Mittwoch, 23. Mai 2012

Auf Streife mit der Polizei




Kontrolle der Polizei in der Silvesternacht. Foto: Bögel
Kontrolle der Polizei in der Silvesternacht. Foto: Bögel

Vaihingen (ub). Den Paragraf 23, Absatz 1, der ersten Verordnung zum Sprengstoffgesetz hat Mustafa Binici in dieser Nacht immer griffbereit. Diese Gesetzesänderung gibt in diesen Stunden die Arbeit der beiden Polizisten in Vaihingen vor. Sie wollen aufklären, warnen, ermahnen. Aber irgendwie sind sie in dieser Nacht auch Spaßverderber. Das wissen sie. Aber der Job muss gemacht werden.
Raketen, Knallkörper, Schwärmer und Heuler dürfen nicht in unmittelbarer Nähe von Kirchen, Krankenhäusern, Kinder- und Altenheimen abgebrannt werden. Das ist bekannt. Seit dem 1. Oktober dürfen diese pyrotechnischen Gegenstände aber auch nicht mehr in unmittelbarer Nähe von Fachwerkhäusern gezündet werden. Wer gegen diese gesetzliche Festlegung verstößt, handelt ordnungswidrig und kann mit einem Bußgeld bis zu 50000 Euro belangt werden. Das wissen die wenigsten.
Die Kommissare Mustafa Binici und Ruben Wald von der B-Schicht des Polizeireviers Vaihingen sind am Donnerstag ab 22 Uhr unterwegs. Ihr Auftrag ist darauf zu achten, dass diese gesetzliche Regelung eingehalten wird.
„Es ist angebracht, im Vorfeld zu kontrollieren. Punkt zwölf Uhr macht es keinen Sinn, wenn die Polizei mittendrin steht“, sagt Binici, an diesem Jahreswechsel Dienstgruppenleiter.
Um 22.30 Uhr biegt der Streifenwagen in den Sämann-Parkplatz in der Vaihinger Innenstadt ein. Zwei junge Männer lassen Kracher in den Himmel steigen. Sie sind mit der Knallerei fast fertig – „das ist die Wirtschaftskrise“, sagen sie. Wegen der Kontrolle sind sie überrascht. Noch ein Schuss, dann wir ordentlich der Müll eingesammelt. Bei der Stadtbücherei sprechen die beiden Polizisten eine Gruppe Kinder an. Binici konfisziert einen Kracher: Der Böller darf nur von Personen von über 18 Jahren bezogen werden. Ein Erziehungsberechtigter ist nicht in der Nähe und der Bursche ist gerade 14.
Wenig später geht es zu Fuß durch die Fußgängerzone. Es ist ruhig, sehr ruhig. Auch der Funk im blau-weißen Streifenwagen schweigt. Bei der Fahrt nach Sachsenheim sind die Straßen ausgestorben, keine Menschenseele. Wird in diesem Jahr bescheidener gefeiert? Hat die Krise die Laune verdorben? Kommt das dicke Ende noch? Es ist noch Zeit bei der Streifenfahrt zu philosophieren. Binici und Wald geben zu, dass es schwierig ist, das Gesetz umzusetzen. Beim Landratsamt in Vaihingen sprechen die beiden Kommissare eine Familie an, die mehrere Kracher in den Händen hält. „Hier sollte nicht geschossen werden“, sagen die Polizisten. Doch wo dann? Auf beiden Seiten herrscht ein wenig Ratlosigkeit.
Kurz vor zwölf fahren wir den Kornberg bei Enzweihingen hoch. „Hier haben wir das Feuerwerk im Blick und sind schnell wieder in der Stadt“, meint Binici. Denn die Festlaune möchte die Polizei den Feiernden nicht vermiesen. Sich im Hintergrund halten, ist die Taktik. Bevor die beste Position gefunden ist, kommt der Einsatzbefehl; wilde Knallerei in der Vaihinger Innenstadt. Flott lenkt Ruben Wald den Streifenwagen über die Feldwege. In der Auricher Straße in Vaihingen ist erst einmal Schluss. Menschen, Rauch und Böller versperren den Weg. Auch auf dem Marktplatz knallt es ohrenbetäubend. „Es ist aber weniger als letztes Jahr“, weiß ein ehemaliger Stadtrat. Ein Anwohner deutet aufs Rathaus: „Die Fenster und die Uhr werden wieder bewusst beschossen.“
Die beiden Streifenbeamten sprechen gezielt die Gruppen auf dem Marktplatz an. Viel Verständnis ernten sie nicht. Ein Bewohner bruddelt die beiden Beamten an: „Da kannsch koi Furz mehr mache.“ Das neue Gesetz gängle die Menschen, sei vor allem für die Kinder schlimm. Vor dem Naturkostladen sind Binici und Wald in eine Diskussion verwickelt. Eine Schreckschusspistole wandert erst einmal in Polizeigewahrsam. Denn ohne kleinen Waffenschein darf dieses Schussgerät nicht mitgeführt werden, ansonsten ist es ein Vergehen. Um uns herum krachen die Böller, Raketen schießen in den Himmel, Knallkörper spucken ihre Ladung aus. Es ist ein bisschen wie Don Quijote und sein Kampf gegen die Windmühlen.
Die Präsenz der Beamten wird aber von einigen auch honoriert. „Es ist gut, dass die da sind.“ Denn die Gefahr, dass eine Rakete ein Fachwerkhaus in Flammen setzt, ist immer da – siehe Tübingen, siehe die Heilbronner Straße in Vaihingen vor einigen Jahren, siehe die Auricher Straße im letzten Jahr. „Man kommt sich schon als Spaßverderber vor“, gibt Binici zu. Aber vielleicht wird einigen bewusst, dass es nicht ungefährlich ist, in alten Innenstädten wild mit Raketen zu feuern.
Mit Blaulicht geht es zum Vaihinger Eck. Mit weit über 100 brettert der Wagen durch die Stuttgarter Straße. Bei der Tankstelle sollen Unbekannte Böller unter fahrende Autos geworfen haben. Zu entdecken ist niemand, zwei Mädchen sagen, dass ein paar Jungs Richtung Innenstadt gerannt seien.
Es ist 1 Uhr. Auf der Heilbronner Straße fegen die beiden Polizisten noch die Reste der Knallerei von der Straße. Kurz Pause; der Dienst geht noch bis halbsechs. Und die Einsätze in der Silvesternacht sind nicht vorbei. „Oftmals geht es um diese Zeit erst los“, sagt Wald. Alkohol, Streit auf der Party, Verletzungen, Schlägereien, Ruhestörungen. Die Nacht dauert an. Binici gestern Nachmittag: „Es gab für uns noch viel zu tun.“




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