Schwieberdingen (ub) – Bundes- und Landtagsabgeordnete waren beim Bauerntag gestern Nachmittag in Schwieberdingen Mangelware. Die Politiker waren mit Haushaltsberatungen und Konjunkturpaketen beschäftigt. Die knapp 500 Besucher beim Treffen des Bauernverbandes Heilbronn-Ludwigsburg hatten agrarpolitische Probleme auf der Agenda.
Zum 35. Mal fand der Bauerntag in der Turn- und Festhalle in Schwieberdingen statt. Hauptredner war der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, der bereits einmal vor elf Jahren zu Gast war.
Für den Verbandsvorsitzenden Eberhard Zucker (Vaihingen) ist der Bauerntag auch Gelegenheit, die Sorgen und Nöte seines Berufsstandes öffentlich zu machen. So berichtete er von einer „dramatisch verschlechterten“ Marktsituation in allen landwirtschaftlichen Bereichen. Kritik übte Zucker an der fehlenden Gleichbehandlung innerhalb der EU – Stichwort; unterschiedliche Produktionsvorgaben, an den nationalen Gesetzen – Stichwort: der höchste Steuersatz für Agrardiesel in Deutschland, am fortschreitenden Flächenverbrauch zu Kosten der Landwirtschaft.
Der Chef des Bauernverbandes Heilbronn-Ludwigsburg mahnte an, dass die Landwirte nicht nur in Wahljahren interessante Gesprächspartner für die Politiker sein sollten. Zucker appellierte in seiner Rede auch an die Solidarität seiner Berufskollegen: „Die Landwirte müssen an einem Strang ziehen. Es gibt noch viele Baustellen.“
Diese Aufforderung unterstrich auch Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch vom Ministerium für Ländlichen Raum. Sie bezeichnete die Landwirtschaft als Boom-Sektor mit unglaublicher Dynamik. Die Nachfrage nach Agrarrohstoffen sei nach wie vor größer als das Angebot. So habe Deutschland im vergangenen Jahr für 53 Millionen Euro Agrarprodukte und Lebensmittel exportiert. Trotz der unbefriedigenden Erträge für Ferkelhalter, Milchbauern und Getreideproduzenten stehe die Landwirtschaft vor einer epochalen Herausforderung – Gurr-Hirsch: „Es geht um die Sicherung der Welternährung.“ Die Landwirtschaft müsse sich weiter regenerativer Energien zuwenden, sie müsse sich der Klimaveränderung anpassen. Das gehe aber nur durch motivierte und gut ausgebildete Betriebsleiter.
Erstmals gab es gestern beim Bauerntag ein Hofschild für Ausbildungsbetriebe im Kreisbauernverband. Aus dem Verbreitungsgebiet der VKZ bekam Armin Schmid vom Oberriexinger Lindenhof die Plakette.
Thema Flächenverbrauch: Hier zweifelte Verbandsfunktionär Zucker den hohen Bedarf an Siedlungsfläche an. Zwar seien gewisse Entwicklungen nötig, doch die großzügige Ausweisung und dann das Schauen, ob überhaupt etwas passiere, sei wenig sinnvoll. Bei den Ausgleichsmaßnahmen regte Zucker Alternativen an, damit nicht Fläche mit Fläche ausgeglichen werde.
„Beim Flächenverbrauch rennen Sie bei mir offenen Türen ein“, sagte der Ludwigsburger Landrat Dr. Rainer Haas in seinem Grußwort. Der Chef der Kreisverwaltung wies darauf hin, dass der Landkreis mit dem „grünen Kompetenzzentrum“ im Ludwigsburger Schlösslesfeld, wo der Fachbereich Landwirtschaft, die Kreisobst- und Gartenbauberatungsstelle, das Ernährungszentrum, die Flurneuordnung und die Geschäftsstellen des Bauernverbandes und der Landfrauen untergebracht sind, beste Voraussetzungen für ein kompetente Landwirtschaftsverwaltung habe. Haas unterstrich am Freitag in Schwieberdingen, dass man die Vorbehalte gegen Gentechnik ernst nehmen müsse. „Die Landwirte hätten freilich keine Veranlassung, Gentechnik einzusetzen, da es aktuell keinen Markt für gentechnisch veränderte Lebensmittel gebe.“
Optimismus pur
Schwieberdingen (aa) – „Wir können was, wir sind wer, uns gehört die Zukunft!“ Gerd Sonnleitner, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, strahlte gestern beim Bauerntag Optimismus pur aus und wollte die Augen öffnen für Chancen. Da wurde es manchem Landwirt fast bange. Sonnleitner: „Mit Optimismus haben wir mehr Erfolg als mit der angezogenen Handbremse.“
Über eine Stunde schwörte der 60 Jahre alte Chef der deutschen Bauern die Berufskollegen in „dieser paradiesischen Region“ auf die Zukunft ein, bat sie dringend, die Kräfte zu bündeln, Stärke und Geschlossenheit zu zeigen, auch wenn man als Bauer genetisch eher ein Einzelkämpfer sei. Man müsse „aldi- und lidlfest“ werden, „denn die kennen in den Verhandlungen keine Gnade“.
„In der Landwirtschaft steckt Zukunft“, rief der Bayer, der im Landkreis Passau einen 100 Hektar großen Hof sein eigen nennt (den wohl eher Frau und Sohn umtreiben), den über 500 Bauern aus den Kreisen Ludwigsburg und Heilbronn zu. Die Zahl der Landwirte sei von 810000 auf 8150000 angestiegen. Insgesamt müsse man doch eher die Lichtblicke am Horizont sehen, war der Appell. Natürlich laste noch ein schlimmer Druck auf der Milch, doch der Binnenmilchverbrauch steige wieder. Bei den Rapspreisen gehe es aufwärts, bei den Ferkeln habe man die schlimmsten Zeiten hinter sich. Er habe als Präsident 2008 die schlimmsten Preisausschläge, an die er sich erinnern könne erlebt.
Inzwischen müsse aber jedem klar sein, dass man in der Marktwirtschaft angekommen sei. Er, Sonnleitner, sei ein Verfechter der sozialen Marktwirtschaft. Es müsse geschützte Bereiche geben, um ein Gleichgewicht der Kräfte zu erreichen. Die EU dürfe die Marktsicherungen nicht ganz abbauen: „Andere Gunstregionen würden uns überrollen.“ Und es könne nicht sein, dass man sich im europäischen Binnenmarkt mit Konkurrenten messen lassen müsse, die den Diesel nicht besteuern: „Machen wir es wie Frankreich, dann sind wir glücklich.“
Sonnleitner („Ich wäre manchmal lieber Weinbaupräsident, den Winzern geht es gerade richtig gut“) rief dazu auf, jetzt zu investieren, „damit wir beim Aufschwung dabei sind“. Man könne in die Raiffeisenbanken Vertrauen haben. Die allgemeine Krise erwische sicher auch die Bauern, denn der Ruf nach immer billigeren Lebensmittel werde lauter. Doch die Märkte würden sich auch unabhängig von der Krise bewegen. Beklagt wurde das heillose Durcheinander von Grenzwerten des Lebensmitteleinzelhandels und die Wut bei der Schaffung von Ausgleichsflächen: „Die agrarische Nutzung ist der höchste ökologische Ausgleich.“
Kommentar von Eberhard Zucker: „So stellt man sich einen Bauernpräsidenten vor.“
