Oberriexingen (ub). Diese 35 Stimmen veränderten das Leben. Am 5. Juli wurde Werner Somlai mit knapper Mehrheit zum Bürgermeister von Oberriexingen gewählt. 27 Jahre lang war er Kämmerer in der 3100 Einwohner zählenden Stadt; jetzt steht er an der Spitze, trägt Verantwortung. „Und ich habe bis jetzt nur positive Stimmen gehört“, sagt er nach 100 Tagen im Amt.
Früher war der 56-Jährige ein reiner Zahlenmensch, „jetzt habe ich viel mehr Kontakt mit Leuten“. Aber das sei das, was er gewollt habe: „Ich gehe gerne mit Menschen um“, sagt er mit der souveränen Gelassenheit von vielen Jahren Verwaltungsarbeit. Dabei kann Somlai als neuer Schultes seine Vergangenheit als Finanzchef der Kommune nicht leugnen. Beim Haushaltsplan spricht er immer noch von „wir“, erläutert gerne die Steuerausfälle von 150000 Euro, erklärt die Rücklagenentnahme von 400000 Euro, beschreibt die negative Zuführungsrate, ist stolz darauf, dass es keine Steuererhöhungen und keine Erhöhungen der Schulden geben soll.
Das Großprojekt in der
Ortsmitte ist „Chefsache“
Die finanzielle Entwicklung der Stadt lässt der Bürgermeister nicht aus den Augen. Das ist Job und Passion zugleich. Aber jetzt kommen noch andere Sachen dazu, die er zur „Chefsache“ erklärt. So das Großprojekt Betreutes Wohnen plus Wohn- und Geschäftshaus in der Ortsmitte. Am kommenden Donnerstag ist der Spatenstich in der Kronengasse. Für rund fünf Millionen Euro erstellt die Firma Paulus Wohnbau GmbH aus Pleidelsheim 15 Seniorenwohnungen in der Kronengasse 6 und ein Mehrfamilienhaus in der Hauptstraße 6. In dem Wohn- und Geschäftshaus soll es ein Café geben, zwei Arztpraxen (Zahnarzt und Allgemeinmediziner) sowie fünf barrierefreie Wohnungen.
„Seit dem Jahr 2000 beschäftigen wir uns mit dem Projekt, jetzt geht es endlich los“, freut sich der Oberriexinger Bürgermeister. Mit 1,3 Millionen Euro ist die Stadt beteiligt. „Damit entsteht aber auch eine neue Ortsmitte in Oberriexingen“, sagt Somlai. Die Außenanlagen und die zwölf öffentlichen Stellplätze in der Tiefgarage sind der Part der Kommune. Und um dies finanziell zu schultern, hat die Verwaltung einen Aufstockungsantrag für Landesmittel gestellt. Somlai: „Das Ziel sind 250000 Euro mehr.“ Schließlich habe der Ministerpräsident bei der Verabschiedung von Willi Baur seine Hilfe bei Problemen angeboten. „Der Herr Oettinger hat schon einen Brief von mir bekommen“, schmunzelt Somlai. Wichtig sei jetzt aber, dass die Bevölkerung sehe, dass in der Ortsmitte etwas passiere. Bekanntlich ist bei dem Vorhaben schon ein Investor abgesprungen.
Somlai, der es klar als Vorteil sieht, wenn ein Bürgermeister aus dem Finanzwesen kommt, zieht eine zufriedene Bilanz seiner ersten 100 Tage. Langweilig sei es nie geworden und er habe bis jetzt nur positive Stimmen gehört. „Der hängt sich rein“ sage man – kein Wunder, wenn an manchen Tagen noch um 22 Uhr Licht in seinem Amtszimmer brennt. 30 Wochenenden sind in diesem Jahr bereits durch Termine belegt und Somlai hat nichts dagegen, wenn ihn die Leute „draußen“ als „sehr freundlichen“ und „zuvorkommenden“ Bürgermeister bezeichnen.
Das freut den Schultes, denn das ist auch seine erklärte Art, will aber dennoch hinterherschieben, dass er in der Sache „durchaus hart“ sein könne. „Ich denke schon, dass man mit mir ganz gut auskommen kann“, sagt Somlai. Dafür spreche auch, dass er sich in den ersten 100 Tagen als Chef im Oberriexinger Rathaus noch nicht geärgert habe – „aber vielleicht bin ich auch ein Meister im Verdrängen“, lacht der Verwaltungschef.
Dabei will Somlai in seiner Arbeit auch neue Wege gehen. Demnächst soll in der Kelter die Beleuchtung aufgerüstet werden, da hier die örtlichen Künstler eine Ausstellung installieren wollen. Da ist Somlai dabei, „denn ich will Schwung und Leben in die Stadt bringen“. Die Öffnungszeiten im Rathaus will Somlai erweitern, im Juni will er zusammen mit den Bürgern eine Ortsbegehung veranstalten. Aktuell feilt der Bürgermeister an seinen Französischkenntnissen. Am 16. Januar findet in der Partnergemeinde Ennery in Frankreich der Neujahrsempfang statt – mit der Familie Somlai, Vorgänger Baur und Holger Großkopf als Bindeglied der Partnerschaftsausschüsse als Gäste. Bei dieser Gelegenheit will Somlai seine Rede auf Französisch halten.
Nach der Wahl: Die
Leute mit ins Boot holen
Die Grabenkämpfe vor der Bürgermeisterwahl im letzten Jahr sieht Somlai als passé an. „Das macht keinen Sinn.“ Und er habe versucht, alle Leute, die mitmachen wollen, ins Boot zu holen. Somlai will in seiner Arbeit Begonnenes fortführen und Grundsätzliches auf den Weg bringen. Auf der Agenda für 2010 stehen so der Ausbau der Brunnengasse (200000 Euro) genauso wie die Fortschreibung der Flächennutzungsplanung („Es wäre ein Witz, wenn wir von der Region keine Fläche mehr zugesprochen bekommen“) und eine Stadtentwicklungskonzeption als unverbindliche Selbstverpflichtung für die künftige Richtung des Wachstums. Somlai hat die Erweiterung der Urnenwand auf dem Friedhof ebenso im Blick wie einen Neujahrsempfang in Oberriexingen („der Vaihinger Empfang am Dreikönigstag hat mir gut gefallen“).
Nach einer Stunde Gespräch drängt Somlai zum Aufbruch. Er muss nach Bönnigheim, um dort die Diakoniestation zu besichtigen. Dabei geht es um die Tagesbetreuung in der künftigen Seniorenwohnanlage. Somlai ist vor und nach dem Spatenstich gefordert, denn er hat das Projekt nachdrücklich zur „absoluten Chefsache“ gemacht.
