsse und eine missbräuchliche Nutzung ermöglichen, warnt der ASB.

Der Sprecher der Polizeidirektion Ludwigsburg, Peter Widenhorn, gibt allerdings zu bedenken, dass es später im Krankenhaus oder bei der Aufarbeitung durch die Polizei durchaus sinnvoll sein könne, wenn Telefonnummern der nächsten Angehörigen markiert seien. Für die ersten Maßnahmen an einem Unfallort aber sicher nicht. Und es sollte niemand auf die Idee kommen, dass unter diesen „Notfallnummern“ schnelle Hilfe angefordert werden könnte. Diese erreicht man am besten unter der europaweit gültigen Notrufnummer 112.




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