Vaihingen – Die Auswirkungen der Finanzkrise halten die Welt in Atmen. Überall ist die Rede von Auftragseinbrüchen und Kurzarbeit. Doch wie stehen die Unternehmen in und um Vaihingen in der Krise da? Die Vaihinger Kreiszeitung hat sich umgehört.
- Großbuchbinderei Wennberg: Die Vaihinger Großbuchbinderei Wennberg, die im vergangenen Jahr erst expandiert hat, hat die Finanzkrise in Form von Auftragsrückgängen zu spüren bekommen. Die Vaihinger produzieren unter anderem Kataloge für große Unternehmen. Das Geschäft mit Kunden aus der Automobilbranche ist um rund 20 Prozent eingebrochen. Deshalb denkt Geschäftsführer Martin Wennberg über Einsparungen nach. Für einen Teil der 150 Mitarbeiter ist Kurzarbeit im Gespräch. Außerdem hat die Unternehmensführung einen Einstellungs- und Investitionsstopp verfügt. „Die Banken halten aber trotz der Krise zu uns und sind zuverlässige Partner“, sagt Wennberg. Sorge mache dem Unternehmer jedoch, dass die Zeit ab März für ihn nicht mehr planbar sei.
- Bonbonfabrik Jung: „Unser Unternehmen ist gesund“, sagt Stefan Kühlbrey, Geschäftsführer der Bonbonfabrik Jung in Kleinglattbach. Das Unternehmen produziert seit längerer Zeit hauptsächlich Werbeartikel. „Werbung wird immer gemacht“, erläutert Kühlbrey. Zwar habe die Automobilbranche die Auflagenhöhe ihrer Aufträge reduziert. Auswirkungen habe das jedoch frühestens im zweiten Halbjahr 2009. „Wie sich das auswirkt, kann ich aber noch nicht sagen.“ Nur so viel sei sicher: Kurzarbeit und Einsparungen sind nicht geplant. Das Unternehmen mit seinen 205 Mitarbeitern in Vaihingen und Kleinglattbach kommt bisher ohne Finanzhilfen aus.
- Behr: Die Branche der Automobilzulieferer erwartet für das Jahr 2009 einen Auftragsrückgang von 20 Prozent, bei Lastwagen sind es sogar 50 Prozent. Das hat auch Auswirkungen auf das Vaihinger Werk von Behr. Die Mitarbeiter wurden darüber informiert, dass ab Februar nur noch an vier Tagen pro Woche gearbeitet wird. Zuvor mussten befristet angestellte Mitarbeiter und Leasingkräfte gehen. Außerdem gab es eine verlängerte Weihnachtspause. In Vaihingen produziert Behr Kupplungen und Lüfter für Pkw- und Lkw-Hersteller.
- AMZ Rolf Ziegler: Die Illinger Magnetismus-Experten von AMZ Rolf Ziegler waren vor der Finanzkrise zu mehr als 100 Prozent ausgelastet. „Deshalb ist die Krise für uns kein all zu großes Problem“, sagt Geschäftsführer Rolf Ziegler. Das Personal müsse bisher nicht um Arbeitsplätze fürchten. Das Unternehmen produziert mit seinen rund 50 Mitarbeitern unter anderem Magnetsysteme für die Medizintechnik und für die Nutzfahrzeugbranche. Mit den Abnehmern seien Rahmenverträge geschlossen. „Abgesprungen ist bisher kein Partner, nur werden die Produkte später abgerufen als gewohnt“, erläutert Ziegler. Die Schwankungen des Produktionsvolumens werden durch Zeitkonten ausgeglichen. Momentan würden vor allem Resturlaubstage und Überstunden abgebaut. In der Krise sehen die Illinger eine Chance: „Wir müssen jetzt neue Produkte entwickeln und so mehr Geschäfte machen“, sagt Rolf Ziegler.
- Werkzeugbau und Stanzerei Kölle: „Es ist ruhiger geworden.“ So formuliert Karl-Heinz Neuhaus, Geschäftsführer der Firma Werkzeugbau und Stanzerei Kölle in Enzweihingen, die momentane Auftragslage. Von einem Einbruch möchte er aber nicht sprechen. Die 60 Mitarbeiter des Unternehmens seien derzeit angehalten, Überstunden und Resturlaubstage abzubauen. „Die Situation ist nicht besorgniserregend“, sagt Neuhaus. Ein Stellenabbau oder Kurzarbeit sei nicht geplant. Der Geschäftsführer geht davon aus, dass sich die Lage in einigen Monaten wieder normalisieren wird und stellt fest: „Wir brauchen keine Hilfe.“
- Ensinger Mineral-Heilquellen: „Die Krise ist bei uns im Getränkebereich noch nicht angekommen“, sagt Thomas Fritz, geschäftsführender Gesellschafter der Ensinger Mineral-Heilquellen. Das mittelständische Unternehmen mit einem Jahresumsatz von rund 40 Millionen Euro (2007) und aktuell 150 Mitarbeitern ist auf dem Markt mit rund 60 verschiedenen Getränken vertreten. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Mineral- und Heilwasser nahm seit 1970 in Deutschland gewaltig zu – allerdings erfolgen mehr als 44 Prozent des Absatzes über Discounter. „Und deshalb sind wir bereits seit fünf Jahren in einer Krise und damit auch krisenerprobt“, so Fritz. Um am Markt bestehen zu können, legte die Ensinger Mineral-Heilquellen in den letzten Jahren bereits ein gewaltiges Investitionsprogramm auf. In der vergangenen Dekade wurden nach Firmenangaben 58 Millionen Euro für Innovationen locker gemacht. Konkrete Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftsflaute befürchtet Fritz, wenn der Glasanteil sich weiter zugunsten von PET-Flaschen verschiebt. „Dann gibt es in unserer Glasanlage natürlich weniger Arbeit und Mitarbeiterfreisetzungen sind denkbar.“ Diese „Anpassungen“ würden sich aber im einstelligen Bereich bewegen.
- Safthersteller Kumpf: Der Unterriexinger Safthersteller Kumpf ist bereits im vergangenen Jahr in Schieflage geraten. Damals rettete ein Saftkonzentratgeschäft mit der hessischen Hassia-Gruppe das Unternehmen vor der Insolvenz. Jetzt steigt der Getränkekonzern Hassia, zu dem unter anderem die Saftmarke Rapp’s gehört, als Mehrheitseigner bei Kumpf ein. Die erste Maßnahme: 19 Mitarbeitern erhielten die betriebsbedingte Kündigung. Damit wurde die Zahl der Angestellten um fast ein Viertel auf 65 reduziert. Hassia will bei Kumpf in allen Bereichen Optimierungen treffen, damit das Unternehmen wieder schwarze Zahlen schreibt. Wann das Ziel erreicht werden kann, steht wegen der Finanzkrise allerdings noch nicht fest. Nur so viel ist sicher: Die Marke Kumpf soll weiterhin bestehen bleiben.
- Dr. Karl Bausch: „Wir sind von der Krise schwer betroffen. Wir haben Einbrüche von rund 40 Prozent“, sagt Kurt Bausch, Geschäftsführer des Kleinglattbacher Unternehmens. Mit eigenem Werkzeug- und Formenbau in Vaihingen und Budapest, der leistungsfähigen Stanzerei, der anschließenden Druckgießerei und den Pulverbeschichtungsanlagen zur Grundisolation von Läuferpaketen gehört die Dr. Karl Bausch GmbH&Co. zu den führenden europäischen Anbietern von Bauteilen für elektrische Maschinen. Zu den Kunden zählen namhafte Zulieferer der Automobilindustrie, Hersteller von Elektrowerkzeugen und Spezialmotoren sowie Haushalts- und Küchengeräten. Als Zulieferer der Automobilzulieferer ist die Firma gebeutelt. Seit 19. Januar wird in der Produktion kurz gearbeitet. „Wir rechnen mindestens für ein halbes Jahr mit der schlechten Situation“, so Bausch. „Bis jetzt sind wir noch ohne Kündigungen ausgekommen, langfristig möchte ich diesen Schritt aber nicht ausschließen.“ Derzeit sind bei Bausch 334 Mitarbeiter beschäftigt. Durch Kurzarbeit, verstärkte Instandhaltungsarbeiten und Qualifizierungen soll die Belegschaft erhalten bleiben.
- Werkzeug- und Maschinenbau Schober: Der weltweite Spezialist für die Entwicklung und Herstellung von rotativen Präzisionswerkzeugen, Einbauaggregaten und Spezialmaschinen mit Hauptsitz in Hochdorf ist von der Krise ebenfalls betroffen. Das bestätigt Klaus Wittmaier, zusammen mit Bettina Schober geschäftsführender Gesellschafter des 1949 gegründeten Unternehmens. „Unsere Kunden kommen schlechter an Gelder ran, das ist deutlich spürbar.“ Trotzdem blickt die Hochdorfer Firma optimistisch in die Zukunft. Wittmaier: „An Entlassungen denken wir nicht.“ Derzeit würden die Überstunden der 130 Mitarbeiter abgebaut, dann gebe es noch den Weg über Zeitkonten. Thema Kurzarbeit? „So weit sind wir noch lange nicht.“
- Krempel-Gruppe: Beim Enzweihinger Werkstoffproduzenten Krempel ist in Bezug auf die Krise von einer Beruhigung bei den Auftragseingängen die Rede. Trotz allem sei das Jahr 2008 so gut verlaufen, dass der höchste Umsatz in der Unternehmensgeschichte eingefahren worden sei. Eine Summe nannte das Unternehmen nicht. Das Personal muss nicht um Arbeitsplätze fürchten: „Unseren Personalstand beabsichtigen wir in 2009 konstant zu halten“, sagt Geschäftsführer Hans Kröner.
- Fakir: Schon bei der 75-Jahr-Feier im vergangenen Jahr waren die Aussichten düster. Im vierten Quartal dann der endgültige Einbruch. Das Traditionsunternehmen Fakir in der Industriestraße in Kleinglattbach baut mehr als 30 Stellen ab.
„Die positive Meldung ist, dass die Produktion in Kleinglattbach weiter läuft“, so Geschäftsführer Jürgen Nürnberger. Und er verschweigt nicht: „Der Standort stand auf der Kippe.“
Die IG Metall Pforzheim hat in einer Pressemitteilung den Stellenabbau bei Fakir in dieser Woche publik gemacht. „Nachdem der weltbekannte Staubsaugerhersteller Fakir bereits im Jahr 2005 ein Sanierungskonzept umgesetzt hatte, bei dem Stellen abgebaut wurden, kommt es jetzt erneut zu 40 Stellenstreichungen“, heißt es von der Gewerkschaftsseite. Betriebsratsvorsitzender und Geschäftsführung sprechen von etwas mehr als 30 Arbeitnehmern, davon 25 Mitarbeiter der Stammbelegschaft, denen gekündigt wird. Noch ungefähr 40 Beschäftigte verbleiben bei Fakir.
Für die Betroffenen der Stammbelegschaft konnte nach Gewerkschaftsangaben eine Transfergesellschaft zur Qualifizierung der Beschäftigten durchgesetzt werden. Diese hat je nach Betriebszugehörigkeit eine Laufzeit von sechs bis zwölf Monaten. Das Gros der Arbeitnehmer, die Opfer des Abbaus sind, wohne im Enzkreis.
Fakir-Geschäftsführer Nürnberger gibt sich trotz der prekären Situation optimistisch. Er rechnet in diesem Jahr nach dem „eklatanten Auftrags- und Nachfrageeinbruch“ mit einer Konsolidierung. Das Konsumgütergeschäft sei ein stabiler Markt „und so können wir als Spezialanbieter in 2009 und 2010 die Kurve kriegen“. Vor allem für die Firma nilco-Reinigungsmaschinen, die unter dem Dach der Fakir Holding angesiedelt ist, erwartet Nürnberger bei den gewerblichen Reinigungsmaschinen Wachstumsstrategien.
Philipp-Marc Schmid, Uwe Bögel
